«Es kam mir vor, als würde an ihm ein Exempel statuiert»

Am Samstag erscheint im «Magazin» ein Artikel zu einem jungen Mann, der wegen eines Facebookposts in Untersuchungshaft landete und schliesslich verurteilt wurde. Die Autorin erklärt, was alles schieflief.

Ein Post kann heftige Folgen haben: Facebook-Homepage.

Ein Post kann heftige Folgen haben: Facebook-Homepage. Bild: Keystone

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Wie sind Sie auf die Geschichte von Robert gestossen?
Ich habe davon ursprünglich über die Medien erfahren. Die Redaktion des «Magazins» stellte danach den Kontakt zu seinem Anwalt her. Über diesen kam ich an die Kontakte von weiteren Personen, die in den Fall involviert waren. Zuerst wollte ich natürlich mit Robert selbst sprechen.

Wie reagierte er auf Ihre Kontaktaufnahme?
Er war anfangs sehr zurückhaltend und fürchtete negative Konsequenzen für seine Person, wenn ein Artikel zum Thema erscheint. Aber nachdem ich ihn ein paar Mal getroffen und er gesehen hatte, in welche Richtung ich gehen wollte, war er einverstanden.

Für Sie stand also von Anfang an fest, dass die Justiz in seinem Fall zu hart reagiert hatte?
Ja, ich hatte das Gefühl, man habe hier unverhältnismässig gehandelt. Es kam mir vor, als würde an ihm ein Exempel statuiert.

In seinem Facebookpost (siehe Box) sagt er Dinge wie «ich zahle es euch allen zurück» oder «niemand kann euch mehr schützen». Verstehen Sie, dass ein Lehrer und die Polizei daraufhin aktiv wurden und der junge Mann in der Untersuchungshaft landete?
Ich verstehe das schon. Aber ich fragte mich auch, ob man nicht nur deshalb so reagiert hat, weil in letzter Zeit im Ausland mehrere Amokläufe geschehen sind. Wenn man sich den Post genau anschaut, müsste klar sein, dass das ein Witz und die harte Reaktion unsinnig ist.

Robert wird in Ihrem Text als zurückhaltender, nachdenklicher junger Mann beschrieben, der keine machoiden Züge aufweist. Konnte er Ihnen erklären, weshalb er dennoch einen solch harten Post absetzte?
Das wusste er selber nicht mehr genau. Er tat es einfach aus einer Laune heraus, weil ihm weniger Leute zum Geburtstag gratuliert hatten als im Jahr davor. Hinter dem Post stand keine Absicht und er glaubte auch nicht, dass jemand diesen Eintrag ernst nehmen würde. Er meinte, seine Freunde würden ihn und seinen Hang zum Sarkasmus kennen und das schon richtig verstehen – was sie auch taten. Es ist ja typisch für Facebook, dass viele irgendwas posten, ohne gross darüber nachzudenken, wie das ankommt. Und Robert bereut diesen Eintrag zutiefst.

Die Meldung an die Polizei machte ja ein Lehrer, der von einer Schülerin auf den Post aufmerksam gemacht worden war. Handelte dieser in Ihren Augen richtig?
Grundsätzlich schon. Ich glaube nur, er hätte vor dem Alarmieren der Polizei zuerst mit Robert reden sollen, um ihm eine Chance zu geben, sich zu erklären. Dazu gibt es in der Schweiz unterschiedliche Regelungen. Im Kanton Luzern zum Beispiel muss die Polizei sofort informiert werden. In Zürich meines Wissens aber nicht. Der Lehrer schickte Robert zwar eine E-Mail, wartete aber nicht lange genug auf eine Antwort. Ich hätte den Lehrer gerne gefragt, weshalb er so gehandelt hat. Aber er reagierte nicht auf meine Kontaktversuche.

Von der Meldung bis zur Verurteilung wegen «versuchter Schreckung der Bevölkerung» ist es aber noch ein weiter Weg. Weshalb kam es in Ihren Augen dazu?
Das hat mit statistischen Risikofaktoren zu tun, die bei einer solchen Drohung zur Anwendung kommen. Robert ist ein Jugendlicher mit Migrationshintergrund, er hatte die Matura nicht bestanden und schliesslich wurde ihm in einem psychiatrischen Gutachten auch noch ein leichter Hang zum Narzissmus attestiert. Das reichte aus, um diese Maschinerie in Gang zu setzen.

Aber das psychiatrische Gutachten relativierte den Narzissmus ja und gab an, das komme bei jungen Männern oft vor. Weshalb wurde das nicht in Betracht gezogen?
Das wurde mir auch nicht klar. Auch die Tatsache, dass er Secondo ist und man darum automatisch davon ausgeht, dass er deswegen ein schwierigeres Leben gehabt haben muss, ergibt für mich keinen Sinn. Ich hatte den Eindruck, hier gehe es eher um statistische Daten als um die betroffene Person.

Hat die Justiz also hysterisch reagiert?
Ich bin mit dem Strafrechtsprofessor, den ich in meinem Text zitiere, einig: Wir leben in einem Zeitalter des Präventionismus. Wir versuchen sämtliche Gefahren auszuschalten, bevor etwas passiert. Egal, ob dies die Freiheitsrechte des Einzelnen einschränkt. Das ist auch darum gefährlich, weil uns dadurch eine Sicherheit suggeriert wird, die es in Wahrheit schlicht nicht gibt. Klar, dass dadurch auch die betroffenen Beamten unter immer grösseren Druck geraten: Niemand will für etwas verantwortlich sein, das man vielleicht hätte verhindern können. In diesem Sinne neigt man vielleicht schon zur Hysterie.

Was haben diese Erfahrungen mit Robert gemacht?
Er selbst äussert sich gelassen und tut nicht so, als wäre jetzt sein Leben zerstört. Wenn er aber im Berufungsverfahren verlieren sollte, steht er vor einem Schuldenberg. Das heisst, er wird eher irgendeinen Job annehmen müssen, um diesen abzutragen, als sich um die Aufnahme an die Universität kümmern zu können. Das wäre eigentlich sein Traum.

Haben Ihre Recherchen dazu geführt, dass Sie sich heute selber genauer überlegen, was Sie auf Facebook posten?
Eigentlich nicht. Aber es hat mir schon wieder sehr klar vor Augen geführt, wie leicht man vergisst, dass man sich auf Social-Media-Plattformen eben nicht in einem privaten Raum bewegt. Wie leicht man vergisst, wer alles mitlesen kann.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.10.2013, 15:52 Uhr

Die Geschichte von Robert: Am Samstag erzählt im Magazin.

«Er glaubte nicht, dass den Post jemand ernst nehmen würde»: Denise Bucher, Autorin des morgen im «Magazin» erscheinenden Artikels zu Roberts Geschichte. (Bild: PD)

Der Fall Robert

Mit diesem Post auf Facebook hatte alles begonnen: «Freut sich hüt niemert, dass ich gebore worde bin... ich schwör, ich zahls eu allne zrug! es isch nöd e frag vo de Höflichkeit, sondern vom Respekt und Ehre. Ich vernichte eu alli, ihr werdet es bereue, dass ihr mir nöd in Arsch kroche sind. Denn jetzt chan eu niemert me schütze... Pow! Pow! Pow!»

Robert hatte mit dem Post darauf reagiert, dass ihm weniger Freunde zum Geburtstag gratulierten als im Jahr davor.
Der Eintrag wurde von einer Mitschülerin einem Lehrer Roberts gemeldet, der die Polizei beizog. Kurz darauf kam der heute 23-Jährige in Untersuchungshaft.

Robert beteuerte stets, es habe sich um einen unüberlegten Witz gehandelt und gab dies auch vor Gericht zu Protokoll. Er wurde im Dezember 2012 aber vom Bezirksgericht Zürich zu einer unbedingten Geldstrafe von 45 Tagessätzen zu je 10 Franken verurteilt, wegen «versuchter Schreckung der Bevölkerung». Zur Strafe hinzu wurden ihm die Prozesskosten von über 13'000 Franken auferlegt.

Gegen das Urteil legte der Anwalt Roberts Berufung ein. Ein Verhandlungsdatum steht derzeit noch nicht fest.

Morgen Samstag erscheint die Geschichte von Robert in der aktuellen Ausgabe des «Magazins».

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