Interview

«Einsame Momente sind der Preis, den man als DJ bezahlt»

Trance-DJ Tatana sagt, der am Sonntag verstorbene Roger Beglinger (DJ Energy) habe zu wenig Anerkennung erhalten. Und sie erklärt, wie sie ihr eigenes Tief überwunden hat.

«Menschen glücklich zu machen, gibt mir Kraft»: Tatana.

«Menschen glücklich zu machen, gibt mir Kraft»: Tatana. Bild: Dominique Meienberg

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Wann haben Sie zuletzt mit Roger Beglinger gesprochen?
Am Samstag vor meinem Auftritt an der Street-Parade. Ich merkte, dass es ihm nicht gut ging. Wir haben dann vereinbart, dass er sich nach seinem DJ-Set an der Energy-Party bei mir meldet. Leider hat er das nicht mehr getan.

Wie haben Sie vom Tod von DJ?Energy erfahren?
Ich kam erst spät nach Hause. Am frühen Sonntagnachmittag weckte mich mein Bruder. Da erfuhr ich es.

Wussten Sie von seinen gesundheitlichen Problemen?
Vor der Street-Parade sah ich DJ Energy letztmals im März, als wir zusammen in einem Club in Volketswil aufgelegt haben. Seither habe ich nichts mehr von ihm gehört und war selbst auch zu beschäftigt. Am Samstag suchte er den Kontakt zu mir und wiederholte immer wieder, wie schlecht es ihm ging. Ich hab ihm fast noch Vorwürfe gemacht, weshalb er nicht längst angerufen hatte.

Roger Beglinger hätte an der Energy im Hallenstadion erstmals auf einer Nebenbühne auftreten sollen. Hat ihn das gekränkt?
Er hat diese Party gross gemacht. Es tat mir weh, dass er nicht vor dem grossen Publikum hätte auftreten dürfen. Als Künstler hat man Hochs und durchlebt Zeiten, in denen es weniger gut läuft. Ein Veranstalter sollte jedoch nie vergessen, wem er den Erfolg mitzuverdanken hat. Roger hat sich damit abgefunden, aber es hat ihn belastet und geschwächt.

Sie fordern mehr Respekt?
Absolut. Vor drei Monaten hiess es noch, DJ Energy sei vorbei. Und jetzt, da er weg ist, nennt man ihn eine Legende. Das ist doch ein Widerspruch. Roger hat in den letzten Jahren oft unter mangelnder Anerkennung gelitten. Vielleicht realisieren jetzt einige, dass ein DJ Antoine oder auch ich nur erfolgreich sein können, weil er der Erste war, der Mix-CDs erfolgreich produziert hatte. Er gönnte jedem den Erfolg, kannte keine Eifersucht. Er verlangte einfach, dass man ihn auch noch ranlässt.

Sie haben in den letzten beiden Jahren aus gesundheitlichen Gründen pausiert. Nach der Energy 2008 zogen Sie eine Notbremse. Was ging damals bei Ihnen vor?
Ich bin DJ aus Leidenschaft. Als dieser Teil von meinem Leben plötzlich wegfiel, fühlte ich mich leer und wusste nicht, was ich ohne Musik mit dem Tag anfangen sollte. Aber ich spürte das Feuer nicht mehr, war ständig am Kämpfen: Ich vermisste das Auflegen, doch fehlte mir die Kraft dazu. Eine schwierige Zeit. Vorher hörte ich stundenlang neuen Sound, war im Studio, lebte die Musik – dann war auf einmal alles weg.

Das klassische Burn-out.
Ich verwende den Begriff nicht gerne. Ich war einfach wahnsinnig müde, hatte keine Lust mehr auf gar nichts. Und zwar jeden Tag. Musik gibt den Menschen Kraft, sie ist wie ein Nahrungsmittel, das man braucht. Wenn du diese Emotionen nicht mehr spüren kannst, fällst du in ein Loch.

Wie kamen Sie wieder auf die Beine?
Meine Familie und ein paar wenige Freunde waren eine grosse Stütze. Nach einem Jahr dachte ich, dass ich wieder ein neues Album aufnehmen könnte, musste aber nach ein paar Wochen abbrechen. Ich war damals noch zu erschöpft. Vielleicht brauchte es diese Auszeit. Jetzt bin ich wieder motiviert.

Hatten Sie je Zweifel, ob das Nachtleben das Richtige für Sie ist?
Nein. Es mag nicht das Gesündeste sein, aber eine Krankenschwester hat auch ein Nachtleben.

Die muss aber nicht immer fröhlich sein.
Wer ausgeht, hat eine strenge Arbeitswoche hinter sich. Die Leute kommen in den Club, um Musik zu hören, und sie wollen abschalten. Wenn ich sehe, wie ich diese Menschen glücklich machen kann, gibt mir das Kraft. Darum schaffe ich es. Wenn ich aber merke, dass die Stimmung mies ist, zieht mich das runter.

Und dann helfen nur noch Drogen?
Mit Drogen geht es gar nicht. Nach einem Glas Wein ist alles schön, nach einem Liter geht es einem schlecht. So verhält es sich auch mit anderen Drogen. Wie der Alkohol oder das Rauchen werden sie zur Gewohnheit. Jeder macht irgendwann seine Erfahrungen, aber ich wäre heute nicht da, wo ich bin, wenn ich Drogen konsumieren würde.

Im Jahr 2003, auf dem Höhepunkt Ihrer Karriere, legten Sie rund 220-mal pro Jahr auf. Wie oft tun Sie sich das heute noch an?
Ich werde nie mehr drei Auftritte in einer Nacht machen wie früher. Das ist sinnlos. So kann man an keinem Ort die Leute richtig glücklich machen, ist gedanklich immer schon einen Club weiter. Diese Dinge musste ich lernen: Was tut mir gut, wie weit kann ich gehen?

Sind es nicht die Manager von der Plattenfirma, die Ihre Termine planen?
Nein, die wollen auch lieber, dass ich exklusive Sachen mache. Ich möchte zum Beispiel mehr mit Liveband auftreten. Wie im Jahr 2000 an der Energy oder am Heitere Open Air. Als DJ kann ich mehr, als nur ein paar Beats zu mixen. Mit einer Band macht es auch mehr Spass.

Wie hoch ist Ihr Marktwert?
Gute Frage. Wie misst man den?

An Gagen oder CD-Verkäufen.
Auch nach zweijähriger Schaffenspause gibt es eine Menge Leute, die meine Musik mögen und schätzen.

Sie haben zweimal den Prix Walo gewonnen, zigmal Gold und Platin erreicht mit Ihren Alben. Wie wichtig ist Ihnen diese Anerkennung?
Ich will mit meiner Musik Menschen glücklich machen. Wenn ich dafür einen Preis bekomme, ist das natürlich toll. Wichtiger ist mir aber, dass die Leute mit einem Lachen nach Hause gehen.

Und wie gehen Sie nach Hause?
Ich kann nicht verlangen, dass sich mein Publikum Gedanken darüber macht, wie ich mich fühle. Sie wollen es ja lustig haben an der Party, was völlig in Ordnung ist. Aber es gibt Momente, die nicht so gut sind. Das Warten auf den Auftritt im Hotelzimmer nach einem fünfzehnstündigen Flug zum Beispiel.

Kann man per Knopfdruck gute Laune verbreiten?
Die kommt automatisch vor 10'000 Leuten. Nach der Euphorie fällt man in ein Loch. Da muss man als Künstler stark sein, Konzerte sind Extremsituationen.

Die Stones können sich hinter der Bühne umarmen und abklatschen, als DJ bleibt man allein.
Bands haben es einfacher, stimmt. Gerade im Ausland ist es nicht immer möglich, dass Freunde oder Familienmitglieder dabei sind. Zum Glück gibts Skype! Inzwischen kenne ich an vielen Orten Menschen. In Miami gehe ich immer zu Freunden grillen. Aber es ist schon so: Die einsamen Momente sind der Preis, den ich als DJ bezahle. Ich muss lernen, damit umzugehen. Andere müssen dafür jeden Morgen um halb sechs mit dem Zug ins Büro fahren, obwohl sie vielleicht keine grosse Lust dazu haben. Das Leben kann nicht nur aus schönen ­Momenten bestehen, sonst würde man nicht leben.

Wie haben sich Ihre Gagen in den letzten Jahren entwickelt?
Die waren immer etwa gleich hoch, ob ich gerade einen Hit hatte oder nicht. Vielleicht war das ein bisschen dumm von mir und ich hätte mehr von meinem damaligen Marktwert profitieren sollen.

Was war Ihre höchste Gage?
20'000 Franken für den Auftritt an einem Firmenanlass in Peru vor Jahren.

Wie viel gabs im März in Volketswil?
Viel, viel weniger.

Was macht der momentan so erfolgreiche DJ Antoine besser?
Er ist eindeutig der bessere Geschäftsmann. Ich bin einfach Künstlerin.

Kann man als DJ in Würde altern?
Ich bin jemand, der nicht nach dem Schema lebt, mit 30 sollte man dies, mit 35 kann man noch das und mit 40 darf man jenes nicht mehr.

Sie wünschen sich Kinder?
Der Wunsch ist da, er ist in mir drin. Mein nächstes Baby ist jetzt einfach mal das neue Album im Herbst.

Erstellt: 17.08.2011, 07:05 Uhr

Mit Trance in die Hitparade

Tatana ist die wohl bekannteste Schweizer She-DJ. Die 34-Jährige mit tschechischen Wurzeln wurde vor allem mit ihren Trance-Hymnen bekannt, die sie für die Street-Parade schrieb. Zwischen 2003 und 2005 produzierte sie drei Alben, die in der Schweizer Hitparade die Nummer eins erreichten. Mit Roger Beglinger (DJ Energy) verband sie eine enge Freundschaft.

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