Ex-Bildungsdirektor fordert Leistungstests für Schulen

Der einstige «Reformturbo» Ernst Buschor ist zurück in alter Frische: In einem Vortrag forderte er einen offenen Wettbewerb zwischen den Schulen.

Bildung ist noch immer sein Thema: Ernst Buschor in Winterthur. Bild: Sophie Stieger

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Er ist heute 67-jährig und ein paar Kilo schwerer, doch es sprudelt noch immer aus ihm heraus wie früher. Als Zürcher Bildungsdirektor handelte er sich 1995 bis 2003 den zweifelhaften Titel «Reformturbo» ein. Am Freitag referierte Ernst Buschor auf Einladung des Forums Bildung seit langem wieder einmal im Kanton Zürich. Und zwar ausgerechnet zum Tabuthema «Die Wirksamkeit der Bildungsausgaben». Oder: Ist teure Bildung wirklich besser?

Buschor gab zu: «Zu meiner Zeit war das New Public Management in, ich konnte viel erreichen. Heute hätte ich es wohl schwieriger.» Zudem seien die Regierungen häufig parteipolitisch so zusammengesetzt, «dass sie Angst vor Experimenten haben».

Im Kanton Zürich zurückgehalten

Auf das Erreichte als Zürcher CVP-Regierungsrat, der stets mit schlechten Resultaten gewählt wurde, ist er noch heute stolz: die freie Gymi-Wahl, teilautonome Schulen, Verselbstständigung von Uni, Fachhochschulen und Spitälern, die Globalbudgets in der Verwaltung oder das Frühenglisch. «Das Englisch gab damals zwar einen Saumeis», erinnert er sich. «Ich würde aber sehr vieles heute wieder gleich machen.»

Buschor wurde nach seinem Rücktritt 2003 international zur grossen Nummer als Wirtschaftswissenschaftler und Mitglied in der Jacobs- und der Bertelsmann-Stiftung. Er hält noch viele Vorträge. «Im Kanton Zürich habe ich mich zurückgehalten», sagte er am Rande der Tagung. Er wollte sich als Ehemaliger nicht wie Otto Stich zum Besserwisser aufspielen und Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP) in den Rücken fallen.

Lohn je nach Schülerzahl

Trotzdem sagten Buschor und drei andere Wirtschaftsprofessoren Dinge, die die Linke angesichts der Spardebatte im Kanton Zürich nicht gern hören wird: «Ein Zusammenhang zwischen den durchschnittlichen Klassengrössen und den kantonalen Pisa-Ergebnissen besteht nicht.» Zu kleine Klassen könnten ebenso schädlich sein wie zu grosse, weil das soziale Verhalten der Schüler zu wenig gefördert werde. Klar sei hingegen: Grosse Klassen bedeuten Mehrarbeit für die Lehrer. Buschor sagte deshalb: «Ich würde befürworten, dass Lehrer mit grösseren Klassen auch mehr verdienen.»

Weitere brisante Aussage von Buschor, der in Rekordzeit zwei Dutzend internationale Studien vorstellte: «Es besteht kein enger Zusammenhang zwischen den Bildungsausgaben pro Kopf eines Kantons und einem der drei Pisa-Indikatoren» (Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften). Hingegen sei erwiesen, dass eine hohe Zahl von Mathematikstunden zu besseren Leistungen in Mathe führe.

Falsche Geheimhaltung

Die hohen Pro-Kopf-Bildungsausgaben in Zürich und in der Schweiz würden – so Buschor – vor allem auch mit den relativ kleinen Klassengrössen zusammenhängen. Im Gymnasial- und Berufsbildungsbereich wirke die grosse Vielfalt kostentreibend. In der Schweiz gebe es an den Gymnasien 400 verschiedene Fächerkombinationen und zudem 230 verschiedene Berufsprofile. «Eine Gymnasialreform und eine Reduktion der Berufe wären nicht abwegig», sagte Buschor.

Das zweite Hauptanliegen von Buschor ist die Transparenz. Der Bildungspolitiker, der in den Neunzigerjahren den Begriff Benchmark zum Grundwissen (und für Krankenschwestern und Lehrer zum Schimpfwort) machte, will mehr Transparenz. Lernerfolg, Lehrerbildung, Schulverwaltung und Schulaufsicht müssten wissenschaftlich erfasst, analysiert und verglichen werden. An den Schweizer Schulen und auch in der Politik gebe es aber die «Kultur des bewussten Zurückhaltens von Daten auf Schulebene». Diese falsche Geheimhaltung sei fortschrittshemmend. Denn die Leistungsunterschiede zwischen den einzelnen Schulen seien wesentlich grösser als unter Ländern und Kantonen. «Die Eltern sind nicht an Durschnittswerten interessiert, sondern an der Qualität der eigenen Schule.»

Chance vergeben

Buschor forderte deshalb periodische Leistungstests und eine Schulkostenrechnung. Die «Wirkungstransparenz» der Schule müsse verbessert werden und mit einem lohnwirksamen Anreizsystem für Lehrer (Incentives) gefördert werden. «Unser Problem ist», so Buschor, «dass wir nicht wissen, welches die beste Schule ist.»

Unterstützung erhielt er von Stefan C. Wolter, dem Direktor der Koordinationsstelle für Bildungsforschung: «Es nützt nichts, tonnenweise Geld in die Bildung zu werfen, ohne Transparenz und genaue Überprüfung der Resultate.» Wolter äusserte zudem den Verdacht, dass Politiker die Bildungsdaten unter dem Deckel hielten «aus lauter Angst, dass sonst die Ineffizienz der Bildung bewiesen werden könnte». In der Schweiz vergebe man sich eine grosse Chance: «Wir sind ein Testlabor mit 26 verschiedenen Versuchsanlagen und nutzen diese Chance nicht, um herauszufinden, welches die beste ist.»

Prompter Widerspruch

Von der Lehrerschaft kam prompt Widerspruch. Lehrerpräsident Beat Zemp sagte: «Da rennen sie einem Phantom hinterher. Es gibt nämlich in der Schweiz keine beste Schule – weil Löhne, Pflichtstunden, Fächer und Schulformen sehr stark variieren.»

Erstellt: 17.10.2010, 23:35 Uhr

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