Eine «brutale und demütigende» Form von Polizeigewalt

Zwei Beamte der Stadtpolizei Schlieren sind unter anderem wegen mehrfachen Amtsmissbrauchs mit bedingten Geldstrafen von je 270 Tagessätzen bestraft worden.

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Das Obergericht sprach von einer «veritablen Herausforderung»: Zwei bislang unbescholtene Polizisten der Stadt Schlieren beteuerten ihre Unschuld. Belastet wurden sie von einem Randständigen mit der Tendenz zu Dramatisierung und Übertreibung sowie insbesondere einer unverkennbaren Abneigung gegen Behörden im Allgemeinen und Polizisten im Besonderen. Wer spricht die Wahrheit?

Die Beamten hätten ihn misshandelt, ja «gefoltert»

Die damals 40- und 50-jährigen Polizisten waren im Juni 2011 in einen Schrebergarten zu einem handgreiflichen Streit zwischen einem Rentnerehepaar und dem Randständigen gerufen worden. Der Randständige, ein damals 43-jähriger Schwyzer, behauptete, während der Kontrolle durch die Beamten misshandelt, ja «gefoltert» worden zu sein.

Auf diese Weise hätten sie herausfinden wollen, wo er das Marihuana gebunkert hatte, dessen Geruch sie glaubten wahrgenommen zu haben. Die Rede war von mindestens dreissig Ohrfeigen, Tritten in den Bauch sowie einem schmerzhaften Zurückbiegen eines Fingers. Sein Körper sei mit Prellungen und Schürfungen übersät gewesen. Drei Monate später reichte der Mann eine «bemerkenswert detaillierte Strafanzeige» ein.

Weitere Beweise entscheidend

Was gab den Ausschlag für die Verurteilung? Das Gericht nahm die Aussagen des Randständigen zwar «mit grösster Zurückhaltung» zur Kenntnis. Es konnte aber nicht an zwei Zeugen vorbeisehen, denen der 46-Jährige am Tatabend und am folgenden Morgen erzählt hatte, er habe «von der Polizei auf den Ranzen bekommen», und ihnen den geschwollenen Finger und das hufeisenförmige Hämatom auf der Brust gezeigt hatte. Zudem bestätigte der Hausarzt die Verletzungen. Eine Röntgenaufnahme bestätigte die Verletzung am Finger. Diese zusätzlichen Beweiselemente waren entscheidend.

Zum andern hatten auch die Beamten sich teilweise «völlig unglaubhaft» verhalten. So hatten sie beispielsweise verschwiegen, dass sie nach den Übergriffen noch einmal zum Schrebergarten gekommen waren, um nach dem Marihuana zu suchen, was ihnen zusätzlich eine Verurteilung wegen Hausfriedensbruchs eintrug. Auch hatten sie nach Meinung des Gerichts eine Bussenquittung so verstümmelt, dass ihre Unterschriften fehlten. Damit, so das Gericht, «wollten sie ihre Identität verheimlichen, weil sie nach den erfolgten Übergriffen «etwas zu befürchten» hatten.

Strafe reduziert

Gegenüber dem erstinstanzlichen Bezirksgericht Dietikon hielten die Oberrichter eine Freiheitsberaubung, mehrfache Nötigung und die Ohrfeigenkaskade für nicht erwiesen. Es blieb bei der Verurteilung wegen mehrfachen Amtsmissbrauchs, einfacher Körperverletzung und Hausfriedensbruchs. Die ursprüngliche Strafe von sechzehn Monaten wurde auf neun Monate gesenkt und in eine bedingte Geldstrafe von 270 Tagessätzen umgewandelt.

Die Richter nannten das Vorgehen der Beamten, von denen einer den Beruf gewechselt hat, «brutal, demütigend und erniedrigend». Die Verteidiger erwägen einen Weiterzug ans Bundesgericht, wollen aber zuerst die schriftliche Begründung des Urteils abwarten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.06.2015, 19:40 Uhr

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