Missstände in Kinderheimen

«Es gab niemanden mehr, der nach mir fragte»

Zucht, Drill und Strafen: Fünfzig Jahre lang sind uneheliche Kinder in christliche Erziehungsheime gesteckt und misshandelt worden. Nun fordern Politiker und Überlebende die Aufarbeitung der dunklen Geschichte Zürichs.

«Alle haben sich gedeckt»: Kinder in der Anstalt Sonnenberg für Schwererziehbare in Kriens, 1944.

«Alle haben sich gedeckt»: Kinder in der Anstalt Sonnenberg für Schwererziehbare in Kriens, 1944. Bild: Paul Senn (FFV, Kunstmuseum Bern, Dep. GKS, GKS)

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Was militärischer Drill heisst, lernt Armin Meier schon als Achtjähriger. Jeden Morgen schreckt ihn in aller Herrgottsfrühe eine Alarmglocke aus dem Schlaf. Dann müssen sich die 25 Primarschüler des Heimes Sonnenberg in Kriens LU vors Bett stellen. Kein Kind darf sich rühren, bis der Befehl zum Waschen und Ankleiden ertönt. Dann geht es in den Speisesaal, wo wässriger Kaffee und trockenes Brot aufgetischt werden. Nach dem Frühstück heisst es betten und zugewiesene Ämtli ausführen. Wer bei der Arbeit Fehler macht oder trödelt, kassiert sofort Schläge. Beim Zubettgehen gilt das Prozedere rückwärts. Jeder Tag verläuft gleich – für Armin Meier neun Jahre lang.

Armin Meiers einziges «Verbrechen» ist, dass er 1927 in Zürich als uneheliches Kind einer Putzfrau zur Welt kam. Seine Mutter war gezwungen, Geld zu verdienen. Sie musste eine Erklärung unterschreiben, in der sie ihr Kind zur Adoption freigab. Zuerst kam Meier in ein Kinderheim in Thalwil, dann in eine Pflegefamilie in Horgen. Weil ein Heim jedoch billiger als eine Pflegefamilie war, wurde er kurzerhand nach Kriens auf den Sonnenberg abgeschoben. Das war kein gewöhnliches Kinderheim, sondern eine katholisch geführte Anstalt für Schwererziehbare. «Als ich zum Vormund in den schwarzen Ford einstieg, weinten die Pflegeeltern. Danach gab es niemanden mehr, weder einen Onkel noch eine Tante, die nach mir fragten.»

Viel schlimmer als befürchtet

Ein Leben lang hat Armin Meier über sein Schicksal geschwiegen. Jetzt, mit 86 Jahren, «habe ich nichts mehr zu verlieren», wie er sagt. Nun will er wissen, warum der Kanton Zürich nicht wie andere Kantone das düstere Kapitel der Fremdplatzierung von Kindern und Jugendlichen zwischen 1930 und 1980 aufarbeiten will. Warum sich der Kanton Zürich niemals für das Verhalten entschuldigt hat. Dabei erhält Meier politische Unterstützung. Die SP-Kantonsräte Susanna Rusca Speck, Rolf Steiner und Ursina Egli haben im Kantonsrat eine Anfrage eingereicht, die seine Anliegen aufgreift. «Der Regierungsrat soll eine Studie in Auftrag geben», fordert Rusca.

Aufgerüttelt worden sind die SP-Kantonsräte durch eine Untersuchung im Kanton Luzern. Diese zeigt auf, wie willkürlich Vormundschaftsbehörden Familien auseinandergerissen haben. Vor allem macht sie deutlich, dass die Missstände viel schlimmer waren als vermutet. Aus Berichten von Betroffenen geht hervor, dass auch im Kanton Zürich grosse Missstände geherrscht haben. Erst gestern ist zudem ein Bericht publiziert worden, dass auch Ingenbohler Schwestern zwischen 1928 und 1970 Heimzöglingen Leid zugefügt haben.

Armin Meier ist erleichtert, dass sich endlich etwas tut. «Viele Opfer sind inzwischen alt, schaffen es nicht mehr, über das Unrecht zu sprechen.» Er hofft, dass die Anfrage im Kantonsrat verhindert, dass in den Heimen Akten verschwinden. «Sie sind der einzige Beweis für das, was sich abgespielt hat.» Wie wichtig solche Dokumente sind, erlebte Meier im vergangenen Herbst in Luzern. Dort wurden die beiden Studien von Stadt und Kanton Luzern sowie der katholischen Kirche über die Vergangenheit ihrer Kinder- und Jugendheime vorgestellt. Meier war beeindruckt. «Da ist gründlich recherchiert und gute Arbeit geleistet worden.»

Die Schule war zweitrangig

Auch der Sonnenberg, wo Meier die schlimmste Zeit seines Lebens verbrachte, wird im Bericht ausführlich erwähnt. Das landwirtschaftliche Gut mit riesigen Ackerflächen befand sich oberhalb von Kriens an einem von der Aussenwelt abgeschnittenen Ort. Von der Natur her war es ein Idyll: 800 Hochstammbäume, ein grosser Gemüsegarten und ein Stall mit fast 100 Kühen, Hühnern, Hasen und Schweinen gehörten auch dazu. Für die 80 Kinder und Jugendlichen, die dort lebten, war der Alltag jedoch alles andere als idyllisch. Zeit zum Spielen gab es nicht. «Die Schule war zweitrangig, es ging immer nur ums Arbeiten», erinnert sich Meier.

«Im Sommer standen wir in den Hängen, mähten, kehrten das Gras und luden es auf den Heuwagen.» Wer trödelte oder gar abhaute, wurde drakonisch bestraft. Der Heimleiter verprügelte die Jugendlichen, rasierte ihnen die Haare ab, tauchte ihre Köpfe unter Wasser oder steckte sie drei Tage lang in den Kohlenkeller, wo sie bloss Wasser und Brot zu essen bekamen. Die Strafen hatten keine Konsequenzen vonseiten der Behörden. «Niemand hat das Heim kontrolliert», berichtet Meier. «Der Waisenvogt stattete alle zwei Jahre einen Besuch ab. Dann schaute er mich jeweils fünf Minuten an – und schon war er wieder weg.» Der Historiker Thomas Huonker ist ein Spezialist auf dem Gebiet des Schweizer Heimwesens. Er bestätigt Meiers Schilderungen. «Bei den staatlichen Heimen ist nur das Finanzielle kontrolliert worden. Sonst konnten Heimleiterinnen und Heimleiter wie kleine Könige funktionieren. Sie sind selten zur Rechenschaft gezogen worden, es gab nur ganz wenige Fälle von Verurteilungen.»

Huonker verweist auf das Beispiel von Alfred Siegfried. Der Lehrer wurde in Basel wegen sexueller Übergriffe an Kindern verurteilt. Trotzdem wurde er 1927 in Zürich zum Leiter der Abteilung Schulkinder der Pro Juventute ernannt. «Es gab auch andere Fälle, in denen rücksichtslose Täter als grosse Erzieher gefeiert wurden», sagt Huonker. «Alle haben sich gegenseitig gedeckt, die Jugendanwaltschaft, der Justizapparat, Ärzte, Pfarrer und Psychiater.»

Der Zirkus als Lichtblick

Mit 17 Jahren wird Meier am 15. August 1944 in die «Freiheit» entlassen. Nur einen Monat später wird das Heim wegen seiner brutalen Führung geschlossen. Auffliegen liessen den Skandal der bekannte Journalist Peter Surava und der Fotograf Paul Senn. Für Meier kam die Schliessung zu spät. Zu einem normalen Leben fand er über einen steinigen Weg: «Ohne jede Hilfe musste ich mich Schritt für Schritt im Erwachsenenleben zurechtfinden», erzählt er. «Darauf war ich überhaupt nicht vorbereitet.» Er hat es trotzdem geschafft. Zuerst machte er eine Sanitär- und Spenglerlehre, dann heiratete er und gründete eine Familie und hat drei Söhne.

Wenn er an den Sonnenberg denkt, fallen ihm zwei Lichtblicke ein: Alle zwei Jahre wurden die Heimkinder vom Circus Knie in eine Vorstellung eingeladen, und jedes Jahr durften sie auf Einladung des FC Luzern ein Fussballspiel besuchen. Das waren die einzigen Abwechslungen. «Dass meine Mutter noch lebte, entdeckte ich erst, als ich in Zürich zu recherchieren begann», erzählt er. Sehr spät, als sie bereits pflegebedürftig war, nahm er mit ihr Kontakt auf. Über seine Kindheit hat er nie mit ihr gesprochen. Sie wollte es nicht, und er verstand das. Ihr war er nicht böse. Sein Groll gegen den Staat ist aber geblieben. «Mit Heimkindern hätten die Behörden anders umgehen müssen», sagt er. Deshalb fordert er eine Entschuldigung für das Unrecht, das ihm und anderen Heimkindern aus dem Kanton Zürich angetan wurde. «Zumindest das sind sie uns schuldig.»

Der Vorstoss, mit dem die SP die Regierung bewegen will, sich mit der Heimvergangenheit zu befassen, ist in doppelter Hinsicht aktuell: Der Kanton ist derzeit mit der Überarbeitung des Jugendheimgesetzes beschäftigt. Zudem ist auf verschiedenen Ebenen Bewegung in die Sache gekommen. Im Kanton Schwyz ist ein Vorstoss eingereicht worden zur Aufarbeitung der Geschichte von Heim- und Verdingkindern. Auf Bundesebene hat Bundesrätin Simonetta Sommaruga Ende letzten Jahres Alt-CVP-Ständerat Hansruedi Stadler zum Delegierten für Opfer fürsorgerischer Massnahmen ernannt. Damit setzte Bern ein Zeichen, dieses unrühmliche Kapitel der Schweizer Geschichte aufzuarbeiten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.01.2013, 10:11 Uhr

«Es ging immer nur ums Arbeiten»: Armin Meier in seiner Wohnung in Schwamendingen. (Bild: Doris Fanconi)

Ein Elektrovelo als später Trost

Die Stadt Zürich hatte und hat eigene Kinder- und Jugendheime. Früher platzierte sie auch Kinder und Jugendliche ausserhalb des Kantons. Umgekehrt haben andere Kantone ihre Zöglinge in Zürcher Anstalten gesteckt. Es ist unbestritten, dass Heimkindern teilweise Unrecht wiederfahren ist. Das Thematisieren der Vergangenheit fand bisher in Wellen statt. «Es gab kurze Zeitfenster, in denen die Öffentlichkeit auf das Problem reagierte», sagt Historiker Thomas Huonker. Letztmals 2010, damals traten administrativ Versorgte – Jugendliche oder Erwachsene, die ohne Gerichtsurteil und ohne Rekursmöglichkeit auf unbestimmte Zeit eingesperrt wurden – mit ihrem Schicksal an die Öffentlichkeit.

Darauf wandte sich SP-Stadtrat Martin Waser in einem Aufruf im «Beobachter» an Betroffene. Es meldeten sich zehn Personen. Diese erhielten eine symbolische Wiedergutmachung wie ein Elektrovelo oder ein spezielles Bett. War das erkauftes Stillschweigen? «Nein», sagt Thomas Meier, Sprecher des städtischen Sozialdepartements. «Für Stadtrat Waser war das ein Akt der Wiedergutmachung, dazu gehörte auch eine Entschuldigung.» Die Betroffenen seien froh gewesen, endlich reden zu können und ernst genommen zu werden.

Auch die Stadt Winterthur hat in einem einzigen Fall eine symbolische Wiedergutmachung geleistet. Die betroffene Frau war gemäss «Beobachter» in den 60er-Jahren im Waisenhaus Winterthur misshandelt und missbraucht worden. Die Stadt bezahlte freiwillig 5000 Franken. Eva Weishaupt vom Departement für Soziales der Stadt Winterthur: «Nach so langer Zeit ist ein Nachweis von Übergriffen schwierig. In solchen Fällen kann einer betroffenen Person bloss symbolisch eine Entschädigung zugesprochen werden.» (mq)

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