Fast 10 Milliarden Franken Schwarzgeld aufgetaucht

In Zürich ist die straflose Selbstanzeige finanziell ergiebig. Innert 10 Jahren wurden 660 Millionen Franken Steuern nachgezahlt.

Über 2300 Selbstanzeigen eingegangen: Steuerhinterzieher melden sich zahlreich beim Kanton. Foto: Keystone

Über 2300 Selbstanzeigen eingegangen: Steuerhinterzieher melden sich zahlreich beim Kanton. Foto: Keystone

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Das kantonale Steueramt feiert ein etwas eigentümliches Jubiläum: zehn Jahre Amnestie für Steuersünder. Seit 2009 können diese ihre versteckten Einkommen und Vermögen offenlegen und versäumte Zahlungen nachholen, ohne für die Steuerhinterziehung gebüsst zu werden. Die Amnestie ist für das Steueramt eine Erfolgsgeschichte. «Wir hätten nicht mit einer so grossen Zahl von Selbstanzeigen gerechnet», sagte Marina Züger, Chefin des kantonalen Steueramtes, gestern vor den Medien.

Ihr Team muss eine Millionen Meldungen aus dem automatischen Informationsaustausch prüfen: Steueramtchefin Marina Züger. Foto: Andrea Zahler

Bisher sind es 25'600 Personen und 200 Firmen, die sich selber anzeigten. Auch im vergangenen Jahr waren es wieder über 2300. Das sind zwar deutlich weniger als im Rekordjahr 2018, als es 7250 waren, doch gemäss Roger Keller, Sprecher der Finanzdirektion, sind es immer noch mehr als erwartet.

Durch die Steueramnestie wurden im Kanton Zürich fast zehn Milliarden Franken aufgedeckt und 660 Millionen Franken Steuern in die Kassen von Kanton und Gemeinden nachgezahlt.

20'000 Franken im Schnitt

Die Finanzdirektion rechnete ursprünglich mit gut 1000 Selbstanzeigen pro Jahr. So viele waren es vorerst auch. Am Anfang outeten sich jene mit den schlechtesten Gewissen. Sie meldeten eher hohe Werte, für die sie nicht selten Millionen nachzahlen mussten. Im Schnitt brachte eine Selbstanzeige im Jahr 2010 rund 60'000 Franken Nachsteuern ein.

In den Folgejahren wurde der Durchschnittsbetrag kleiner, weil sich auch die eher kleinen Sünder für eine Offenlegung entschieden. Im letzten Jahr lag die durchschnittliche Nachzahlung eine Falles bei 20'500 Franken. Allerdings gingen auch 2018 bei acht Anzeigen Nachsteuern von über einer Million Franken ein.

In die Höhe schnellte die Zahl der Selbstanzeigen 2015, als sich abzeichnete, dass die Schweiz beim automatischen Informationsaustausch (AIA) mitmachen wird und die Steuersünder aufzufliegen drohten.

Riesiger Aufwand

Inzwischen ist der AIA mit rund 100 Staaten (inklusive Europäische Union) in Kraft, und beim Kanton sind fast eine Million Meldungen aus dem Ausland eingegangen. Es geht dabei um ausländische Konten, um Dividendenzahlungen und Wertpapiergeschäfte. Allein im ersten Jahr des Austausches waren es 430'000 Meldungen gewesen.

Diese Datenflut sei für das Steueramt eine Herausforderung, sagte Züger. Darum werden die Fälle priorisiert. Als Erstes kümmern sich die Steuerkommissäre um die grossen, dann um die mittelgrossen Fälle. Als mittelgross erachtet das Steueramt Meldungen, welche mutmasslich Nachsteuern zwischen 100'000 und einer Million Franken erbringen.

Laut Verena Grossmann, Leiterin der Spezialdienste auf dem Steueramt, sind rund 80 Prozent der Meldungen kaum der Rede wert. Zudem sind rund 56 Prozent der gemeldeten ausländischen Werte bei den Zürcher Steuerbehörden bereits deklariert. Beim Rest drängen sich Zusatzabklärungen auf. Gemäss Grossmann müssen bei rund 12 Prozent der unklaren Fälle Nachsteuer- und Bussenverfahren eröffnet werden.

Bisher hat das Steueramt erst knapp 10'000 grosse und mittlere Fälle bearbeitet. Dazu Stichproben aus dem Rest der AIA-Meldungen. Ein ganz neuer grosser Hinterziehungs- oder Betrugsfall ist dabei keiner aufgetaucht. Verena Grossmann rechnet aber mit rund zehn mittleren neuen Fällen. Darüber zeigte sie sich erstaunt: «Es überrascht mich, dass es immer noch so viele Steuerzahlerinnen und Steuerzahler gibt, welche grosse bis sehr grosse Anlagen und Werte nicht deklarieren und teils happige Bussen riskieren.»

Nachlässige Italiener

Wie viel zusätzliche Nachsteuern durch den automatischen Informationsaustausch im Kanton eingehen, ist noch nicht abschätzbar, sagte Marina Züger. Es werde aber nochmals um grosse Beträge gehen. Es sei allerdings ein steiniger Weg, um diese Steuern einzutreiben, sagte Amtschefin Züger.

Erstens sei es oft schwierig, die gemeldeten Konten den zuständigen Steuerpflichtigen zuzuordnen, häufig seien die gemeldeten Beträge nicht korrekt, oder dann stimmten die Adressen der Kontoinhaber nicht mehr. Zudem würden sich die Steuersünder wenig kooperativ verhalten und Steuerentscheide und Bussen häufig anfechten. Rechtskräftige Gerichtsentscheide zu AIA-Verfahren sind dem Steueramt bisher nicht bekannt.

Interessant ist, woher die AIA-Meldungen stammen. Fürs Steuerjahr 2017 wurden 230'000 – das sind mehr als die Hälfte – aus Deutschland eingereicht. Angesichts der vielen Deutschen im Land sei dies zwar nachvollziehbar. Züger zeigte sich aber erstaunt über die vergleichsweise tiefe Zahl von Meldungen aus anderen EU-Staaten. Aus Italien beispielsweise sind lediglich 14'000 Meldungen eingegangen. «Diese Zahl ist womöglich unvollständig», sagte Züger. Sie betonte aber, entgegen ihren Erwartungen sei es tatsächlich ein Austausch von Informationen. Sie hatte anfänglich befürchtet, dass vor allem Meldungen aus der Schweiz ins Ausland fliessen würden. Noch keinen AIA gibt es übrigens mit den USA.

Erstellt: 08.01.2020, 11:05 Uhr

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