«Enkeltrickbetrüger appellieren ans schlechte Gewissen der Senioren»

Am Wochenende waren Enkeltrickbetrüger einmal mehr erfolgreich und haben einem Rentner 80'000 Franken abgeknöpft. Alterspsychologin Bettina Ugolini sucht nach Erklärungen, wie dies möglich ist.

«Das Opfer wird in zweifacher Hinsicht in die Enge getrieben»: Bettina Ugolini von der Universität Zürich.

«Das Opfer wird in zweifacher Hinsicht in die Enge getrieben»: Bettina Ugolini von der Universität Zürich. Bild: PD

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Frau Ugolini, seit zehn Jahren funktioniert der sogenannte Enkeltrick. Wie kommt eine ältere Person dazu, einem Wildfremden hohe Geldbeträge zu übergeben?
Die vermeintlichen Verwandten gehen am Telefon sehr geschickt vor. Oft appellieren sie gleich bei Gesprächsbeginn ans schlechte Gewissen ihrer Opfer. Sie sagen Sätze wie «Weisst du denn nicht mehr, wer ich bin?», «Du kennst mich doch!» oder «Du erkennst doch sicher meine Stimme!». Damit sind die älteren Menschen mental sofort damit beschäftigt, ihre Biografie nach dem Verwandten zu durchsuchen.

Das heisst, das Opfer wird sofort in die Defensive versetzt?
Genau, die Person wird feststellen, dass sie sich nicht erinnert. Das macht sie betroffen, womit sie noch mehr in Rücklage gerät. Der Anrufer bestärkt dies mit Sätzen wie «Das darf doch nicht wahr sein» und behält damit im Gespräch die Oberhand. Dann kommt dazu, dass der Anrufer, den sie vermeintlich vergessen hat, auch noch in Not ist. Das löst den zweiten Impuls beim Opfer aus.

Welcher ist das?
Wir sind von Natur aus geneigt, uns nahe stehenden Personen zu helfen. Egal, was es kostet. Dadurch, dass das Opfer in zweifacher Hinsicht in die Enge getrieben wird, erhöht sich die Bereitschaft, mit Geld zu «helfen», ja sogar eine «Wiedergutmachung» zu leisten, weil der «Enkel» vergessen ging.

Sind ältere Personen besonders gutgläubig?
Nein. Das ist Charaktersache und hat mehr mit der persönlichen Vergangenheit zu tun. Ich werde im Gegenteil eher gefragt, ob ältere Menschen besonders misstrauisch sind.

Woher kommt denn der Erfolg der Enkeltrickmasche?
Unser Hirn funktioniert so, dass wir unsere Aufmerksamkeit auf etwas lenken. In der Telefonsituation konzentriert sich die ältere Person darauf zu überlegen, weshalb sie den Anrufer nicht kennt. Die Geldforderung geht dabei möglicherweise unter. Dazu kommt allenfalls, dass die Aufnahmefähigkeit im Alter reduziert ist. Man kommt weniger schnell darauf, dass jemand einen betrügen will.

Spielt auch der Aspekt der Einsamkeit eine Rolle?
Ja. Der Anrufer reisst die ältere Person aus dem Alltag, was diese unter Umständen begrüsst. Zudem wird ihr das Gefühl verliehen, gebraucht zu werden, wichtig zu sein.

Was sie gleich dazu verleitet, Zehntausende von Franken zu übergeben?
Geld bedeutet immer Macht. Wenn eine Person in die Lage versetzt wird, Geld zu geben, heisst das auch: Sie hat noch Einfluss, sie ist noch wirksam in der Gesellschaft. Das mag erklären, dass die Person dem Anrufer nicht einfach sagt: Ruf doch bitte einen anderen an.

Oder könnte es sein, dass ältere Menschen einer Generation entspringen, in der man sich in der Familie mehr aushilft?
Der Aspekt «Ich gehöre zu einem Clan, in dem man einander hilft» mag auch eine Rolle spielen. Und der moralische Gedanke, dass man ein Familienmitglied nicht hängen lässt.

Spielt Demenz eine Rolle?
Die Höhe der bei den Banken abgehobenen Beträge und die Tatsache, dass einige auf Drängen des Anrufers noch ein zweites Mal zur Bank gehen, wirft natürlich die Frage auf, ob die betroffenen Personen ihr eigenes Handeln in letzter Konsequenz abschätzen können. Die Menschen mit beginnender Demenz leben ja normal zu Hause und organisieren ihr Leben grösstenteils autonom. Wenn sich bei einer solchen Person ein vermeintlicher Enkel meldet, greift sie sich an den Kopf und fragt sich, wie sie den eigenen Enkel hat vergessen können – und geht zur Bank.

Das Opfer muss mehrere Schritte tun. Es muss zur Bank gehen, jemanden treffen zur Geldübergabe. Reicht diese Zeit nicht, um sich zu fassen und zu denken: Moment mal!
Offenbar nicht immer. Die Person redet sich unter Umständen immer wieder ein, dass der «Enkel» in Not sei. Zudem wird auch der Grundsatz hochgehalten: Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen.

Sollten die Bankschalterangestellten, bei denen die älteren Menschen das Geld abholen, besser geschult werden?
Unbedingt. Allgemein sollten Bankangestellte mit dem Krankheitsbild Demenz vertraut gemacht werden. Es ist ein heikles Thema. Man kann ja nicht jede ältere Person fragen: «Sind Sie sicher, dass Sie so viel Geld abheben wollen?» In zwei Wochen gehe ich auf Anfrage einer Stadt nach Deutschland. Dort erhalten Verwaltungsangestellte, Tramchauffeure und auch Angestellte von Banken und anderen Dienstleistern die Gelegenheit, sich in diesen Fragen weiterzubilden.

Bettina Ugolini ist Psychologin und leitet die Beratungsstelle «Leben im Alter» an der Universität Zürich.

Erstellt: 07.10.2013, 15:24 Uhr

Ein Anruf pro Tag

Enkeltrickbetrüger treiben seit rund zehn Jahren ihr Unwesen in der Schweiz. Jüngster Fall: In Saland im Zürcher Oberland ist am vergangenen Freitagnachmittag ein 76-Jähriger einem hochdeutsch sprechenden Mann aufgesessen, der am Telefon vorgab, ein alter Bekannter und in finanziellen Schwierigkeiten zu sein. Der Rentner übergab einer Kurierperson 80'000 Franken.
Immer wieder warnt die Polizei vor der Masche mit den vermeintlichen Bekannten oder Verwandten, die in Geldnöten seinen. Sie rät den Angerufenen, durch einen Rückruf sicherzustellen, dass es sich wirklich um die verwandte Person handelt. Wenn das Geld dringend benötigt wird, könne dies ein Hinweis auf einen Betrug sein. In jedem Fall sei umgehend über den Notruf 117 die Polizei zu informieren und niemals einer unbekannten Person Geldbeträge auszuhändigen.

1,6 Millionen ergaunert
2011 wurden in der Schweiz 1,6 Millionen Franken durch Enkeltrickbetrüger ergaunert. Sie hatten in 41 Fällen Erfolg. Es ist allerdings davon auszugehen, dass die Dunkelziffer gross ist. Viele Opfer schämen sich, reingefallen zu sein, und melden sich nicht bei der Polizei. Gemäss Angaben der Kantonspolizei sind im Kanton Zürich 2012 über 100 versuchte Fälle gemeldet worden. In rund 20 Fällen kam es zu Geldübergaben. «Schweizweit kommt es fast täglich zu einem Telefonanruf eines Enkeltrickbetrügers», sagt Kapo-Sprecher Marc Besson. Eine Abnahme dieser Zahl sei nicht zu erkennen.

Betrüger aus Polen
Den Straftatbestand Enkeltrick gibt es nicht. Er wird unter Betrug und Betrugsversuch registriert. Ab und zu gelingt es der Polizei, «Enkel» zu verhaften. So machte die Zürcher Kantonspolizei am 14. August einen 18-jährigen Polen dingfest, der einen 74-Jährigen in Oberweningen überlisten wollte. Die Stadtpolizei Zürich nahm am 28. Juni einen 46-jährigen Polen fest, der im Kreis 11 einen 73-jährigen Rentner 77'000 Franken abknöpfen wollte. Ebenfalls im Kreis 11 «fischte» am 22. Mai ein 20-jähriger Pole, der verhaftet werden konnte. Spektakulär war ein Fall im Februar dieses Jahres in Zürich: In drei Tranchen übergab ein 70-jähriges Ehepaar einem Boten 410'000 Franken zuhanden ihrer «Enkelin». Diese entkam.

Neue Masche
Die Polizei warnt auch vor einer neuen Masche: Wenn die Betrüger mit ihrer Überredungskunst scheitern und das Opfer kein Geld geben will, erhält es einen Anruf von einem vermeintlichen Polizisten. Dieser überredet den Rentner, zum Schein auf den Betrug einzugehen, um so den Betrüger zu fassen und andere vor Schaden zu bewahren. Der falsche Polizist geht mit dem Opfer zur Bank. Darauf ruft der Betrüger nochmals an, worauf das Opfer den Betrüger vermeintlich in die Falle locken kann – und das Geld weg ist. (pu)

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