Er ist der Hub

Dieter Neupert vertritt die Fliegerlobby. Er ist aber auch Oligarchen-Anwalt, Oberst, Surfer, Unruhestifter. Jetzt will er kürzertreten. Wenn da nur der Flugplatz Dübendorf nicht wäre.

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Wo anfangen? Vielleicht am Ort, wo er aufwuchs, an der Bahnhofstrasse 1, zwischen Nationalbank und Baur au Lac? Oder vielleicht mit der Geschichte, wie er im America’s Cup beinahe über Sieg und Niederlage entschied?

Nein. Starten muss man mit seinem Beruf. Dieter Neupert ist Anwalt. Spezialgebiet: Flugzeuge und Oligarchen. Wenn einer seiner Klienten eine 100-Meter-Jacht bei der Reederei Blohm + Voss bestellt, wird Neupert aufgeboten. Dann schaut er, dass die Verträge nicht lecken. Zu seinen Mandanten gehören Reiche aus Russland und Scheichs aus Katar. Er registriert deren Jets in der Schweiz, webt Firmennetze, seit 39 Jahren.

Noch länger dauerte Neuperts zweite Karriere. 51 Jahre lang war er ein AdA, ein Angehöriger der Armee, Eintritt 1962, Fliegerabwehr, gegen 2000 Diensttage, Austritt 2012 als Dienstältester, Verabschiedung «bei einem Apéro im Bundeshaus mit Händedruck meines alten Kameraden Christoph Blocher».

Er könnte längst aufhören, zu arbeiten. Ein Haus auf La Graciosa steht bereit, die kanarische Insel ist nur auf dem Wasserweg erreichbar, Sandpisten statt Strassen, angenehme Temperaturen. Neupert ist Windsurfer, auch mit 71 Jahren noch, im Sommer ist er so oft draussen, dass ihm die Sonne die Haare bleicht.

«Er kennt jeden»

Aber jetzt sitzt Dieter Walter Neupert mitten im Zürcher Januar. Genauer: im Café Cat’s Corner am Flughafen Zürich, dort, wo Privatjet-Passagiere durchgeschleust werden. Er trägt einen weissen Rollkragenpullover, eine schwarze Plastik-Swatch, seine Haare zeigen zweierlei Blondtöne – im Winter übernimmt der Coiffeur den Job der Sonne. Er ist gekommen, um aus seinem Leben zu erzählen. Und um zu erklären, warum er nochmals ein delikates Mandat angenommen hat.

Es geht um den Flugplatz Dübendorf. Das Gezerre darum ist in vollem Gang. Die Armee kann sich den Betrieb nicht mehr leisten, die Frage lautet: Wie weiter? Die Lobbys sind zersplittert, der Bund will eine Mischnutzung, Anwohner wollen Ruhe, aber auch Arbeitsplätze, Kanton, Militär, Verbände und Vereine reden mit, die Meinungen liegen quer wie sich kreuzende Pisten. Im Zentrum: Dieter Neupert. Er ist Vizepräsident des Interessenverbands Aerosuisse und soll sicherstellen, dass weiter Flugzeuge von Piste 11/29 starten können.

Neupert wirkt für die Flugplatz Dübendorf AG, einen Zusammenschluss von Luftfahrtfirmen und -verbänden. Die Gesellschaft bewirbt sich um den Betrieb des Flugplatzes für die nächsten 30 Jahre. Der Anwalt betreibt «juristische Beratung» – eine Untertreibung. Tatsächlich nutzt er hinter den Kulissen seinen Einfluss. «Er kennt jeden, der in der Schweizer Luftfahrt in den letzten 40 Jahren eine Rolle gespielt hat», sagt Hansjörg Bürgi, Chefredaktor von Skynews.ch. Neupert sass in der Luftfahrtkommission, präsidiert den Verband der Geschäftsfliegerei, arbeitete für den Armeestab, der die schweizweiten Grossübungen organisiert. Er bündelt die Interessen. Er ist der Hub.

Fliegerabwehr statt Pilot

Wie das kam? Dazu muss man sich an den Bürkliplatz denken. Dort, an der Bahnhofstrasse 1, wuchs Neupert in den 40er-Jahren auf. Seine Eltern führten eine Kunstgalerie. Als Kind schaute er zu, wie Camionneure vor der Nationalbank Goldbarren ein- und ausluden, tollte über Quai- und Münsterbrücke, «im Fraumünster war ich der einzige Konfirmand, es lebten kaum Kinder im Quartier».

Wie viele Jungen träumte er den Lokomotivführer- und den Pilotentraum. Er besuchte die fliegerische Vorschule, schaffte es aber nicht ins Cockpit. Stattdessen kam er in die Fliegerabwehr, begann ein Physikstudium an der ETH. Als er im Militär immer höher stieg, wechselte er an die Uni: «Jura kann man immer brauchen, dachte ich.»

Zum Beispiel für einen Aufstand gegen die Filmzensur. In den 60er-Jahren musste im Kanton Zürich jeder Film von einer Behörde abgenickt werden. 1968 schlossen sich drei Zürcher Studenten zusammen, um dagegen zu kämpfen, unter ihnen der spätere Philosoph Georg Kohler und der Journalist Sepp Moser. Keiner der drei verstand viel von Volksinitiativen. Also kam einer hinzu, der den Text formulieren konnte: Dieter Neupert. Drei Jahre später war die Zensur beseitigt.

Hirschmann, Sachs, Neupert

In diesen Jahren gründete eine Clique um den späteren «Grandseigneur des Zürcher Nachtlebens» Jean-Pierre Grätzer in Spanien eine Disco, das Tiffanys. Der Club revolutionierte das Nachtleben am Mittelmeer, es entstanden Ableger und Kopien. Neupert feierte mit, lenkte den Geldfluss zwischen Zwingli-Zürich und Franco-Spanien in legale Bahnen.

Derselbe Freundeskreis baute später das Roxy auf – während Jahren Zürichs bekanntester Nachtclub. Leute wie Gunter Sachs und Carl Hirschmann Senior gehörten zum inneren Zirkel. Und, selbstredend: Dieter Neupert.

Den Traum vom Fliegen verwirklichte er mit Verspätung. Mit 30 holte er das Pilotenbrevet nach, dann fand er Arbeit bei einer alteingesessenen Zürcher Kanzlei: «Ich hütete den Schreibtisch als Ferienvertretung.» Der Tisch gehörte dem Luftrechtler Willy Frick, Gründer der Aerosuisse. Frick wurde zum Mentor, stellte Neupert überall vor. Und bald wuchs dessen Netz in alle Richtungen.

Etwa in den Wassersport. Neupert, Segler, Surfer und Seebub, knüpfte Kontakte zu den nationalen Verbänden. Es folgte Ämtli um Ämtli. Am Ende stand eine Bitte des Königs Konstantin II. von Griechenland, ob er den Vorsitz des Schiedsgerichts im Internationalen Segelverband übernehmen wolle? Neupert wollte. Sein erster grosser Fall: Im America’s Cup 2013 hatte das Team des Amerikaners Larry Ellison verbotene Gewichte im Boot installiert. Neuperts Gremium brummte dem Milliardär zwei Strafpunkte auf – was Team Oracle beinahe den Gesamtsieg kostete.

Wo sind die Feinde?

Neuperts Verbindungen reichen bis nach Aserbeidschan. Die Regierung suchte einst einen westlichen Juristen, der für das junge Land ein Luftrecht konzipieren sollte. Neupert flog nach Baku, stellte sich vor, machte einen Vorschlag. Man bedankte sich, verlieh ihm den Ehrendoktortitel Nr. 5 der Technischen Universität – und schubladisierte das Konzept. «Zu liberal», sagt Neupert, Mitglied der FDP Küsnacht.

Das Verblüffendste an der Figur Neupert: Er hat zwar Gegner, aber Feinde sind trotz der konfliktträchtigen Jobs nicht zu finden. Nicht in der Politik, nicht bei den Anwälten, nicht in der Luftfahrt. Wer ihn kennt, lobt: «blitzgescheit» (Luftrechtler Roland Müller); «mit Herz und Seele Aviatiker» (Flughafen-CEO Thomas Kern); «immer hilfsbereit» (Clubbesitzer Jean-Pierre Grätzer).

Als Anwalt sei er meist im Hintergrund geblieben, habe wenig Angriffsfläche geboten, sagt Neupert selbst. Das wird sich ändern, sollte sich der Streit um Dübendorf zuspitzen.

Er sagt, von jenem Mandat abgesehen, lasse er es inzwischen ruhiger angehen. Wobei er das Wort eigenwillig interpretiert: Er fliegt noch immer – «aber nur Helis». Er läuft noch immer Rennen – «aber nur Greifensee- und Silvesterlauf. Marathons überlasse ich Jüngeren.» Bleibt eine Frage: Sollte er tatsächlich kürzertreten – was geschieht mit den Klienten? Neupert schweigt kurz. «Ich habe es lange versäumt, einen Nachfolger aufzubauen.» Jetzt ist aber einer da: Sein Sohn, Physiker, Pilot, bald ebenfalls Anwalt. Neupert will ihn einführen, wie es einst sein Mentor getan hatte. Und dann will er Kitesurfen lernen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.01.2014, 07:24 Uhr

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