Fallpauschalen stellen werdende Eltern vor Probleme

Die Zahl der Geburten in Zürich hat auch 2011 Rekordwerte erreicht. Gleichzeitig wird der Aufenthalt der Frauen in den Spitälern verkürzt. Hebammen müssen noch flexibler arbeiten – und das rund um die Uhr.

Anspruchsvoller Start ins Leben: Immer mehr Wöchnerinnen wünschen sich eine Betreuung zu Hause. Hebammen sind rund um die Uhr gefordert.

Anspruchsvoller Start ins Leben: Immer mehr Wöchnerinnen wünschen sich eine Betreuung zu Hause. Hebammen sind rund um die Uhr gefordert. Bild: TA

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Frau Gurtner, die Spitäler verzeichnen erneut Geburtenrekorde. Gleichzeitig wird durch die Einführung der Fallpauschalen die Aufenthaltsdauer der Patientinnen in den Spitälern verkürzt. Welche Auswirkungen hat das auf die Arbeit der Hebammen?
Die Zahl der Frauen, die wir nach der Geburt zu Hause während des Wochenbetts betreuen, ist seit 2005 um rund 40 Prozent angestiegen. Mehr als die Hälfte der Frauen nimmt heute das Betreuungsangebot durch Hebammen wahr. Mit der Einführung der Fallpauschalen wird diese Zahl weiter ansteigen. Das bringt natürlich auch Probleme mit sich.

Welcher Art?
Durch den verkürzten Aufenthalt im Spital wird auch die Zeit verringert, eine Hebamme für die Nachbetreuung zu finden. Was Eltern in der Vergangenheit innerhalb von fünf Tagen regeln konnten, müssen sie nun in drei Tagen erledigen. In dieser kurzen Zeit haben aber gerade jene, die zum ersten Mal Eltern geworden sind, ganz andere Dinge im Kopf. Viele freipraktizierende Hebammen haben ihre Arbeitsmodelle deshalb dieser Entwicklung angepasst.

Wie sieht das Angebot der Hebammen aus?
Sie haben sich stärker untereinander vernetzt, weil sie kurzfristig reagieren müssen. Sie haben beispielsweise regionale Dienst- und Vertretungssysteme aufgebaut, damit sie im Notfall einzelne Tage voneinander übernehmen können und flexibel auf die Bedürfnisse der Eltern eingehen können.

Haben sich die Bedürfnisse der Eltern punkto Betreuung verändert?
Heute kommt es bei Geburten häufiger zu Interventionen wie Kaiserschnitt oder Geburtseinleitung. Das hat auch einen Einfluss aufs Wochenbett. Die Betreuung ist komplexer, und es bleibt weniger Raum für den Rollenwechsel von Frau zu Mutter – gerade beim ersten Kind. Hier liegt denn auch der Schwerpunkt der Hebammenarbeit – bei der Begleitung im Familiewerden. Im Wochenbett ist sehr viel möglich. Die Hebamme kann aufzeigen, wo Ressourcen im Umfeld frei gemacht werden können, damit Mutter und Kind diesen natürlichen Prozess in Ruhe machen können. Das kann auch gerne in den eigenen vier Wänden geschehen. Insofern stehen die Hebammen der Verlagerung des Wochenbetts nach Hause grundsätzlich positiv gegenüber. Dort braucht es einfach genügend Unterstützung im Haushalt und für die Betreuung älterer Kinder. Die Hebamme bietet zusätzlich medizinische und psychosoziale Begleitung.

…für die die Familien selbst aufkommen müssen?
Nein, die Grundversicherung der Krankenkasse deckt die Betreuung in den ersten zehn Tagen nach der Geburt, unabhängig davon, wo sich die Mutter befindet. Die Hebamme kann also bis zum zehnten Tag nach der Geburt Hausbesuche machen. Danach können drei weitere Stillberatungen in Anspruch genommen werden. Auch für die Betreuung der werdenden Mütter vor der Geburt kommt die Krankenkasse auf. In einer gesund verlaufenden Schwangerschaft kann man sechs Besuche der Hebamme verrechnen lassen, bei Besonderheiten auch mehr sowie zusätzliche ärztliche Konsultationen. Noch wissen allerdings nicht alle werdenden Eltern, dass diese Möglichkeiten bestehen.

Was wird getan, damit die werdenden Eltern besser informiert sind?
Die Vernetzung mit den Spitälern ist intensiviert worden. Viele informieren bereits in der Schwangerschaft über das Betreuungsangebot im Wochenbett und weisen die Eltern darauf hin, frühzeitig nach einer Hebamme zu suchen – idealerweise ein bis zwei Monate vor dem errechneten Geburtstermin. Umgekehrt bekommen die Hebammen von den Spitälern einen Austrittsbericht, der über den Zustand von Mutter und Kind und über die Geburt Auskunft gibt. Verschiedene Hebammeninstitutionen haben zudem im letzten Sommer das Projekt Family Start lanciert.

Welche Ziele verfolgt Family Start?
Wir, also der Schweizerische Hebammenverband, das Institut für Hebammen an der ZHAW, die Hebammenzentrale Zürich und regionale Arbeitsgruppen der Hebammen, wollen gemeinsam ein Modell ausarbeiten, wie wir Eltern nach der Geburt eine sichere, koordinierte und bedürfnisgerechte Betreuung bieten können. Ziel ist unter anderem eine zentrale Vermittlungsstelle, die sämtliche Angebote von Hebammen im Kanton Zürich koordiniert. Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet. Die Finanzierung ist noch nicht gesichert, wir erwarten jedoch im Laufe dieses Jahres, das Angebot zur Verfügung stellen zu können.

Das Angebot würde aber die Arbeitsbelastung der Hebammen nicht verkleinern.
Das stimmt natürlich. Die Stärke der Hebammen ist ihre 24-Stunden-Verfügbarkeit – und auch ihre Schwäche. Privates und Arbeit lässt sich nur schwer trennen. Und durch die Nähe, die Hebammen berufsbedingt zu den Betreuungspersonen aufbauen, ist ein Rationalisieren und Strukturieren der Arbeit nur schwer möglich. Die Betreuungszeit lässt sich nicht beliebig kürzen. Das Engagement der Hebammen ist zudem noch immer viel grösser als die Bezahlung für die geleistete Arbeit.

Und darüber klagen die Hebammen?
Die Bezahlung ist tatsächlich ein grosses Thema. Seit 1995 gelten dieselben Tarife in unserem Beruf, und sie entsprechen bei weitem nicht mehr den heutigen Arbeitsleistungen, die viel komplexer geworden sind.

Ist eine Verbesserung der Situation absehbar?
Der Hebammenverband hat einen Vertrag mit Santésuisse. Da gibt es sehr wenig Spielraum. Und eine Lobby für Hebammen gibt es nicht. Welche Leistungen sie für die Gesellschaft bringen, geht oft vergessen. Sie sind beispielsweise die einzigen Fachpersonen, die für die Betreuung von Mutter und Kind von Anfang der Schwangerschaft bis zum Ende der Stillzeit ausgebildet sind. Wir arbeiten daran, dass dieses Verständnis für den Beruf stärker in die Öffentlichkeit gerückt wird.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.01.2012, 12:16 Uhr

«Idealerweise suchen werdende Eltern ein bis zwei Monate vor dem Geburtstermin eine Hebamme»: Kathrin Gurtner

Kathrin Gurtner

Kathrin Gurtner ist freipraktizierende Hebamme und lebt in Zürich. Sie ist Co-Präsidentin der Zürcher Sektion beim Schweizerischen Hebammenverband und Vorsitzende der Fachgruppe Freipraktizierende Hebammen Sektion Zürich.

2011 erneuter Geburtenrekord

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