Fabian ist nicht zu stoppen

Der geistig und körperlich behinderte Fabian Pfister fährt für sein Leben gern Bus und Zug – im Rollstuhl und allein. Kaum einer kennt das ZVV-Netz so gut wie der 15-Jährige.

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Es hat sich abgezeichnet: Fabian muss auf die Toilette. Schon im Bus nach Feldbach rutscht er unruhig auf seinem Rollstuhl hin und her. In der S 7 kann er dann nicht mehr warten. «Chan i jetzt ufs WC?» Zum Glück hat er heute einen Journalisten dabei, der ihn begleitet. «Muesch hälffe», sagt Fabian.

Hosenknopf öffnen und Unterhosen runterziehen gehört nicht zu den alltäglichen Aufgaben des Journalisten. Fabian stört das nicht, er hat alles im Griff: den Elektrostuhl neben der Schüssel parkieren, sich rüberhieven, die Spülung betätigen. Nach erfolgreichem Wasserlassen sind Fabian und der Journalist erleichtert. Und die Fotografin erkundigt sich, ob alles gut gegangen sei.

Er kann kaum lesen, kaum sprechen

Fabian Pfister hat ein spezielles Hobby für einen hirnverletzten 15-Jährigen: Er ist Fan von ZVV und SBB. Schon früher mit den Eltern war er nirgends glücklicher als im Bus und im Zug. Auf jedem Bahnhof wollte er wissen, wohin die anderen Züge fahren, um welche Zeit sie ankommen und zurückfahren. Seit zwei Jahren fährt er auch allein.

Fabians Eltern mussten sich überwinden, ihren Sohn fahren zu lassen. Denn er ist nicht nur an den Rollstuhl gebunden, er kann auch kaum lesen, und wenn er spricht, versteht man ihn nicht auf Anhieb. Doch Fabian ist nicht zu stoppen. Und: Übung macht den Meister. Unterdessen kennt er das ZVV-Netz besser als mancher Busfahrer. Er fährt – manchmal auch mit seinem 10-jährigen Bruder Raphael – zu seinem Gotti nach Geroldswil, zum Onkel nach Langnau am Albis oder zu einem Freund in Schwanden GL oder nach Luzern.

Fabian fährt nur rückwärts

Unterdessen kennen Fabian fast alle Chauffeure der Verkehrsbetriebe Zürcher Oberland. So auch an diesem Morgen: «Willst du mitfahren?», fragt der Fahrer des Eichtalbusses nach Hombrechtikon. Fabian will, und der Chauffeur klappt die Einstiegsrampe hinunter. Die Rundreise an den See und via Goldküste, Zürich und Uster zurück nach Bubikon hat Fabians Mutter ausgesucht. Aber Fabian kennt unterwegs jede Haltestelle, Oberwolfhausen, Garstlig, später Meilen, Erlenbach.

Im Bus parkiert Fabian seinen Rollstuhl geschickt – gegen die Fahrtrichtung. «Er fährt nur rückwärts, wahrscheinlich weil er beim Vorwärtsfahren die Eindrücke der vorbeifliegenden Landschaft nicht erträgt», erzählt später Fabians Vater Andreas Pfister. Als der Bus losfährt, beginnt Fabian freudig mit dem Oberkörper zu wippen. Als vorne einer niest, ruft er «Gsundheit!», quietscht, intensiviert das Wippen und schaut auf die Uhr.

Fabian wäre eigentlich ein gesundes Kind geworden, wäre sein Hirn zwischen der 30. und 36. Schwangerschaftswoche nicht unterversorgt gewesen. Als er zur Welt kam, ging es eine Zeit, bis Ärzte und Eltern merkten, dass mit Fabian etwas nicht stimmte. Das Baby strampelte nicht mit den Beinen und hatte in einer Hand keinen Greifreflex. Nach etwa anderthalb Jahren ergab eine Tomografie-Untersuchung, dass Fabian eine Hirnverletzung hatte.

Seit er fährt, ist er ruhiger geworden

In Therapien und in der Heilpädagogischen Schule in Wetzikon versucht man, den Knaben so gut zu fördern wie möglich. Heute – auch nach einer komplizierten Beinoperation – kann Fabian zu Hause an einem Stock einige Schritte gehen. Aber seine Eltern haben keine Illusionen: «Fabian wird sein Leben lang einen Rollstuhl brauchen.» Auch schulisches Lernen ist nur begrenzt möglich. Fabian kennt zwar die Buchstaben, aber lesen kann er nur, wenn ihm die Wörter etwas bedeuten.

Das zeigt sich auf der Rundreise im Bahnhof Uster, wo ein speziell beschrifteter leerer Zug steht. Sofort ruft Fabian: «Bitte nicht einsteigen, bitte nicht einsteigen. Daa töörff i nöd ine.» Dass Fabian allein Zug und Bus fahren kann, mache ihn nicht nur glücklich, sondern auch stolz, erzählt Elsbeth Pfister: «Seit Fabian fährt, ist er ruhiger und offener.»

Vorher war er zu Hause oft unausgeglichen und manchmal aggressiv. Die Stimmungsschwankungen waren so stark, dass sie die Eltern medikamentös behandeln mussten. Seit er selbstständig Bus fährt, hat Fabian die Medikamente reduzieren können.

Nicht alle sind begeistert

Nicht alle Leute finden es toll, wenn Fabian fährt. Die Eltern haben auch schon gehört, sie würden ihren Sohn in den Bus abschieben, um ihre Ruhe zu haben. «Das stimmt nicht und ist nicht einfach zu ertragen», sagt Elsbeth Pfister. Fabian ist immer mit zu Hause verbunden, wenn er unterwegs ist – über ein Handy, das er um den Hals trägt.

An diesem Morgen ruft er zu Hause an und teilt mit, dass es in der S 5 einen Niederflurwagen habe. Wenn kein Journalist mitfährt, telefoniert Fabian manchmal alle fünf Minuten. Er sagt dann, wo er ist, fragt nach der Zeit und ob er den Leuten noch guten Morgen oder schon guten Nachmittag wünschen müsse.

Manchmal ruft er auch an, weil er irgendwo stecken geblieben ist, wie vorletzte Woche am Escher-Wyss-Platz, als der 13er wegen einer Baustelle nicht bis nach Höngg weiterfuhr. Da musste Elsbeth Pfister improvisieren und ihren Sohn via Telefon und mithilfe von Passanten auf den Ersatzbus lotsen.

Nur Augen für die Haltestelle

Es ist auch vorgekommen, dass Fabian in Uster den letzten Buskurs verpasste. Weil die Perrons in Uster nicht rollstuhlgängig sind, musste Andreas Pfister in Zürich einen SBB-Mitarbeiter mit einer Faltrampe bestellen, der Fabian das Einsteigen ermöglichte – denn mit seinem 140 Kilo schweren Elektrorollstuhl kann ihn niemand in den Zug hieven.

Als der Journalist, die Fotografin und Fabian nach zwei Stunden wieder in Bubikon sind, heisst es Abschied nehmen. Doch Fabian hat nur Augen für die Bushaltestelle. Als der Eichtalbus vorfährt, klappt der Fahrer wieder die Rampe herunter und Fabian rollt hinein. Er macht noch eine Runde – nach Feldbach über Männedorf nach Uster. Die Türen schliessen, und los gehts. Fabian beginnt freudig zu wippen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.08.2012, 10:20 Uhr

100'000 Hirnverletzte

Verein Hiki entlastet Eltern
In der Schweiz leben über 100'000 Menschen mit einer Hirnverletzung. Die einen haben sie bei einem Unfall oder einem Schlaganfall erlitten, viele sind mit einer Hirnverletzung geboren worden. Seit über 25 Jahren gibt es den Verein Hiki (www.hiki.ch), der Eltern von hirnverletzten Kindern unterstützt, berät und vernetzt.


Zentral ist das Projekt Familienhilfe. Der Verein stellt ausgebildete Helferinnen zur Verfügung, die für zehn Tage die Betreuung eines hirnverletzten Kindes und dessen Geschwister übernehmen, damit sich die Eltern eine Ruhepause gönnen können. (sch)

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