FCZ-Hooligans verprügeln GC-Fans: Ist ihr Fahrer das Bauernopfer?

Nach dem Vorfall am Bahnhof Glattfelden kann die Polizei die Schläger nicht fassen – aber den Mann, der sie gefahren haben soll. Das kommt diesen teuer zu stehen.

Hier haben die Männer mit den Südkurve-Jacken die zwei GC-Fans attackiert: Der Bahnhof in Glattfelden. Foto: Dominique Meienberg

Hier haben die Männer mit den Südkurve-Jacken die zwei GC-Fans attackiert: Der Bahnhof in Glattfelden. Foto: Dominique Meienberg

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«Trotz Befürchtungen kam es rund um das Derby zu keinen grösseren Vorkommnissen», hiess es anderntags in den Medien, nachdem der FCZ Anfang Dezember 2018 das 272. Spiel gegen den Erzrivalen GC scheinbar diskussionslos mit 2:0 gewonnen hatte. Doch die Sportreporter wussten nicht, was sich kurz vor dem Spiel beim Bahnhof Glattfelden zugetragen hatte.

Dort waren zwei GC-Fans gegen 13.15 Uhr mit dem Bus angekommen und liefen Richtung Perron, um auf die Weiterfahrt nach Zürich zu warten. Dabei fiel ihnen laut Anklage ein schwarzer Mercedes SUV auf, der mit offenem Fahrerfenster vom Kehrplatz her angefahren kam und langsam den Gleisen entlangfuhr, um das Perron abzusuchen.

Bewusstlos gestellt

Kaum auf dem Perron angekommen, rannten mutmasslich sieben vermummte Personen durch die Unterführung auf das Perron der beiden GC-Fans. In ihren schwarzen und blauen Jacken der Zürcher Südkurve waren sie unschwer als Anhänger des FCZ auszumachen.

In wechselnder Besetzung prügelten die Hooligans mit Fäusten und Füssen auf die beiden Männer ein. Einer der beiden fiel auf ein Gleis, der andere versuchte, über die Gleise zu fliehen, wurde aber verfolgt und eingeholt. Während er von einem der Täter festgehalten wurde, traten die anderen mit Füssen gegen die Beine, den Rücken und auch den Kopf des Geschädigten. Erst als er sich bewusstlos stellte, liessen sie von ihm ab, nachdem sie auch noch seine Taschen durchsucht hatten.

Während die beiden Männer durch die Schläge diverse, aber nicht lebensbedrohliche Verletzungen erlitten, sass der Lenker des Mercedes SUV im Fahrzeug und wartete auf die Rückkehr der Schläger, um diese möglichst schnell wieder vom Tatort wegzubringen. Das jedenfalls behauptete die Anklage.

Täter blieben unbekannt

Weil sich ein Zeuge offenbar die Autonummer notiert hatte, schien der Lenker rasch identifiziert. Es soll ein 23-jähriger Student gewesen sein, der sich das Auto von seiner Mutter ausgeliehen hatte. Doch der Student schwieg beharrlich. Trotz grossen Untersuchungsaufwands und auch trotz des Umstands, dass ihn die Staatsanwaltschaft 60 Tage lang in Untersuchungshaft schmoren liess, machte er keine Aussagen, und es brachte die Strafverfolger keinen Schritt weiter. Bis heute sind die tatsächlichen Schläger unbekannt geblieben.

Der Autofahrer sei wohl «das Bauernopfer für die nicht gefundenen Täter», kritisierte seine Verteidigerin heute Morgen vor dem Bezirksgericht Bülach. Mit der «Beugehaft» sei ein «unglaublicher Druck» auf ihren Mandanten ausgeübt worden. Obwohl man «nichts unversucht» liess und «äusserst aufwendig untersucht» habe, gebe es keinen Beweis, dass er der Fahrer des SUV gewesen sei.

 «Die Staatsanwaltschaft greift ganz tief in die Spekulationskiste.»Verteidigerin des Fahrers

Der Tatvorwurf «Angriff» setze laut Gesetzesbestimmung voraus, dass sich der Täter an einem Angriff «beteiligt». Das behaupte aber nicht einmal die Anklageschrift. Selbst wenn der Beschuldigte die Schläger an den Tatort gefahren und sie wieder mitgenommen hätte, könne ihm das nicht als strafbare Vorbereitungshandlung angelastet werden.

Wenn die Staatsanwaltschaft behaupte, er habe gewusst, dass gegnerische Fans verprügelt werden, und er «als FCZ-Fan mit dem Tun der Angreifer einverstanden» gewesen sei, greife sie «ganz tief in die Spekulationskiste». Mit anderen Worten: Die Anklage basiere auf reinen Vermutungen.

Beschuldigter verlor Job

Das sah der Einzelrichter gar nicht so. Dass der 23-Jährige an jenem Sonntagmittag vor Ort gewesen sei, ergebe sich einerseits aus der Kontrollnummer des Autos. Andererseits sei sein Handy zur Tatzeit in der Nähe des Bahnhofs eingeloggt gewesen. Eine Beteiligung an einem Angriff setze nicht zwingend voraus, dass man selber an der «grund- und sinnlosen Fangewalt» teilnimmt. Mit den Tätern hinfahren, warten und mit den Tätern wegfahren sei auch eine Form von Beteiligung.

Der Werkstudent wurde zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zwölf Monaten verurteilt. Zudem wurden ihm die Gerichts- und Untersuchungskosten in Höhe von fast 16'000 Franken auferlegt. Sollte der Mann dereinst gut verdienen, dürften von ihm auch die Anwaltskosten in Höhe von mindestens 18'000 Franken in Rechnung gestellt werden.

Aktuell ist es um die Einkünfte des Mannes nicht eben gut bestellt. Der Werkstudent hat eine sehr gut dotierte Stelle bei einer Bank verloren. Und noch keine Alternative gefunden. Fest steht immerhin, dass sich auch noch das Obergericht mit dem Fall wird befassen müssen. Die Verteidigerin hat noch im Gerichtssaal Berufung angemeldet.

Erstellt: 05.12.2019, 16:10 Uhr

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