«Es ist ein Stück heile Welt»

Wie es kam, dass PR-Fachfrau Mariska Beirne die Firma Green Bubble gründete, die Flaschengärten zum Selbermachen anbietet.

Selbst gemachte Nestwärme: Green-Bubble-Gründerin Mariska Beirne in ihrem Atelier in Au bei Wädenswil. Foto: Regula Roost

Selbst gemachte Nestwärme: Green-Bubble-Gründerin Mariska Beirne in ihrem Atelier in Au bei Wädenswil. Foto: Regula Roost

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Dies ist eine Trendgeschichte. Und doch beginnt sie 1829. Damals entwickelte der Botaniker Nathanael Ward in London tragbare Treibhäuser in unterschiedlichen Grössen. Gedacht waren sie für den Transport exotischer Pflanzen aus Tropenregionen in Englands Hauptstadt. Einer der Ersten, die die Glasbehälter nutzten, war der schottische Gärtner und Forschungsreisende Robert Fortune – und dann gar noch für ein illegales Unterfangen: Er schmuggelte 20'000 Teepflanzen aus China hinaus, um sie in der britischen Kolonie Indien zu kultivieren. Während der Reise über das Gelbe Meer ging ein Grossteil davon ein, doch den chinesischen Teearbeitern, die Fortune mit auf die Überfahrt genommen hatte, gelang es, die überlebenden Exemplare aufzupäppeln und grosszuziehen.

Es war der Ursprung der berühmten britischen Teekultur. Und es war irgendwie auch der Beginn von Mariska Beirnes jungem Projekt Green Bubble. Zwar ist die 47-Jährige Inhaberin einer PR-Agentur, studiert jedoch hat sie Geschichte. «Als ich diese Tee-Episode entdeckte, kitzelte das meine historische Ader, ich wollte mehr darüber wissen.» Hängen blieb sie dann aber nicht bei Fortunes Pioniertat, sondern bei Wards Pflanzenkästen. Dies auch, weil sie bei einem Abstecher nach Hamburg vor gut einem Jahr quasi dessen zeitgeistigen «Verwandten» entdeckte: den Flaschengarten.

«Obwohl mir der grüne Daumen immer schon abging und ich dementsprechend ‹selbstständige› Pflanzen bevorzugte, war ich von diesen Flaschengärten eigenartigerweise angetan», so die Wädenswilerin. Wegen einer intensiven Arbeitsphase sei das Thema danach wieder in den Hintergrund gerückt – bis nach dem Stress die Leere kam und Beirne aus einer Laune heraus dem Thema nachrecherchierte.

Farne und Tropengewächse

Sie fand heraus, dass Flaschengärten in Frankreich, England oder Holland bereits ziemlich breit etabliert sind. Dass in Dänemark tolle Bauchgläser hergestellt werden. Dass nur eine beschränkte Auswahl an Pflanzen in diesem Mikro-Ökosystem gedeiht, darunter Farne, Moose und Tropengewächse. Dass es für die Herstellung nicht nur eigenartige Werkzeuge wie Langlöffel oder Minirechen, sondern auch eigenartige Substanzen wie Aktivkohle braucht. Vor allem aber fand sie heraus, dass es in der Schweiz keinen Anbieter gab.

Es habe schliesslich noch ein Wochenende mit dem Liebsten gebraucht, um dem Schicksal auf die Sprünge zu helfen. «Dann legte ich los: Businessplan, Finanzierung, Einkauf, Website, Lagerraum, ich war sowohl beseelt als auch besessen von diesem Projekt.» Im Juni 2019 ging Green Bubble an den Start.

Frau Beirne, eine PR-Fachfrau, die ein Handwerksbusiness lanciert?
Ja, Sachen gibts. (lacht) Als Erklärung kann ich eigentlich nur jenes Argument ins Feld führen, das viele Menschen nennen, die hauptsächlich Kopfarbeit leisten: Ich hatte in letzter Zeit eine richtig grosse Sehnsucht entwickelt, endlich wieder mal etwas Kreatives mit meinen Händen zu ­bewerkstelligen (Lesen Sie hier, wo und warum wir dieses Jahr die Geschenke gerne selber basteln).

Sie haben sich nicht gerade die einfachste Disziplin ausgesucht – Pflanzen, Gläser, Werkzeug: Alles ist sehr klein und fein.
Das stimmt, es braucht ein gewisses Geschick, ein bisschen Fingerfertigkeit, die nötige Sensibilität, einen lebenden Organismus zu verpflanzen, der, wenn er richtig behandelt wird, viele Jahre wachsen und gedeihen kann. In den bisherigen Workshops war denn auch schön zu beobachten, wie behutsam und respektvoll die Teilnehmer ans Werk gingen.

Dann ist das salopp gesagt auch Gschpürschmi-Dings?
Gschpürschmi-Dings?

Eine Aufgabe, bei der Frau oder Mann ihr oder sein inneres Kind wieder entdeckt … oder so.
(lacht) Ach herrje. Es geht einfach um die kleine Freude, etwas eigenhändig gestalten zu können. Einzelne Komponenten miteinander zu verarbeiten, sodass am Schluss ein Gegenstand da ist, den man anfassen, sehen oder riechen kann. Gerade für Menschen, die tagein, tagaus in einen Computerbildschirm schauen müssen und deren einzige Erzeugnisse am Ende des Tages oftmals irgendwelche bedruckten Papiere sind, kann so etwas einfach wohltuend sein.

«Vieles, was uns heute lieb ist, ist morgen verschwunden, oft unwiederbringlich.»

Solche Workshops scheinen generell en vogue, die Angebote reichen von der Herstellung parfümierter Kerzen über selbst gemachte japanische Keramik bis zum Basteln von fancy Adventskränzen. Pointiert gesagt: Die alte Punkformel «Do it yourself» ist beim Hipster angekommen!
Ich würde eher sagen, dass der Hipster inzwischen im Mainstream angekommen ist. Es sind ja ganz unterschiedliche Leute, die solche Selbermachkurse oder eben Workshops besuchen: Frauen und Männer, alt und jung, aus allen möglichen Berufswelten. Ganz abgesehen davon würde ich das mit diesem grossen Trend ein wenig relativieren. Oder zumindest mit ­Retrotrend präzisieren.

Inwiefern?
Viele dieser Do-it-yourself-Produkte hat es früher schon gegeben, sie galten aber lange als verstaubt. Makramee ist ein gutes Beispiel dafür. Und auch eine Form der Flaschengärten hat es in den 60er- und 70er-Jahren schon gegeben, sie hiessen damals Florarien.

Wieso ist es nun wieder gefragt, wenn es so lange verstaubt war?
Das ist dasselbe Phänomen wie bei den Vintage-Möbeln. Wenn wir heute eine von oben bis unten im Seventies-Style eingerichtete Wohnung sehen, rümpfen wir die Nase. Aber wenn wir Teile dieser Retrowelt ins Jetzt transportieren – sei es eine damalige Designlampe, ein Sofa mit einer Form aus jenen Tagen – wirkt das aufregend, cool.

Dennoch muss doch da mehr sein – allein mit der Tatsache, dass es heute «Workshop» statt «Bastelkurs» heisst, kann man den Trend ja nicht erklären.
Ich bin da keine Fachfrau, würde aber schon vermuten, dass auch ein umweltpsychologischer Aspekt mit hineinspielt. Wir leben in einer rauen, schnelllebigen Zeit. Vieles, was uns heute lieb ist, ist morgen verschwunden, oft unwiederbringlich. So fehlt dann eine Nestwärme, etwas Vertrautes. Gut möglich, dass solche selbst gemachten Gegenstände wie Flaschengärten exakt dafür stehen: Sie sind ein Stück heile Welt … jedenfalls ein kleines. (lacht)

Dennoch ist es ein Trend, und jeder Trend hat in der Regel ein Ablaufdatum. Dieser auch?
Davon bin ich fest überzeugt. Gerade in Frankreich und England ist wohl der Zenit bereits erreicht, in Deutschland ist auch schon ein Boom zu erkennen, und irgendwann wird das auch in der Schweiz der Fall sein. Bis dahin aber freue ich mich, möglichst viele Flaschengärten erschaffen zu können.

Erstellt: 27.11.2019, 22:51 Uhr

Workshops und DIY-Kits

Im Green-Bubble-Atelier in Au bei Wädenswil bietet Mariska Beirne 90-minütige Workshops an, am Ende nehmen die Teilnehmenden einen selbst kreierten Flaschengarten mit nach Hause (nächster Termin: 10. Dezember, 19.45 Uhr). Solche Workshops werden auch für Firmen angeboten, die das gemeinsame Gestalten als Teambildungsmassnahme einsetzen wollen. Wer handwerklich geschickt ist, bestellt sich im Onlineshop ein Do-it-yourself-Kit, das Paket enthält alle nötigen Hilfsmittel plus eine genaue Anleitung. Und selbstverständlich bietet das Start-up auch fixfertige Flaschengärten zum Kauf an. (thw)

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