Fall «Boris» führte zu einem der grössten Ermittlungsverfahren der letzten Jahre

Der Fall des 32-jährigen Litauers beschäftigte eine Sonderkommission während zweier Monate. Der Mann hatte versucht, mit Bombendrohungen zehn Millionen Franken zu erpressen.

Massive Drohung gegen Zürich: Stadthaus an der Limmat.

Massive Drohung gegen Zürich: Stadthaus an der Limmat. Bild: Keystone

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Die Drohung des Mannes, unter anderem in Schulhäusern der Stadt Zürich Bomben zu legen und per Fernzündung zur Detonation zu bringen, wenn er nicht mindestens zehn Millionen Franken erhalte, hatte die Strafverfolgungsbehörden im Frühjahr 2012 in höchste Alarmbereitschaft versetzt.

Ermittlungen mit höchster Priorität

Der Fall «Boris» führte zu einem der grössten Ermittlungsverfahren, das bei der Kantonspolizei in den letzten Jahren geführt wurde. Laut deren Angaben wurde eine Sonderkommission gebildet, der rund 15 Mitarbeitende aus den verschiedensten Bereichen der Kriminalpolizei angehörten.

Für die intern mit höchster Priorität geführten Ermittlungen, die von verschiedenen Polizeistellen im Ausland und teilweise von der Stadtpolizei Zürich unterstützt wurden, mussten über 4000 Stunden aufgewendet werden. Nach Angaben von Staatsanwalt Michael Scherrer wurden für die Lösung des Falles insgesamt 4905 Stunden investiert. Die Untersuchungskosten (ohne Lohnkosten) belaufen sich auf 80'000 Franken.

Auch Industriellen erpresst

Am Mittwoch hat nun das Zürcher Bezirksgericht das Urteil gegen den 32-jährigen Mann gefällt, der sich unter anderem wegen versuchter Erpressung hatte verantworten müssen: Der Litauer muss für siebeneinhalb Jahre in Gefängnis. Das Gericht folgte damit praktisch vollständig der Anklage, welche eine Freiheitsstrafe von neun Jahren verlangt hatte. Der Verteidiger hatte einen Freispruch beantragt.

Zwischen Februar und Mai 2012 hatte der Litauer nicht nur der Stadt Zürich mit verheerenden Bombenanschlägen auf Schulhäuser, öffentliche Verkehrsmittel sowie wichtige Gebäude und Einrichtungen gedroht. Er hatte auch von einem vermögenden Schweizer Industriellen 50 Millionen Franken verlangt. Sonst werde er dessen Familie töten.

Von der Stadt Zürich forderte der Mann, der sich bei seinen Erpressungsversuchen Boris nannte, zunächst 10 Millionen Franken. Je länger die «Verhandlungen» dauerten, desto höher fielen die Geldforderungen aus, zuletzt lagen sie bei 100 Millionen Franken.

Hoher technischer Aufwand

Wie sich nachträglich herausstellte, wäre der Mann zu den angedrohten Anschlägen gar nicht in der Lage gewesen. In einem Fall musste die Polizei trotzdem mit einem Grossaufgebot ausrücken: Auf den Schienen der Sihltal Zürich Uetliberg Bahn (SZU) lag scheinbar eine Bombe - sie entpuppte sich als Attrappe.

Der Gerichtspräsident sprach von einem Alleintäter, der «nicht sehr professionell» vorgegangen sei. Tatsächlich hatte er die Drohmails auf einem Computer geschrieben, den er auf seinen Namen gekauft hatte. Zudem benutzte er einen offenen W-Lan-Kanal in unmittelbarer Nähe seines Wohnortes für die Übermittlung der Mails. Rückblickend betrachtet, war dies nicht professionell. Doch diese Erkenntnisse waren nur mit einen hohen technischen Aufwand zu gewinnen gewesen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.09.2013, 11:48 Uhr

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Achtung vor offenem WLAN

Im Zusammenhang mit den verheerenden Bombendrohungen haben ein paar völlig unschuldige Personen im Frühjahr 2012 wohl den Schrecken ihres Lebens erlebt. Man muss nicht viele Kriminalfilme gesehen haben, um sich vorstellen zu können, wie die Polizei in eine Wohnung eindringt, in der sie einen Erpresser vermutet und zudem davon ausgehen muss, dass sich in der gleichen Wohnung auch scharfe Bomben von erheblicher Sprengkraft befinden.

Wie es dazu kam? Der tatsächliche Erpresser, der per Computer seine E-Mails an die Polizei sandte, hatte einen nicht geschützten, offenen WLAN-Kanal einer unbekannten Person benützt. Dank technischer Hilfsmittel war es für die Polizei ein Leichtes, diese unbekannte Person und den Stadtort der WLAN-Station zu eruieren. Dass die Station für die Erpressung missbraucht worden war, stellte sich in der Folge dann zwar heraus. Der Schrecken und teilweise eine Übernachtung im Gefängnis aber dürften bleibende Erfahrungen sein. Es empfiehlt sich also, WLAN-Zugänge zu verschlüsseln. (thas.)

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