Er ist der Wiederkehr, der nicht wiederkehrt

Der Abend des 10. Dezember ist der Beginn der «Nacht der langen Messer» in Bern. Und es ist das Ende einer sehr langen Ära der Zürcher – und Dietiker – Politik.

«Platz machen»: Josef Wiederkehr tritt nach <nobr>20 Jahren</nobr> im Dietiker und kantonalen Parlament zurück.

«Platz machen»: Josef Wiederkehr tritt nach 20 Jahren im Dietiker und kantonalen Parlament zurück. Bild: Pascal Unternährer

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Josef Wiederkehr tritt per 10. Dezember aus dem Kantonsrat zurück. Das ist zwar ein ungewöhnlicher Zeitpunkt, da am Abend die vierte von fünf bis acht Budgetsitzungen des Kantonsrats stattfindet. Die Meldung wäre trotzdem nicht spektakulär, würde man nicht weiterdenken. Oder zurückdenken. Denn mit dem CVP-Politiker verabschiedet sich eine ganze Dynastie aus der Politik. Es ist nicht gewagt zu behaupten, dass in den letzten 100 Jahren stets ein Wiederkehr aus Dietikon irgendwo politisch mitmischte (lesen Sie hier mehr zu den Wiederkehrs aus Dietikon).

Josef Wiederkehr selbst politisiert seit 1999 im Gemeinderat Dietikon und/oder im Kantonsrat. Zuvor war sein Onkel, Peter Wiederkehr, 22 Jahre lang Kantonsrat und vor allem Regierungsrat. Nicht weniger Einfluss hatte Roland Wiederkehr, der mit Josef über ein paar Ecken verwandt ist. Roland also führte fast 20 Jahre lang den WWF Schweiz, gründete den VCS mit und politisierte von 1987 bis 2003 im Nationalrat. Er war als Landesringler wohl der linkste Wiederkehr. Denn neben den beiden CVPlern Peter und Josef war Hans Wiederkehr, der Cousin von Josefs Grossvater, 13 Jahre lang für die SVP im Kantonsrat. Für die Vorgängerpartei der SVP, die BGB, drückte Lorenz Wiederkehr in den 1950ern und 60ern die harten Sitzbänke des Zürcher Rathauses, in den 20er- und 30er-Jahren war es August Wiederkehr, er für den CVP-Ableger CSP. Daneben gab es zahlreiche Lokalpolitiker – und mindestens eine Politikerin: Irene Wiederkehr als Dietiker Gemeinderätin.

Spitze gegen Rats-Methusalems

Warum aber kehrt Josef Wiederkehr der Politik den Rücken? «Nach 15 Jahren im Kantonsrat wird es nicht mehr besser», sagt er und meint es durchaus als Seitenhieb an die Adresse der Rats-Methusalems wie Gabi Petri, Esther Guyer (beide Grüne) oder Ruedi Lais (SP), die noch länger als er im Parlament sitzen. «Man muss den Jungen Platz machen», sagt der 49-Jährige mit einem Augenzwinkern – seine Nachfolgerin Janine Vannaz ist ein Jahr älter. Aber deutlich weniger lang in der Politik.

Die Bankerin wurde 2014 als Parteilose in den Gemeinderat von Aesch gewählt und trat später der CVP bei. Während Wiederkehr den rechten CVP-Flügel personifizierte, dürfte die Linke mehr Freude an Vannaz haben. Sie setzt sich für die Konzernverantwortungsinitiative ein und ist gemäss Vimentis-Profil für eine Frauenquote in der Verwaltung, für Transparenz bei der Parteifinanzierung, ein staatliches 12-Milliarden-Programm zugunsten der Energiewende und gegen neue Kampfjets. Ausländerpolitisch ist sie wiederum eine Hardlinerin.

Wahl in den Nationalrat misslingt

Zurück zu Wiederkehr, Josef. Sein Traum war der Nationalrat, doch im Oktober hat es zum vierten Mal nicht geklappt. «Entweder etwas Neues oder aufhören», hat er sich gesagt. Zudem reist er bald mit seiner Familie länger nach Südamerika. In Dietikon heisst es, die Wiederkehrs bleiben oder kehren zurück. «Sicher nicht in den Kantonsrat», sagt er. Ein Exekutivamt, sei es Dietiker Stadtrat oder Regierungsrat könnte er sich eher vorstellen. Doch nun will er sich vorerst mehr seiner Familie mit den vierjährigen Zwillingen widmen und seiner Baufirma mit den 200 Angestellten, die er in vierter Generation führt.

Was bleibt vom vorläufig letzten Wiederkehr in der Zürcher Politik? Der Gewerbepolitiker war 13 Jahre lang in der Planungs- und Baukommission. In Erinnerung bleiben ihm etwa der Kompromiss beim Mehrwertausgleich, da die Positionen zunächst meilenweit auseinanderlagen, oder das Polizei- und Justizzentrum, das zwei Mal vom Volk gutgeheissen wurde. Freuen kann er sich auch über kleinere Erfolge, die er mitverantwortet. Zum Beispiel, dass die Ausbildung von Lehrlingen bei öffentlichen Vergaben höher gewichtet wird, die Notariatsgebühren gesenkt wurden und die Zahlungsfrist gekürzt wurde, wenn der Staat beim Gewerbe einkauft.

Grün torpediert Rot

Weniger gefreut hat sich Hans Egli (EDU). Sein Vorstoss, das Mineralwasser in Pet- und Glasflaschen aus der kantonalen Verwaltung zu verbannen und durch Leitungswasser zu ersetzen, wird ausgerechnet von den Fraktionskollegen der SVP bekämpft. Heimlich freut sich Egli aber darüber: «So können wir uns von der SVP abgrenzen.»

Für Stirnrunzeln bei Jonas Erni (SP) sorgte, dass ein von ihm mitunterzeichneter Vorstoss für eine schlankere Bewilligung von Luft-Wasser-Wärmepumpen ausgerechnet von den Grünen angegriffen wird. Im Foyer gabs dafür ein Lektion Lärmphysik von Umweltingenieur Florian Meier (Grüne). Bei Wärmepumpen ist oft der Krach das Problem. Im Vorstoss sei aber unklar, ob die erwähnten maximal 45 Dezibel den Schalldruck-, den Schallleistungs- oder den Beurteilungspegel betreffen. Damit der klagewütige Nachbar keine Handhabe gegen die Pumpe hat, brauche der energiebewusste Eigentümer also weiterhin eine Baubewilligung. Erni, der in der Wädenswiler Baukommission sitzt, schaute Meier dabei skeptisch an.

Erstellt: 03.12.2019, 05:51 Uhr

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