Emilie Lieberherr mit 86 Jahren gestorben

Die ehemalige Zürcher Stadträtin verstarb gestern in ihrer Altersresidenz. Das kämpferische SP-Mitglied war die erste Frau in der Stadtregierung – und wurde später aus der Partei ausgeschlossen.

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Die langjährige Sozialvorsteherin Zürichs und Kämpferin für Frauenrechte ist gestern Montag in Zürich gestorben. Das vermeldet heute Tele Top. Lieberherr war die erste Frau, die 1970 in die Zürcher Regierung einzog. In einer Mitteilung zum Tod der 86-Jährigen schreibt die Stadtregierung, Zürich verliere mit Lieberherr «eine grosse Zürcherin und eine charismatische und verdiente Persönlichkeit.»

Lieberherr kämpfte leidenschaftlich für ihre Anliegen und liess sich nie in ein Korsett zwingen. Sogar dem Bundesrat habe sie die Leviten gelesen, wie sie kurz vor dem 80. Geburtstag dem «Tages-Anzeiger» sagte (siehe Link links). Als Mitglied der SP wurde sie 1990 aus der Partei ausgeschlossen, da ihre «Parteisolidarität in Sach- und Personalfragen mangelhaft» sei, wie es damals hiess. 1994 trat sie nach 24 Amtsjahren als Vorsteherin des Sozialamtes aus dem Stadtrat zurück und wurde durch Monika Stocker ersetzt.

Zu den Pionierleistungen von Lieberherr gehörten laut Stadtregierung unter anderem die Alimentenbevorschussung, der intensivierte Bau von städtischen Altersheimen, die Stiftung Wohnfürsorge für Betagte, die Einrichtung zahlreicher Jugendtreffpunkte in den einzelnen Quartieren sowie Einsatzprogramme für arbeitslose Jugendliche.

Wegbereiterin der Drogenabgabe

In der Drogenpolitik gestaltete Emilie Lieberherr das noch heute geltende Modell der vier Säulen mit. Mit ihrer Idee der kontrollierten Heroinverschreibung stärkte sie massgebend die Säulen «Überlebenshilfe» und «Therapie».

In ihrem politischen Schaffen war Emilie Lieberherr national und über die Stadtgrenzen hinaus aktiv. Sie setzte sich seit den 1960er Jahren für die Gleichstellung von Frau und Mann ein und trug als Präsidentin des Aktionskomitees für den Marsch nach Bern massgeblich zur Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz bei. Als Gründungsmitglied und Präsidentin des damaligen Konsumentinnenforums der Deutschen Schweiz und des Tessins war sie eine der Vorkämpferinnen des Konsumentenschutzes in der Schweiz.

Anlässlich ihres 80. Geburtstages schrieb Ruedi Baumann 2004 im «Tages-Anzeiger»:

Als Tochter einer Italienerin und eines Eisenbahners aus dem Toggenburg wächst sie in Erstfeld auf. Schon als Schülerin setzt sie sich für das Frauenstimmrecht ein und macht mit ihren Aversionen gegen Hitler am katholischen Internat Ingenbohl «die halbe Schule verrückt». Dank unbändigem Tatendrang schafft sie als Urner Mädchen fast Unmögliches: Bei der Bankgesellschaft in Zürich tritt sie so energisch auf, dass ihr ein Ferienjob angeboten wird. Ein Jahr später und noch nicht 18 wird sie vom Generaldirektor persönlich angestellt.

Histörchen I: Nach dem Ökonomiestudium in Bern und der Ausbildung zur Erwachsenenbildnerin und Verkaufstrainerin fährt Emilie Lieberherr per Schiff nach Amerika. Sie hat ihren letzten Rappen aufgebraucht, als sie in New York von Henry Fonda für ein Jahr als Kindermädchen angestellt wird. «Sie müssen mir versprechen, meine Kinder so zu erziehen, wie Sie ihre eigenen erziehen würden», verlangt der Schauspieler bei einem Spaziergang im Central Park.

Emilie Lieberherr tut das gewissenhaft, spricht mit dem «Easy Going»-Peter viel Französisch und macht mit der faulen Jane jeden Morgen Gymnastik ab Grammofon, wie sie das auf Radio Beromünster gelernt hatte. Mit Jane, spätere Aerobic-Queen, verliert sie den Kontakt, weil sie deren undisziplinierten Lebenswandel zu heftig kritisiert. Mit «Easy Ryder»-Peter fährt sie noch immer auf der Harley aus, wenn er in die Schweiz kommt. Amerika als Reiseland ist für Lieberherr tabu, «so lange Bush Präsident ist».

Verdienste I: So eindrücklich, wie sich Emilie Lieberherr in der schweizerischen Bank und der amerikanischen High Society durchsetzt, geht ihre Karriere in der Schweiz weiter. Sie wird 1961 Mitbegründerin und später Präsidentin des Konsumentinnenforums. 1969 führt sie den Marsch auf Bern fürs Frauenstimmrecht an, 1970 wird sie, eben erst SP-Parteimitglied, als erste Frau in den Stadtrat gewählt. 1978 wird Lieberherr auch erste Ständerätin; sie schnappt der FDP den Sitz von Fritz Honegger weg, der Bundesrat wird. Lieberherr baut als Stadträtin 22 Altersheime und ist die Wegbereiterin einer liberalen Drogenpolitik, unter anderem der kontrollierten Heroinabgabe an Schwerstsüchtige.

Histörchen II: Legendär ist Lieberherrs TV-Auftritt im «CH-Magazin» während der Jugendunruhen 1980. Moderator Jan Kriesemer lädt neben Stadträten und dem Polizeikommandanten auch zwei Bewegte ein, die sich als biederes Ehepaar Anna und Hans Müller ausgeben. Lieberherr hat das Gefühl, in der Sendung geschnitten zu werden, und droht dem Moderator mit dem Verlassen des Studios. Zürich reagierte auf die Provokation der Müllers empört, und Lieberherr bekommt 350 Briefe - alle zustimmend. Sie versöhnt sich mit Herrn Müller, der eigentlich Fredy Meyer heisst, und stellt ihn später gar als Sozialarbeiter ein. Versöhnt hat sie sich auch mit den Sozialdemokraten, die sie während zehn Jahren aus der Partei ausgeschlossen haben. «Sie ist eine von uns», heisst es heute bei der SP fast zärtlich.

Verdienste II: Seit 10 Jahren wirbelt Emilie Lieberherr ohne die Bande eines Amtes. Sie hält drei bis vier Vorträge pro Woche, engagiert sich in der Seniorenbewegung und für die Ärmsten der Gesellschaft, vor allem alleinstehende Frauen. Dabei wirkt sie nicht nur als Ökonomin, sondern auch als Lebens- und Gesundheitsberaterin. Als Stadträtin hat sie gelernt, wie man es nicht machen muss: zu viel essen und stressen. Trotzdem bedauert Emilie Lieberherr, dass sie «nicht mehr so wüten kann wie früher». Privat bewegt sie sich zwischen ihrer wunderschönen Wohnung an der Schipfe in Zürich und einem 200-jährigen Bauernhaus im zürcherischen Wil, das sie mit ihrer Freundin bewohnt. (ep)

Erstellt: 04.01.2011, 14:32 Uhr

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Emilie Lieberherr und folgende Stadträtinnen

Emilie Lieberherr und folgende Stadträtinnen Die Wegbereiterinnen von Stadtpräsidentin Corine Mauch

24 Jahre lang Sozialvorsteherin

Emilie Lieberherr wurde am 14. Oktober 1924 in Erstfeld UR geboren. Ihr Vater, gelernter Maschinenschlosser aus dem Toggenburg, arbeitete bei den SBB. Ihre Mutter war Italienerin, deren Vorfahren für den Bau des Gotthardtunnels in die Schweiz gekommen waren. Emilie Lieberherr schloss das Internat Ingenbohl zunächst mit dem Handelsdiplom und später mit der Matur ab. Nach einigen Jahren in der Wirtschaft, wo sie Verkaufspersonal schulte, studierte sie an der Universität Bern Wirtschaftswissenschaften und schrieb eine Doktorarbeit.

Nach einem Aufenthalt in den USA, wo sie unter anderem ein Jahr Kindererzieherin beim Hollywoodschauspieler Peter Fonda war, kehrte sie 1961 in die Schweiz zurück. In Zürich arbeitete sie als Lehrerin an der Berufsschule für Verkaufspersonal, daneben wirkte sie im neu gegründeten Konsumentinnenforum Schweiz, dessen Präsidentin sie 1965 bis 1978 war.

1970 Stadtrat, 1978 Ständerat

Bei den ersten Stadtzürcher Wahlen, an denen Frauen mitwirken durften, kandidierte Emilie Lieberherr für die Sozialdemokratische Partei. Im März 1970 wurde sie gewählt und übernahm das Sozialamt (heute Sozialdepartement), das sie bis zu ihrem Rücktritt im März 1994 leitete. Von 1978 bis 1983 sass sie für den Kanton Zürich im Ständerat.

Als Sozialvorsteherin forcierte sie den Bau von Altersheimen und legte mit der ärztlichen Heroinabgabe den Grundstein zur heutigen Drogenpolitik. Nach ihrem Rücktritt aus dem Stadtrat engagierte sie sich in Seniorenorganisationen. Zuletzt war sie daran, ihre noch verbliebenen Mandate nach und nach abzugeben, um mehr Zeit für sich selbst zu haben. (ds)

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