Fall Céline: Anwalt erwägt nun, gegen den Arzt vorzugehen

Eine junge Frau hatte nach Einnahme der Antibabypille Yasmin eine Lungenembolie erlitten. Das Zürcher Obergericht wies gestern die Schadenersatzklage ihrer Familie ab.

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Célines Schicksal hat die Schweiz erschüttert: Als 16-Jährige liess sie sich die Verhütungspille Yasmin verschreiben. Vier Wochen nach der ersten Einnahme erlitt sie eine Lungenembolie: Die Blutgefässe ihrer Lungen verstopften, ihr Herz hörte auf zu schlagen, ihr Hirn wurde durch Sauerstoffmangel schwer geschädigt. Die heute 22-jährige Frau ist seitdem gelähmt und muss permanent betreut werden.

Célines Familie verklagte den Yasmin-Hersteller Bayer auf 5,7 Millionen Franken Schadenersatz. Gestern hat das Zürcher Obergericht die Klage abgewiesen und das Urteil des Bezirksgerichts bestätigt. Der geltend gemachte Produktemangel bei den Yasmin-Pillen konnte laut dem Obergericht nicht bestätigt werden. Zudem sei im Beipackzettel ausreichend auf das Risiko von Lungenembolie, Schlaganfall und Herzinfarkt hingewiesen worden.

Felix Rüegg, der Anwalt der Familie, ist enttäuscht und wird das Urteil voraussichtlich ans Bundesgericht weiterziehen. Das Obergericht habe primär aufgrund von Studien geurteilt, die von Bayer durchgeführt worden waren: «Es wurden keine Zeugen vernommen und keine neutralen Gutachten berücksichtigt.»

Entschädigung unklar

Auch die Krankenkasse CSS hatte Berufung gegen den Entscheid des Bezirksgerichts eingelegt. Man sei «sehr enttäuscht» über den Entscheid des Obergerichts, sagt Ute Dehn, Leiterin der Unternehmenskommunikation.

Bayer habe die Sorgfaltspflicht verletzt. Nach Prüfung des Urteils werde man sich überlegen, vors Bundesgericht zu gehen. Schliesslich gehe es auch um eine finanzielle Entschädigung für Céline und für die CSS. «Bleibt es bei diesem Entscheid, muss die Allgemeinheit das Risiko und die Kosten tragen», sagt Dehn.

Céline und ihrer Familie wurde sowohl vor dem Bezirks- wie auch vor dem Obergericht unentgeltliche Rechtspflege gewährt. Für das Berufungsverfahren stehen Bayer allerdings 74 000 Franken Prozessentschädigung zu. Diese Kosten müssen Céline und die CSS gemeinsam tragen. Laut CSS wird die Aufteilung der Prozessentschädigung noch entschieden.

Felix Rüegg sagt dazu, Bayer sei sich bewusst, dass man die Entschädigung von Céline nicht erhalten werde, da sie mittellos sei: «Das einzig Positive an diesem Prozess war, dass Céline ihn trotz ihrer Mittellosigkeit überhaupt führen konnte.»

Bayer selbst schreibt, dass man sich zur Prozessentschädigung erst äussern werde, sobald das Urteil rechtskräftig sei. Man weise die Vorwürfe ungenügender Information oder Verheimlichung von Forschungsergebnissen entschieden zurück. Geschäftsführerin Barbara Heise sagt, Bayer bedaure die Situation ausserordentlich und habe Célines Familie 2009 freiwillig und unbürokratisch unterstützt.

Laut Rüegg wurde die Verantwortung für Célines Lungen­embolie vom Obergericht ausschliesslich bei dem Gynäkologen gesehen, der die Pille verschrieben hatte. Der Arzt hätte über ausreichendes Wissen verfügt, um Céline über das erhöhte Risiko von Yasmin zu informieren. Rüegg kann sich deshalb vorstellen, zu einem späteren Zeitpunkt juristisch gegen den Arzt vorzugehen.

«Nicht nachvollziehbar»

Die Solothurner SP-Nationalrätin Bea Heim ist «empört» über das Urteil: Es sei für sie «absolut nicht nachvollziehbar». Heim hat bereits letzten Dezember beim Bundesrat ein Postulat eingereicht. Darin fordert sie, dass Opfer von Medikamenten, Implantaten, Komplikationen oder Spitalinfekten entschädigt werden, «wenn die Schädigung aller Wahrscheinlichkeit nach auf die Behandlung zurückzuführen ist».

Durch einen Patienten- oder Härtefallfonds solle eine Entschädigung der Opfer zumindest in schwerwiegenden Fällen ermöglicht werden.

Erstellt: 16.05.2014, 02:24 Uhr

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