Erneut viel mehr Fluglärmbetroffene – und keine Trendwende in Sicht

Wegen der Nachtflüge ist der Zürcher Fluglärm-Index 2012 gestiegen: Mittlerweile sind 58'800 Flughafenanwohner betroffen – 11'800 mehr als erlaubt. «Das ist unbefriedigend», sagt Regierungsrat Ernst Stocker.


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Fast 58'800 Personen waren im Jahr 2012 durch Fluglärm rund um den Flufghafen Zürich stark beeinträchtigt. Der überwiegende Anteil davon lebt im Standortkanton. Wie der aktuelle Zürcher Fluglärm-Index (ZFI) aufzeigt, den Volkswirtschaftdirektor Ernst Stocker (SVP) heute Donnerstag den Medien vorgestellt hat, blieb zwar die Zahl der tagsüber stark belästigten Anrainer gegenüber dem Vorjahr gleich. Anders in der Nacht: Zwischen 22 und 23.30 Uhr nahm die Zahl der stark belästigten Personen um 28 Prozent zu.

Der Anstieg gegenüber dem Vorjahr um 5'100 Betroffene (oder gut 9 Prozent) ist einerseits auf die häufigeren Starts und Landungen in dieser Zeit zurückzuführen. Andererseits sei die Einführung der sogenannten Flight-Level-80-Regel Mitte 2011 ein Hauptgrund für die Zunahme. Die Bevölkerungszunahme in der Flughafenregion spielte im Berichtsjahr 2012 anders als früher keine grosse Rolle mehr. Und die Anzahl Flugbewegungen ging übers Jahr gar um 3 Prozent zurück.

Mehr Überflüge über die Stadt Zürich

Nach dieser Regel dürfen Flugzeuge zwischen 22 und 6 Uhr die ihnen zugeteilte Route erst verlassen, wenn sie eine Höhe von 8000 Fuss (2'500 m. ü. M.) erreichen. Um nicht in Konflikt mit den von Osten her anfliegenden Flugzeugen zu geraten, müssten nach Norden startende Maschinen zuerst nach Westen geführt werden, bis sie die geforderte Höhe erreichen. Um danach zu ihrer Destination im Osten zu gelangen, überfliegen sie sehr dicht besiedelte Gebiete wie zum Beispiel das Limmattal, Teile der Stadt Zürich und das Glattal.

Grundsätzlich gilt: Überschreitet die Zahl der stark Betroffenen den Richtwert von 47'000 Personen, muss der Kanton Gegenmassnahmen einleiten. Für Stocker drängen sich nun folgende Massnahmen auf, um die Zahl der Lärmbetroffenen wieder zu senken. Einerseits soll die Flight-Level-80-Regel gelockert werden, damit Flüge über dicht besiedelte Gebiete vermindert werden können. Dies halte auch der Bund für sinnvoll. Andererseits habe der Kanton 11'000 Hauseigentümer angschrieben, die besonders stark von Fluglärm betroffen sind. Diese sollen im Rahmen des Förderprogramms «Wohnqualität Flughafenregion» Beiträge an hochwertigen Schallschutz und Beratungsdienstleistungen erhalten.

Leisere und schneller steigende Flieger

Ansonsten setzt der Kanton auf die Erneuerung der Swiss-Flotte. Ab 2015 kommen auf Kurzstrecken neue lärmgünstigere Maschinen der CSeries von Bombardier zum Einsatz. In den darauf folgenden Jahren sollen auch die Langstreckenflieger für eine Redultion des ZFI sorgen. Wie Swiss-Projektmanager Peter Koch erklärte, sind die CSeries-Flieger vier Mal leiser als die Jumbolino, die ersetzt werden. Zudem stossen sie 20 Prozent weniger CO2 aus und 50 Prozent weniger NOx. Ab 2016 löst die Swiss zudem die A340 durch B777-Flieger der Boeing ab. Diese können viel schneller steigen, sodass sie schon 6 bis 7 Kilometer nach dem Start über 1000 Meter höher sind als die A340.

«Die Sitaution ist unbefriedigend», resümierte Stocker. Einen Termin für eine Trendwende konnte er nicht nennen. Er hofft aber, dass die Anzahl Fluglärmbetroffener sich nun stabilisieren wird. «Zwischen 22 und 23 Uhr sind die Slots derart stark ausgelastet, dass kaum mehr Flüge durchgeführt werden können.» Und mittel- bis langfristig solle es wieder Entlastung geben. Die Flight-Level-80-Regel könne aber aufgrund von Einsprachen frühestens in fünf Jahren gelockert werden.

SP: Weniger Flugbewegungen ab 22 Uhr

Da der ZFI-Wert stets ansteigt und keine wirksamen Gegenmassnahmen ergriffen würden, sieht sich die SP darin bestätigt, dass der ZFI eine «Beruhigungspille» für die Bevölkerung darstellt. Nun soll die Anzahl Starts und Landungen in den sensiblen Nachtrandstunden reduziert und verlegt werden, fordert die Partei. Ähnlich äussert sich der Dachverband Fluglärmschutz. Er kritisiert die erteilten Ausnahmebewilligungen für den Verspätungsabbau ab 23 Uhr.

Die GLP kritisiert, dass offenbar Betriebsänderungen zulasten der Bevölkerung beschlossen und dass bisher keine Gegenmassnahmen umgesetzt wurden. Dies soll sich schleunigst ändern. Unverständlich sei, dass unter diesen Umständen immer noch versucht werde, via Pistenverlängerungen die Kapazität des Flughafens zu vergrössern.

«Zürcher Zuwanderungs-Index»

Die CVP fordert den Regierungsrat auf, «einen Gang höher» zu schalten, da die Gegenmassnahmen nicht genügten. Der Wert müsse sich nächstes Jahr stabilisieren, so die Partei. Das sei eine moderate Vorgabe, «wenn man bedenke, dass der Wert eigentlich substanziell gesenkt werden müsste». Die Regierung solle entschlossen handeln oder aber den Mut aufbringen, den ZFI als Steuerungsinstrument zu überdenken.

Erhebliche Zweifel, dass der ZFI sinnvolle Aussagen über zu ergreifende Massnahmen im Bereich der Fluglärmbekämpfung an der Quelle machen kann, hat das Komitee Weltoffenes Zürich. Deshalb sollten Liegenschaften mit hochwertigem Schallschutz aus dem ZFI entlassen werden, so das Komitee. Der Index mutiere zum «Zürcher Zuwanderungs-Index», meint es spöttisch. Denn alljährlich werde festgestellt, wie attraktiv die Flughafenregion für Zuwanderer und Gewerbe ist. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.11.2013, 09:31 Uhr

Regierungsrat Ernst Stocker (SVP) sagt, kurzfristig werde es kaum Verbesserungen geben. (Bild: Steffen Schmidt/Keystone)

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