«Es hat plötzlich unheimlich laut geknallt»

Eine Zugkollision hat heute Morgen Neuhausen am Rheinfall erschüttert. Wie durch ein Wunder gab es keine Toten. Wie der Bahnhofsladen zum Epizentrum der Hilfskräfte und der geschockten Passagiere wurde.

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Ein gewöhnlicher Donnerstagmorgen kurz nach 7.30 Uhr. Noch ist es dunkel. Pendler holen sich bei Ekkehard Schmid im Lebensmittelkiosk am Bahnhof von Neuhausen am Rheinfall einen wärmenden Kaffee. Sie warten auf den Zug Richtung Schaffhausen oder Zürich. Plötzlich knallts. Ein Mann stürzt ins Lokal und berichtet aufgeregt von einer Kollision zweier Züge und fliegenden Funken. «Er bat mich, Alarm zu schlagen. Als ich aber bei der Polizei anrief, wussten die Beamten schon Bescheid», sagt Geschäftsführer Schmid.

Schmid stürzte hinaus, um zu helfen. Der Thurbo nach Schaffhausen, der eben den Bahnhof verlassen hatte, steht knapp nach dem Perronende still. Der morgendliche Entlastungszug nach Zürich hat den Bahnhof nie erreicht. Erste Passagiere verlassen die hinteren Thurbowagen. «Einige waren leicht verletzt, wirkten aber ruhig. Nur eine Frau stand offensichtlich unter Schock.» Die ersten Rettungskräfte treffen ein. Ein SBB-Mitarbeiter weist Schmid an, die Betroffenen und die Retter mit Getränken und Essen zu verpflegen.

220 Rettungskräfte am Werk

In der Sitzecke richten Notärzte und Sanitäter eine improvisierte Auffangstation ein. Sie untersuchen, befragen die Verunfallten und hängen ihnen leuchtorange Beutelformulare um den Hals. Darauf sind Blessuren wie Rippenprellungen und Platzwunden dokumentiert. Die schwerer Verletzten bringt die Ambulanz ins Spital. Schmid funktioniert. Ein Kaffee nach dem anderen geht über seine Theke. «Hier passiert sonst nicht viel und jetzt das. Ich bin betroffen, aber auch froh, dass der Unfall verhältnismässig glimpflich ausging.»

Inzwischen sind rund 220 Rettungskräfte am Werk. Der Bahnhof Neuhausen am Rheinfall ist geschlossen. Nach dem anfänglichen Chaos beruhigt sich die Situation. «Die Organisation der Retter war sehr professionell», findet Schmid. Viele von ihnen kennt er, sie sind von der örtlichen freiwilligen Feuerwehr.

«Angst, dass der Zug zu brennen beginnt»

Im Thurbo sass Kevin Vinzens. Der 18-Jährige war unterwegs von Marthalen nach Schaffhausen in die Berufsschule. «Es hat plötzlich unheimlich laut geknallt, dann flogen die Passagiere durch die Abteile», erinnert er sich an die Kollision. Per Durchsage seien die Zugpassagiere über den Unfall informiert worden. «Wir wurden aufgefordert, im Zug zu bleiben, bis wir evakuiert würden.»

In der Mitte des Thurbos sass beim Unfall eine 17-jährige Schülerin, die nicht namentlich genannt werden möchte. «Ich sah, wie ein Mädchen, das im Eingangsbereich stehen musste, den Kopf anschlug und zu Boden ging.» Sie habe Angst gehabt, weil sie nicht wusste, ob der Zug plötzlich zu brennen beginne. «Ich habe mich nicht verletzt und rief sofort meine Freundin an, die sich weiter vorne im Thurbo befand, und sorgte mich um sie.» Auf dem Perron trafen sich schliesslich die beiden jungen Frauen, beide sichtlich erschüttert.

«20 Meter zurück katapultiert»

In Schmids Laden bespricht sich Hansruedi Zahnd mit Polizisten. Er ist Einsatzleiter des Careteams der SBB und war um 8.30 Uhr aufgeboten worden. «Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was ich antreffen würde», sagt Zahnd. Sein Team wird alarmiert, wenn Reisende in Unfälle involviert sind. «Wir sind für die psychologische Betreuung zuständig und helfen den Passagieren, das Geschehene und Gesehene zu verarbeiten.» Seine Hilfe habe nach dem Zugunfall in Neuhausen niemand in Anspruch genommen.

Trotzdem spricht Walter Kobelt, Leiter Bereich Bahnen und Schiffe der Schweizerischen Unfalluntersuchungsstelle (Sust), von einem «schweren Zugunfall». Er hat sich an der Unglücksstelle einen ersten Überblick verschafft. «Der Thurbo wurde nach dem Aufprall rund 20 Meter zurück katapultiert.» Der deutlich kürzere Thurbo führte 80 Passagiere mit sich, während in der doppelstöckigen S-Bahn-Komposition 200 Menschen sassen. Die SBB-Lok aus Stahl hat den Aluminium-Führerstand des Thurbos eingedrückt. Kobelt spricht von einer massiven Zerstörung. Er ist erleichtert, dass es sich nicht um eine Frontalkollision handelt. «Das wäre verheerend gewesen.»In Anbetracht dessen grenzt es an ein Wunder, dass der Thurbo-Lenker noch am Leben ist.

Kioskbetreiber spendet Verpflegung

Der Thurbo hatte den Bahnhof verlassen und kollidierte mit der auf demselben Gleis entgegenfahrenden S-Bahn, kurz bevor sie die Schienen wechseln wollte. War ein Lichtsignal defekt oder wurde es missachtet? Haben Bremsen versagt? Ist der Grund menschliches Versagen oder gibt es eine andere Unfallursache? Kobelt will nicht spekulieren. In den kommenden Monaten wird er diesen Fragen nachgehen und sichert dafür nun die Fahrdaten. Die Sust wird die Züge technisch unter die Lupe nehmen und Betroffene befragen.

Inzwischen ist Schmids Laden zum Epizentrum des Unfalls geworden. In der Sitzecke lösen Medienschaffende die Retter ab. Die Verunfallten sind auf dem Weg nach Hause, in die Schule oder an ihren Arbeitsort. Ein Verantwortlicher der SBB will bei Ladenchef Ekkehard Schmid die Rechnung für die Verpflegung der Passagiere und Einsatzkräfte begleichen. Schmid lehnt dankend ab.

Erstellt: 10.01.2013, 15:04 Uhr

Die Kollision ereignete sich gleich beim Bahnhof Neuhausen am Rheinfall. (Bild: TA-Grafik)

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