Er lebt den Zürcher Traum

Der Freisinnige Ruedi Noser verärgert Linke ebenso wie Rechte. Aus seiner Sicht macht er gerade darum alles richtig.

Politisiert seit 16 Jahren in Bern: Ruedi Noser, hier in Zürich-West. Foto: Reto Oeschger

Politisiert seit 16 Jahren in Bern: Ruedi Noser, hier in Zürich-West. Foto: Reto Oeschger

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Von Ruedi Noser existieren zwei Versionen. Noser Nummer eins ist ein Nonkonformist und Träumer; einer, der weiter denkt als bis zum Paradeplatz, das Gegenteil eines Betonfreisinnigen.

Noser Nummer zwei ist ein geschickter Wirtschaftslobbyist, ein Verteidiger der Besitzenden, gegen aussen jovial, hintendurch knallhart, mit allen taktischen Kniffen vertraut.

Die zwei Versionen sorgen dafür, dass der FDP-Ständerat sowohl von rechts wie von links gelobt wie angegriffen wird.

Der Gegensatz zieht sich bis ins Private. Seit einigen Jahren besucht der 58-Jährige das amerikanische Wüstenfestival «Burning Man», das er im Internet als eine Art sozialistisches Paradies beschreibt: «Im Staub und Dreck zählen weder Kleidung, Status noch Beruf. (...) Vieles, was man besitzt, wäre nicht nötig, wenn man mehr teilen würde.»

Der gleiche Ruedi Noser handelt gerne mit Aktien, spielt Golf, lebt in einer Hochhauswohnung in Zürich-West und spöttelt auf Twitter darüber, wenn ihm eine städtische Amtsstelle dreimal die gleichen Unterlagen zum Hochwasserschutz zuschickt.

Seit 2015 fürs Klima

Noser Nummer eins wirkt seit gut vier Jahren in einer klimapolitischen Arbeitsgruppe mit. Diesen Januar trat er ins Komitee der Gletscherinitiative ein, Monate bevor Präsidentin Petra Gössi die FDP auf eine Fahrt ins Grüne schickte. «Ruedi Noser nimmt unser Ziel von null CO2 bis 2050 ernst», sagt Gletscherinitiative-Mitgründer Marcel Hänggi. Seine frühe Unterstützung habe der Initiative viel gebracht. «Und in vielen Punkten sind wir uns einig.»

Noser Nummer zwei stellte im Ständerat kurz vor den nationalen Wahlen einen umstrittenen Antrag. Der nationalrätliche Gegenvorschlag zur Konzern­verantwortungsinitiative soll zurück an die Rechtskommission gehen. Die Rückweisung gelang. Die Debatte findet später statt. Aus Sicht der Linken handelte es sich dabei um ein «durchsichtiges Manöver». Dieses habe es Noser und seinen bürgerlichen Kollegen ermöglicht, sich erst nach den Wahlen zum heiklen Thema äussern zu müssen.

«Ruedi Noser nimmt unser Ziel von null CO2 bis 2050 ernst.»Marcel Hänggi, Gletscherinitiative-Mitbegründer

Ruedi Noser wirkt gelöst am Interviewtermin. Gerade ist bekannt geworden, dass sein SVP-Konkurrent Roger Köppel aufgibt. Noser kann nun auf sämtliche bürgerliche Stimmen hoffen. Zwar hat Köppel seinen FDP-Gegner drei Monate lang als «Pöschtlijäger» und Schlimmeres beschimpft. Aber solche Angriffe kümmern Noser wenig, wie er sagt. «Als Unternehmer schaue ich in die Zukunft.»

Und die Zukunft sieht nach Wiederwahl aus. Daher die gute Laune. Doch dann kommt die Rede auf die Konzernverantwortungsinitiative. Die Stimmung sackt ab. Dafür hebt sich die Stimme. Bei der Rückweisung handle es sich um einen normalen parlamentarischen Vorgang, sagt Noser. Nun müsse die Rechtskommission den Unterschied zwischen dem Gegenvorschlag des Nationalrats und jenem des Bundesrats ausarbeiten. So erhalte der Ständerat eine echte Wahl. Ihn deswegen als opportunistischen Machtpolitiker darzustellen, verstosse gegen seine Menschenrechte.

Nur weg aus Glarus

Ruedi Noser, so scheint es, mag die Version Nummer eins von sich selber. Für sie spricht auch seine oft zitierte Biografie, eine fast märchenhafte Underdog-Geschichte. Noser wuchs im Glarnerland auf, vier Geschwister, bescheidene Verhältnisse. Eine Leseschwäche plagte ihn, im Diktat schrieb er Einer. Als 15-Jähriger brach er aus nach Winterthur, wo er eine Maschinenmechaniker-Lehre begann. Dank Geschick und Fleiss schaffte er es zum erfolgreichen Un­ternehmer, ein Pionier der Internet-Telefonie, Arbeitgeber für 500 Menschen.

Seine Herkunft erwähnt ­Noser immer wieder, sie dient als Fundament für seine Ansichten. ­Sätze beginnt er am liebsten mit «Als Ingenieur ...» oder «als Unternehmer ...». Zürich preist er als Kanton der unbegrenzten Möglichkeiten. Hierhin können alle kommen, hier können es alle schaffen; auch Schulversager aus den Bergen. «Im Glarus wäre ich abgestempelt gewesen.»

Vom Niemand zum Millionär und
Ständerat – Ruedi Noser möchte,
dass das auch anderen gelingt.

Seine Politik, erklärt Noser, soll dafür sorgen, dass sein Zürcher Traum – vom Niemand zum Millionär und Ständerat – weiterhin möglich bleibt. Dafür brauche es Offenheit, Leistungsfreundlichkeit, ein gutes Bildungssystem. Den Aussenseiter-Touch hat Ruedi Noser auch politisch nie ganz abgelegt. Früh kritisierte er die mittlerweile abgeschafften Steuerprivilegien ausländischer Holdings. 2009 forderte er die Aufhebung des Bankgeheimnisses, was im damaligen Freisinn einer Gotteslästerung gleichkam. Heute sagt er: «Dort, wo ich bin, folgt die Partei irgendwann nach.»

Auch sonst klingt Noser nicht gerade bescheiden. Er zitiert, was andere Lobendes über ihn gesagt haben. Zum Beispiel FDP-Legende Ulrich Bremi: «In den ersten fünf Minuten verstehst du den Noser nicht. Nach einer halben Stunde weisst du, dass er recht hat.» Sich selber nennt Noser den «unabhängigsten Ständerat», das Erreichte im Ständerat beurteilt er mit Höchstnoten. «Das war die beste Legislatur für Zürich seit langem.»

Wegen solcher Sätze nennen Kritiker Noser einen «Plauderi». Ständeratskollegen bestätigen aber, dass sich Noser für seinen Kanton einsetze. «Mit ihm kann man gut zusammenarbeiten und neue Lösungen finden», sagt etwa der Solothurner SP-Ständerat Roberto Zanetti. Im persönlichen Umgang sei Noser hilfsbereit – ein Lob, das andere Politikerinnen teilen.

Leicht links in der FDP

Wie sich Noser in Bern positioniert hat, zeigt ein Ranking, das der Politgeograf Michael Hermann für die NZZ aufgrund des Wahlverhaltens der Ständeräte kürzlich erstellt hat. Darin steht Noser ein wenig auf der linken Seite seiner Partei.

Die Zürcher FDP-Nationalrätin Doris Fiala kennt Ruedi Noser schon lange. Dieser lasse sich nicht gut im Links-rechts-Schema fassen. Dabei sei die Sache einfach: Noser gehe unternehmerisch vor, dank neuen Technologien sehe er auch im Klimaschutz wirtschaftliche Möglichkeiten. «Er denkt nach vorne.»

Aber auch vorwärts kann es in verschiedene Richtungen gehen.

Erstellt: 04.11.2019, 23:02 Uhr

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