Fallen jetzt die Flugticketpreise?

Das Bundesamt für Zivilluftfahrt kündigt eine Senkung der Gebühren für den Flughafen Zürich an. Swiss traut dieser Sache nicht. Die Airline täte gut daran den Entscheid zu schlucken, sagen Branchenkenner.

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Die Passagiere am Flughafen Zürich zahlen ab Februar 2014 weniger Gebühren. Obwohl sie tiefer sind als bisher, entsprechen sie nicht den Forderungen der Fluggesellschaften, wie das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) am Freitag mitteilte. Ein Lokalpassagier zahlt insgesamt ab kommenden Februar 37 statt bisher 41.40 Franken. Bei einem Transferpassagier sind es 19 statt bisher 23.90 Franken. In den Folgejahren steigen die Gebühren der Lokalpassagiere jeweils um 5o Rappen, jene der Transferpassagiere jeweils um 30 Rappen.

Die Gebührenverhandlungen zwischen der Flughafen Zürich AG und den Fluggesellschaften waren Ende August nach monatelangen Diskussionen gescheitert. Knackpunkt war vor allem die Passagiergebühr: Der Flughafen wollte sie erhöhen, die Fluggesellschaften wehrten sich dagegen.

Fünfliber wird sistiert

Die Flughafen Zürich AG musste darauf dem Bazl einen Vorschlag unterbreiten. Nach diversen Anpassungen hat das Bazl nun die neuen Tarife erlassen. Sofern keine Einsprachen erfolgen, gelten diese vom 1. Februar 2014 bis Ende 2017. Sistiert wird in dieser Zeit der sogenannte Lärmfünfliber. Dieser fliesst in einen Fonds für Entschädigungszahlungen an Lärmbetroffene sowie Schallschutzmassnahmen. Gesenkt wird zudem die Sicherheitsgebühr. Angehoben wird hingegen die Passagiergebühr.

Die neuen Gebühren würden ein tieferes Niveau als vom Flughafenbetreiber ursprünglich beantragt ausweisen, teilte das Bazl weiter mit. Sie würden aber auch die Erwartungen der Swiss und weiterer Flughafenbenutzer nur zum Teil erfüllen.

Mit den Gebühren finanziert der Flughafen Zürich seine durch den Flugbetr ieb verursachten Betriebs- und Infrastrukturkosten. Die Gebühren werden sowohl pro Passagier als auch pro Landung oder Abstelldauer eines Verkehrsflugzeuges erhoben.

Flughafen spricht von «Win-Win-Situation»

Die Flughafen Zürich AG zeigt sich mit der Verfügung des Bazl zufrieden, wie Sprecherin Sonja Zöchling auf Anfrage sagt: «Für uns stellt sie eine Win-Win-Situation dar.» Einerseits könnten die für den Flughafen entscheidenden Passagiergebühren schrittweise erhöht werden. Diese «brauchen wir für die Refinanzierung der Investitionen in die Flugbetriebsinfrastruktur». Andererseits würden die Passagiere «durch die Sistierung des Lärmfünflibers und die Reduktion der Sicherheitsgebühren insgesamt entlastet». Dennoch will der Flughafen die Details der Verfügung erst prüfen, bevor er sich entscheidet, ob er eine Einsprache erhebt.

Laut Zöchling kann der Flughafen auch trotz des Wegfalls des Lärmfünflibers künftige Lärmschutzmassnahmen in den Anrainergemeinden finanzieren. Zum Einen, lägen per 30. Juni 2013 insgesamt 503,8 Millionen Franken im Fluglärmfonds. Zum anderen würden dem Flughafen «durch lärmabhängige Landegebühren weiterhin jährlich Einnahmen in tiefer zweistelliger Millionenhöhe» zufliessen.

Urs Holderegger, Sprecher des Bazl, sagt gegenüber Tages Anzeiger, dass man mit der Verfügung einen Entscheid gefällt habe, «der auch die Anliegen der Fluggesellschaften soweit wie möglich berücksichtigt und gleichzeitig keine Verschlechterung für den Flughafen bringt».

Beim Entscheid habe das Bazl nicht mehr Spielraum gehabt, um die Gebühren zu senken: «Den Rahmen gab die bundesrätliche Verordnung dazu vor, an welche wir uns halten mussten.» Man habe aber Vorschläge des Preisüberwachers und der Fluggesellschaften einfliessen lassen.

«Diskussion nicht vermischen»

Mit dem Entscheid unzufrieden zeigen sich die Swiss-Verantwortlichen: «Die erlassene Verfügung stellt nach ersten Analysen keine Senkung, sondern eine Erhöhung der Gebühren dar», sagt Swiss-Sprecherin Susanne Mühlemann. Tiefere Gebühren aus Sicht der Passagiere resultierten lediglich aus dem Wegfall des Lärmfünflibers.

Der Lärmfünfliber sei aber ein Beitrag der Fluggäste zur Finanzierung von Lärmschutzmassnahmen, welche der Flughafen finanzieren müsse. «Mit den Gebühren für die Leistungen des Flughafens hat diese Abgabe nichts zu tun, deshalb darf dies in der Diskussion auch nicht vermischt werden.»

Standpunkt der Swiss nicht ausreichend berücksichtigt

Die Flughafengebühren stellen für die Airline einen «massgeblichen Kostenblock, nach Treibstoffkosten, und Salärkosten, einer der grössten Einzelposten» dar. Swiss habe während der Verhandlungen stets auf eine Gebührensenkung hingewirkt, weil der Flughafen Zürich heute im europäischen Vergleich zu den teuersten Flughäfen gehöre und eine weitere Erhöhung dem Standort und der Wettbewerbsfähigkeit schadet.

Zwar stelle die Tatsache, dass das Bazl die Einwände der Flughafen-Nutzer in zahlreichen Punkten berücksichtig habe, ein Schritt in die richtige Richtung dar. «Unser Standpunkt konnte aber nicht ausreichend berücksichtigt werden», sagt die Swiss-Sprecherin. Grundlage für den Bazl-Entscheid sei aber die bundesrätliche Verordnung, die in verschiedenen Punkten stark zugunsten des Flughafens ausgestaltet sei. «Sie berücksichtigt die Interessen der anderen Partner in der Aviatik-Kette zu wenig.»

Swiss prüft Auswirkungen

Die Swiss will nun gemeinsam mit den anderen betroffenen Unternehmen die konkreten Auswirkungen der Gebührenverfügung prüfen. «Dann fällen wir einen Entscheid über das weitere Vorgehen und allfällig Rechtsmittel.»

Ob die Gebührensenkung tiefere Ticketpreise zur Folge hat ist unklar. «Es ist zu früh diesbezüglich Aussagen zu machen», sagt Mühlemann. Die Airline stehe in starkem internationalen Wettbewerb. «Wir können höhere Kosten nicht so einfach überwälzen.»

Lärmgegner kritisieren Bazl

Thomas Morf, Präsident des Vereins Flugschneise Süd Nein (VFSN) kritisiert die Bazl-Verfügung allgemein: «Es ist ein weiterer Schritt in die falsche Richtung.» Die Flugpreise könnten damit noch günstiger werden, obwohl sie schon heute «viel zu billig» seien. Das Bazl und der Flughafen Zürich arbeiteten eng zusammen, um den Zürcher Hub «auf Kosten der Anwohner attraktiver für deutsche Airlines» zu machen.

Dass der Lärmfünfliber wegfällt, hat laut Morf wenig Einfluss auf die Lärmschutzmassnahmen bei den Flughafenanrainern: «Im Dezember 2010 entschied das Bundesgericht, dass die Gemeinden im Süden des Flughafens schallgeschützt werden müssen. Bisher sind nicht einmal Pläne, was gemacht werden soll, definitiv.» Morf wirft dem Bazl eine Verzögerungstaktik vor, die die Aviatikindustrie einseitig begünstige, zu Lasten der betroffenen Bevölkerung: «Immer wenn dem Flughafen Kosten drohen, passiert mit behördlichem Segen jahrelang nichts.»

«Bazl hat sich für Kompromiss entschieden»

Für Patrick Huber, Branchenkenner und Chefredaktor des Aviatikmagazins «Cockpit», steht fest: «Das Bazl hat sich für einen Kompromiss entschieden.» Mit diesem Entscheid habe das Amt einerseits der Swiss signalisiert, dass der Bund deren Anliegen ernst nimmt. Andererseits sei der Flughafen dadurch nicht zu stark eingeschränkt worden.

«Hätte das Bazl aber wirklich ein Zeichen setzen wollen, hätte die Senkung bedeutender sein müssen», ist Huber überzeugt. Der Konflikt zwischen dem Flughafen und Swiss sei damit kaum entschärft worden. Trotzdem: «Das Bazl ist seiner Aufsichtsfunktion nachgekommen und hat die Anträge des Flughafens und der Airlines nicht einfach so durchgewinkt.»

Zürich zähle trotz der geplanten Senkung der Gebühren zu den teuersten Flughäfen Europas. Netzwerk-Carrier, wie die Lufthansa, Air France oder British Airways, hätten aber gar keine andere Wahl als Zürich anzufliegen. «Sie füttern damit ihren eigenen Hub, von wo aus die Langstreckenflieger starten.»

«Beide tun gut daran Kompromiss zu schlucken»

Hansjörg Bürgi, Chefredaktor von SkyNews.ch und Kenner, ist überzeugt: «Der einzelne Passagier wird die Veränderung kaum merken.» Die Summe werde für die Airlines aber bestimmt ins Gewicht fallen. «Allerdings dürften sich die Fluggesellschaften eine stärkere Reduktion erhofft haben, denn sie stehen - im Gegensatz zum Flughafen - unter extremem Kostendruck.»

Schaffe es Europa nicht für den Luftverkehr günstigere Rahmenbedingungen zu schaffen, wandere der Passagierstrom ab. «Emirates kommt ab Januar 2014 mit einem A380 nach Zürich und holt so noch mehr Fluggäste zum umsteigen nach Dubai. Das setzt den hiesigen Gesellschaften zu.» Bürgi ist überzeugt, dass es deshalb bedeutend sei, dass der Flughafen Zürich und die Airlines an einem Strick ziehen: «Beide tun gut daran diesen Kompromiss zu schlucken.»

Erstellt: 15.11.2013, 09:27 Uhr

Patrick Huber, Chefredaktor des Aviatik-Magazins «Cockpit» und Branchenkenner.

Umfrage

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