«Es ist klar, dass da für die Angestellten nicht viel drinliegt»

Die Zürcher Landwirte stehen unter Ausbeutungsverdacht. Martin Hübscher vom Bauernverband spricht von schwarzen Schafen, die es selbst nicht leicht hätten.

Im Gemüsekanton Zürich sind sie während der Saison gefragt: Erntehelfer beim Einsammeln von Kürbissen.

Im Gemüsekanton Zürich sind sie während der Saison gefragt: Erntehelfer beim Einsammeln von Kürbissen. Bild: Rolf Vennebernd/Keystone

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Menschenhandel und Ausbeutung kennt man in Zürich vor allem aus Zeiten der ausufernden Strassenprostitution. Aber auch in anderen Branchen werden ausländische Arbeitskräfte ausgebeutet. Hält man sich an Angaben der Kantonspolizei, die für eine Studie im Auftrag des Bundesamtes für Polizei (Fedpol) ausgewertet wurden, ist in Zürich neben dem Bauwesen die Landwirtschaft überdurchschnittlich oft betroffen.

Die Bauern könnten also in den Fokus geraten, wenn die Arbeitsinspektorate im Rahmen eines landesweiten Aktionsplans strenger kontrollieren und die Polizei genauer hinschaut. Der Landwirt und SVP-Kantonsrat Martin Hübscher ist beim Zürcher Bauernverband für das Thema zuständig.

Herr Hübscher, laut einer Studie im Auftrag des Bundesamtes für Polizei arbeiten in der Zürcher Landwirtschaft ausländische Arbeiter zu unwürdigen Bedingungen. Wie erklären Sie das?
Ich kenne die Studie nicht im Detail, aber der Kanton Zürich ist der zweitgrösste Gemüsekanton der Schweiz, und die Gemüseproduktion benötigt viele Angestellte. Sie ist sehr arbeitsintensiv, mit extremen saisonale Spitzen.

Zürcher Bauern sagen über ausbeuterische Arbeitsverhältnisse etwa bei der Spargelernte oft: nicht bei uns. Können wir das noch glauben?
Ich weiss nicht, ob es in Zürich besser läuft als anderswo. Aber ich weiss, dass es auch unter den temporären Arbeitskräften viele gibt, die jedes Jahr wieder kommen. Daraus schliessen wir, dass es generell ganz gut läuft.

Gemäss der Studie gehen verarmte Arbeiter oft einvernehmlich miese Verträge ein. Sind sie deshalb okay?
Nur, solange die flankierenden Massnahmen eingehalten werden und die kantonalen Bestimmungen zu den Normalarbeitsverträgen. Es gibt immer wieder Fälle, in denen es nicht gut läuft.

«Viele Bauernfamilien leben am Existenzminimum. Klar, dass da auch für die Angestellten nicht viel drinliegt.»

Warum?
Das ist oft ein Zeichen von Überforderung: Dem Bauern geht es wirtschaftlich schlecht, er arbeitet selbst Tag und Nacht. Das schlägt sich auf den Betrieb nieder. Das unterste Quartil der Bauernfamilien lebt am Existenzminimum und drunter. Es ist klar, dass da auch für die Angestellten nicht viel drinliegt.

Dann sind die Täter selbst Opfer?
Dass es die Angestellten schlechter haben als der Bauer selbst, ist sehr selten.

Müssen Arbeiter im Auto schlafen?
Nein, aber die Unterbringung ist für Gemüsebauern eine Herausforderung. Sie bekommen keine Baubewilligung für Unterkünfte, weil sie nur Landwirtschaftsland besitzen. Deshalb müssen sie Gebäude hinzumieten – sofern sie Kost und Logis anbieten. Ist das nicht der Fall, organisieren sich die Arbeiter selbst. Da sind sie meist recht kreativ.

Das heisst?
Es wohnen dann mehrere gemeinsam in einer kleinen Wohnung, um zu sparen

Menschenunwürdige Zustände?
Ich will nicht ausschliessen, dass es das gibt, aber menschenunwürdige Wohnsituationen sind sehr selten.

Auf Jobplattformen bieten sich Arbeiter für 7 Franken in der Stunde an.
Das ist schon sehr wenig – da sind selbst Lehrlingslöhne höher.

«In Spanien zahlen Bauern fürs Ernten 5 Euro. Da kommen die Arbeiter wohl lieber für etwas mehr Geld in die Schweiz.»

Das wäre kaum der Fall, wenn es keinen Markt dafür gäbe, oder?
Ich nehme es auch an. Aber ich weiss von Kollegen in Spanien, die wie wir selbst Obst anbauen, was die Bauern dort fürs Ernten zahlen: 5 Euro pro Stunde. Da kommen die Arbeiter wohl lieber für etwas mehr Geld in die Schweiz. Aber noch einmal: Solche Ansätze sind im Prinzip unmöglich, weil es hier einen Mindestlohn für ausländische Arbeitskräfte gibt.

Wann würden Sie von Ausbeutung sprechen?
Nach den Richtwerten des Bauernverbands beträgt der Mindestlohn für eine temporäre Hilfskraft 3210 Franken Brutto im Monat. Das wären etwa 15 Franken pro Stunde. Der Normalarbeitsvertrag für unsere Branche erlaubt 55 Stunden Arbeit pro Woche, verteilt über fünfeinhalb Tage. Zudem werden Pausen und Überstunden bezahlt.

Die Studie erwähnt das Beispiel eines Polen, der auf einem Zürcher Hof an sechs Tagen in der Woche 15 Stunden arbeiten musste.
Das geht natürlich nicht. Wir wollen als Verband, dass sich unsere Mitglieder korrekt verhalten – das ist eine Frage der Berufsehre. Aber laut unserem Vertreter in der tripartiten Kommission, die für Kontrollen zuständig ist, gibt es keine Häufung von Problemfällen. Wir sind daher als Verband nicht aktiv geworden.

Laut der Studie braucht es mehr Kontrollen, damit sich etwas ändert. Wie stehen Sie dazu?
Sofern das keine Schikane ist, sind wir nicht a priori gegen Kontrollen. Jene Betriebe, die das Label des Vereins SwissGAP tragen, unterwerfen sich sogar freiwillig zusätzlichen Prüfungen. Verstösse gegen das Gesetz werden zu Recht rigoros geahndet, denn solche schwarzen Schafe verzerren den Wettbewerb. Und das wollen wir nicht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.10.2017, 15:48 Uhr

Martin Hübscher. (Bild: PD)

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