Elf Gemeinden wollen baden gehen

Im Norden des Kantons teilen sich 180'000 Einwohner zwei Hallenbäder. Trotzdem soll eines abgebrochen werden. Nun wehrt sich das Weinland gegen den Entscheid. Alles hängt davon ab, ob der Kanton noch einlenkt.

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41 öffentliche Hallenbäder zählt der Kanton Zürich. Dazu kommen noch Schulschwimmbäder, die teilweise für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Doch der nördliche Teil des Kantons ist unterversorgt. So gibt es in der Grossstadt Winterthur mit ihren 107'000 Einwohnern einzig das Geiselweid (in dem ein Gedränge herrscht) und nördlich von ihr bis zur Kantonsgrenze nur noch ein weiteres: das Hallen- und Freibad in Rheinau. Das macht zwei Hallenbäder für die zwei Bezirke Winterthur und Andelfingen mit insgesamt über 180'000 Einwohnern.

Und jetzt ist das Hallenbad Rheinau dem Untergang geweiht. Geht es nach dem Willen der Gemeinde und des Kantons, soll es noch dieses Jahr dem Erdboden gleichgemacht werden. Der Kanton leistet künftig keinen Beitrag mehr zur Deckung des jährlichen Defizits von rund 510'000 Franken, und die Gemeinde kann sich das sanierungsbedürftige Bad nicht leisten.

Elf Gemeinden ziehen mit

Grund für den Rückzug des Kantons ist der neue Finanzausgleich. Dieser erlaubt dem Kanton solch spezifische Hilfe für Gemeinden nicht mehr. Der Kanton ist aber bereit, die 2 Millionen für den Rückbau zu zahlen – sofern dieser noch dieses Jahr stattfindet.

Diese Bedingung ist der springende Punkt. Denn ohne diese Klausel könnte das Hallen- und Freibad Rheinau weiterbetrieben werden. Davon ist zumindest der Verein Badi Rheinau überzeugt. Dieser hat sich im Juni 2012 gebildet und weibelt seither für den Erhalt des Bades. Inzwischen haben sich elf Gemeinden der Region bereit erklärt, das verringerte Defizit mitzutragen, sagt Vereinspräsident Andrea Braun gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Gesichert seien damit rund 150'000 Franken im Jahr.

Es geht um die Rückbaukosten

Braun geht davon aus, dass 200'000 Franken reichen, da über die Hälfte des derzeitigen Jahresdefizits auf Abschreibungen und die Verzinsung des Fremdkapitals zurückzuführen ist. Diese Kosten würden künftig nicht mehr anfallen, da die neue Betriebsgesellschaft die Anlage für 1 Franken übernehmen würde. Braun zeigt sich zuversichtlich, die restlichen 50'000 Franken zusammenkratzen zu können. Er zählt dabei auf das regionale Gewerbe und private Sponsoren.

Was der Verein beziehungsweise die noch zu gründende privatrechtliche Trägerschaft aber nicht leisten kann, ist die Sicherstellung des 2-Millionen-Rückbaus. Deshalb möchte Braun den Kanton verpflichten, den Rückbau auch dann zu finanzieren, falls dieser erst später erfolgen soll. «Der Kanton verliert doch nichts dabei, wenn der Betrag erst später oder gar nicht anfällt», argumentiert Braun. «Wir wollen einfach nicht schlechter gestellt werden als die Gemeinde als heutige Betreiberin.» Dennoch hat der Kanton bisher auf stur geschaltet – und sogar noch einen draufgegeben. In einer Sitzung im Dezember habe ein kantonaler Vertreter überraschend eingeworfen, künftig von einer Betriebsgesellschaft neu einen Baurechtszins zu verlangen, berichtet Braun. Es sei um 1 Million gegangen, woraus er herleitet, dass der Kanton in den nächsten fünf Jahren jährlich 200'000 Franken fordert. Fest steht: Auch diese Summe könnte der Verein zusammen mit den Gemeinden und Sponsoren nicht erbringen.

Sitzung mit zwei Regierungsräten

Hoffnung hat Braun trotzdem. Denn am 11. März findet eine letzte, entscheidende Sitzung mit dem Kanton statt. Dass dieser das Anliegen aus dem Weinland ernst nimmt, zeigt die Tatsache, dass mit Martin Graf (Grüne) und Markus Kägi (SVP) gleich zwei Regierungsräte nach Rheinau fahren. Am Treffen werden auch der Gemeindepräsidentenverband Andelfingen und Vertreter der elf Gemeinden anwesend sein.

Ob es ein Entgegenkommen des Kantons geben wird, ist offen. Der Sprecher von Regierungsrat Graf, Benjamin Tommer, weist auf den engen Spielraum hin: «Es geht um die Gleichbehandlung der Gemeinden», sagt er. Dennoch hält er fest: «Das Engagement aus der Region ist äusserst erfreulich.»

Grösste Bewegung der Region

Dieses Engagement liess auf sich warten. Denn bereits 2007 hat der Kanton die Gemeinde Rheinau gewarnt, dass die finanzielle Beteiligung des Kantons an den ungedeckten Betriebskosten des Bads aufgrund des neuen Finanzausgleichs «kaum» fortgesetzt werden könne. Dies wiederholte der Regierungsrat 2010 in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage von Kantonsräten aus dem Bezirk Andelfingen.

Doch nun steht die Region auf. Der Verein Badi Rheinau ist mit 1450 Mitgliedern bereits der grösste Verein des Weinlands. Und am Donnerstag, den 21. Februar, findet im Hallenbad eine grosse Kundgebung unter dem Titel «Untergang? Nein danke!» statt. Mit der Aktion soll nicht etwa Geld gesammelt, sondern vor allem «ein starkes Signal nach Zürich» gesendet werden, schreibt der Verein in der Einladung.

Die Abmachung aus den 70er-Jahren

Die Zeit drängt. Ein positives Ergebnis des März-Gesprächs vorausgesetzt, müsste Ende März der Businessplan stehen und bis am 15. Mai ein neuer Baurechtsvertrag unterschriftsbereit sein, erklärt Vereinspräsident Braun. Im September würde die neue Trägerschaft in der Badi Rheinau das Zepter übernehmen.

Bis August ist die Gemeinde für den Betrieb zuständig. Der Kanton hatte ihr das Land 1974 für 90 Jahre zinslos im Baurecht überlassen. Einzige Bedingung: Die Patienten und das Personal des kantonalen Psychiatriezentrums Rheinau dürfen die Anlage einen Tag in der Woche exklusiv und unentgeltlich benutzen. Dieser Vertrag ist inzwischen aufgelöst worden.

Sanierung light in fünf Jahren?

Der Kanton beteiligte sich in den 1970er Jahren finanziell am Bau des Hallen- und Freibads und auch an der Sanierung vor gut 20 Jahren. Nun ist erneut Sanierungsbedarf vorhanden. Zur Kostenfrage machen Beträge zwischen 10 und 15 Millionen die Runde. Diese Zahlen hält Andrea Braun für überhöht: «Mehrere Gutachter bestätigen, dass sich die Anlage für ihr Alter in einem guten Zustand befindet.»

Seiner Ansicht nach würde eine Teilsanierung frühestens in fünf Jahren anstehen und in Etappen durchgeführt werden können. Bis dahin sollen die vielen Vereine, Schulen und Personen aus den Kantonen Zürich, Schaffhausen und Thurgau sowie gar aus Deutschland weiterhin vom Bad profitieren können, findet er. Und dann könnte allenfalls der kantonale Sportfonds und der Lotteriefonds angezapft werden.

Erstellt: 14.02.2013, 12:34 Uhr

Andrea Braun will die Badi Rheinau retten und drückt den SOS-Knopf. (Bild: Oliver Schmid)

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