Endspiel in der Kirche Fällanden

Fällandens reformierte Pfarrerin widersetzt sich dem Verfahren, das der Kirchenrat gegen sie eingeleitet hat. Ihre Anwältin spricht von Mobbing.

Die reformierte Kirche in Fällanden kommt nach dem Stalkingfall um eine Pfarrerin nicht zur Ruhe. Foto: Reto Oeschger

Die reformierte Kirche in Fällanden kommt nach dem Stalkingfall um eine Pfarrerin nicht zur Ruhe. Foto: Reto Oeschger

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Der Streit um die beiden Pfarrerinnen in der reformierten Kirche Fällanden geht in eine neue Runde. Rechtsanwältin Heidi Affolter-Eijsten hat das Administrativverfahren angefochten, das der Kirchenrat gegen Pfarrerin M. eröffnet hat. Sie lehnt insbesondere eine vertrauensärztliche Untersuchung ihrer Mandantin ab. Der konsultierte Mediziner hatte Pfarrerin M. bereits im Sommer wieder volle Arbeitsfähigkeit bestätigt.

Zuvor war die Pfarrerin auf Rat des Zürcher Kirchenratspräsidenten Michel Müller einen Monat krankgeschrieben worden. Grund war ihre psychische Belastung, nachdem sie ab Ende März eine Reihe anonymer Drohschreiben erhalten hatte, mit der unmissverständlichen Aufforderung, «abzuhauen». In den Drohbriefen wurde sie als Frau grob sexistisch beleidigt («lachhafte Pfarrerin», «missratene Barbie», «jede Spielpuppe ist besser zu küssen»). Einem Paket war ein Kettengürtel beigelegt.

Den Höhepunkt erreichte die Drohpost mit einem Schimpansenbild, auf dem ein roter Pfeil auf die Stirne zeigte. Ähnlich verunglimpfende anonyme Schreiben erhielten auch der frühere Präsident der Kirchgemeinde und ein ehemaliger Mitpfarrer, der mit M. bis Mitte 2015 die Stelle geteilt hatte. Sie beide hatten sich im Konflikt in der Kirchgemeinde auf ihre Seite gestellt.

Vermittlung gescheitert

Begonnen hatte die Auseinandersetzung mit der Anstellung der neuen Pfarrerin P. im Juli 2015. Die zweite Stelle in der Kirchgemeinde war auf sechzig Prozent gekürzt worden, die beiden Pfarrerinnen sollten sich selber auf eine Arbeitsteilung einigen. Pfarrerin M. schlug eine Aufteilung der Dienstwochen gemäss dem Verhältnis der Pensen vor, dazu würde sie die Erwachsenenbildung und die Seelsorge im Alter übernehmen, nachdem sie Weiterbildungen zur Spitalpfarrerin und Betreuung bei Altersdemenz absolviert hatte.

Pfarrerin P. war damit nicht einverstanden. Sie wollte einen geringeren Anteil an den Dienstwochen übernehmen, verstand ihre Jugendarbeit als Generationenarbeit und wollte ihre Kollegin mit zum Konfirmandenunterricht verpflichten. Als sich die beiden Pfarrerinnen nicht einigen konnten, wurde der Dekan der Bezirkskirchenpflege eingeschaltet. Dessen Vermittlungsversuche scheiterten, er wies den Fall an den Personalverantwortlichen der Landeskirche weiter. Derweil wurde auch der Kirchgemeindepräsident Huldrych Thomann aktiv. Der 64-jährige Französischlehrer war vor seinem Kirchenamt während vieler Jahre Prorektor am Literargymnasium Rämibühl, ausserdem Vorsteher der Zunft Hottingen und später auch Präsident der SVP Fällanden.

Thomann verlangte von den beiden Pfarrerinnen im Herbst des vergangenen Jahres, den Zeitaufwand für die verschiedenen Tätigkeitsfelder zu erfassen. Mit Rückendeckung durch den Dekan lehnte es Pfarrerin M. ab, dem nachzukommen. Kirchgemeindepräsident Thomann machte dies im Vorfeld der Wiederwahl in einem «Chilebrief» an die Kirchgemeindemitglieder öffentlich.

Alternative Gottesdienste

Bei der Wiederwahl im März hatte Pfarrerin M. nun über 200 Gegenstimmen, trotzdem wurde sie – wie auch ihre Kollegin P. – komfortabel gewählt. Sie ist in der Kirchgemeinde beliebt, baut in ihre Gottesdienste auch immer wieder Unkonventionelles ein, etwa Jazz- und Gospelkonzerte, oder verlegt sie nach draussen. In ihren Predigten zitiert sie hin und wieder auch unbequeme politische Stimmen, etwa im Nachgang zu den Olympischen Spielen von Rio die verstorbene deutsche Theologin Dorothea Sölle, die in ihrem Politischen Nachtgebet die Mentalität von Brot und Spielen kritisierte («Der Mensch stirbt vom Brot allein»). Auch das Schicksal von Flüchtlingen bezieht sie in ihre Gebete ein. Daneben ist die frühere Mitarbeiterin der Personalabteilung einer Zürcher Privatbank lebenslustig und als Mitglied eines Gourmetclubs auch den schönen Seiten des Lebens nicht abgeneigt. Einst hatte sie darüber berichtet, dass sie sich regelmässig die Haut glättet – auch dies wird ihr in den anonymen Briefen immer wieder vorgehalten («jede Spielpuppe ist echter im Gesicht»).

Pfarrerin M. erhob Anzeige gegen unbekannt. Weil in den anonymen Drohbriefen Dinge standen, die nur das Pfarrkapitel wissen konnte, äusserte sie in der polizeilichen Befragung den Verdacht, ihre Kollegin P. könnte dahinterstecken, und reichte auch Strafanzeige gegen sie ein. Der Verdacht gegen P. erhärtete sich nicht. Zwar fand die Polizei auf deren Computer einen der Drohbriefe. Die Pfarrerin konnte indessen glaubhaft machen, dass sie den Brief in Kopie vom Kirchgemeindepräsidenten bekommen und per Mail an ihren Mann weitergeleitet hatte. Die Mail war gelöscht, die Kopie blieb auf der Festplatte. Pfarrerin P. wurde während des laufenden Untersuchungsverfahrens auf eigenen Wunsch suspendiert. Vergangene Woche wurde das Strafverfahren mangels Sachbeweis eingestellt.

Diese Einstellung hat M.s Rechtsvertreterin inzwischen angefochten. Sie und der ebenfalls belästigte ehemalige Mitpfarrer G. hatten kurz vor der Einstellung neue Beweisanträge eingereicht. Staatsanwalt Christian Frei hält den Tatbestand der Drohung und Nötigung allenfalls für das Schimpansenbild für erfüllt, der grosse Teil seien Beleidigung und Dinge, die man in der Kirchgemeinde regeln soll.

«Pfarrerin M. wurde schon vor einem Jahr mit der Aufforderung konfrontiert, ihre Arbeitszeit aufzuschreiben, Kirchgemeindepräsident Thomann machte diese Frage zur Machtprobe»Rechtsvertreterin der Pfarrerin

M.s Rechtsvertreterin Heidi Affolter- Eijsten hält den Fall für weit gewichtiger. Als Spezialistin sieht die Zürcher Rechtsanwältin die klassischen Elemente von Mobbing und Stalking erfüllt: «Pfarrerin M. wurde schon vor einem Jahr mit der ultimativen Aufforderung konfrontiert, ihre Arbeitszeit aufzuschreiben, Kirchgemeindepräsident Thomann machte diese Frage zur Machtprobe und holte sich dafür die Rückendeckung des kantonalen Kirchenrats.» Das soll ihm leicht gefallen sein, weil er als Mitglied der Geschäftsprüfungskommission (GPK) die Stabsstelle des Kirchenrats beaufsichtigt. Daniel Affolter, Kanzleipartner von Heidi Affolter, ist überzeugt, dass sowohl der Chefjurist des kantonalen Kirchenrats, Martin Röhl, als auch Kirchenratsschreiber Walter Lüssi in diesem Verfahren wegen Befangenheit in den Ausstand hätten treten müssen: «Wenn Kontrollierte ihren Kontrolleur beaufsichtigen, stimmt etwas nicht.»

Der Zürcher Kirchenrat weist den Vorwurf der Befangenheit aufgrund von Thomanns Einsitz in der GPK zurück. «Die Aufsicht führt nicht ein einzelnes Mitglied», sagt Sprecher Nicolas Mori, «sondern die GPK als Ganzes, und dies auch nicht über einzelne Mitarbeitende der Landeskirche.»

Amtswürdigkeit infrage gestellt

Derweil geht das Verfahren gegen Pfarrerin M. seinen Gang. Nach den Sommerferien wurde eine externe Beraterin in der Kirchgemeinde tätig. Sie nahm an Kirchenpflegesitzungen teil und sprach mit beiden Pfarrerinnen. Aufgrund ihrer Beobachtungen beschloss der Kirchenrat, ein Administrativverfahren gegen Pfarrerin M. einzuleiten, in dem ihre Gesundheit und Amtswürdigkeit durch eine vertrauensärztliche Untersuchung abgeklärt werden soll. Die Rechtsanwältin verlangt nun eine anfechtbare Verfügung. Das Kirchenrecht untersteht dem allgemeinen Verwaltungsrecht, eine Verfügung kann vor dem Verwaltungsgericht angefochten worden.

Kirchgemeindepräsident Thomann will die Details nicht in der Öffentlichkeit abhandeln, er hält den Fall, der sich um eine kleine Sache drehe, für «masslos aufgebauscht». Als die Kirch­ge­mein­de­­versammlung nach Abnahme des Budgets 2017 die leidige Situation in der Gemeinde besprach, verbat er sich Verunglimpfungen. Trotzdem intervenierte er nicht, als der Präsident der Rechnungsprüfungskommission Pfarrerin M. und ihre Rechtsvertreterin neuerdings verunglimpfte. Die Versammlung sei in völlig korrektem Rahmen verlaufen, sagt Thomann. Inzwischen hat M. laut ihrer Rechtsanwältin wieder anonyme Post bekommen, in dem beide Frauen als «krank im Kopf» bezeichnet werden.

«Wir haben beide zur Wiederwahl vorgeschlagen, weil wir überzeugt waren, dass sie sich gut ergänzen.»Kirchgemeindepräsident Huldrych Thomann

Den ehemaligen Pfarrer G. erinnert die Methode, mit der in seiner Gemeinde unbequeme Kritiker pathologisiert werden, an die Sowjetzeit. «Dass so etwas einmal in der Landeskirche Zürich geschehen könnte, hätte ich nicht im schlimmsten Traum erwartet», schreibt der Mann mit ungarischen Wurzeln in einer Mail an Kirchgemeindemitglieder. Das mag ein gar drastischer Vergleich sein, aber auch Aussenstehende erinnert das Geschehen in Fällanden an die bedrohliche absurde Literatur eines Franz Kafka oder Samuel Beckett. Romanist Thomann ist in dieser Domäne Spezialist, er hat sich in Referaten und einer Publikation ausführlich mit der Raumnot und Grenzlosigkeit in Becketts Einakter «Endspiel» auseinandergesetzt. Bedauern für die Betroffene dieser Absurdität äusserte er bisher wenig. Das soll laut Kirchenrat dessen Präsident Michel Müller gegenüber der Rechtsvertreterin von M. ausgedrückt haben.

Thomann ist nach der Einstellung des Strafverfahrens nun für die Zukunft wenigstens optimistisch: «Wir haben im Frühjahr beide Pfarrerinnen zur Wiederwahl vorgeschlagen, weil wir überzeugt waren, dass sie sich fachlich und persönlich gut ergänzen», sagt er. «Es ist nun zu hoffen, dass die völlig unnötige Dramatisierung des Problems überwunden werden kann.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.12.2016, 23:43 Uhr

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