Die erste Fahrt mit der Limmattalbahn bis nach Schlieren

Bei der Testfahrt mit dem 2er-Tram wurden Weichen, Kreuzungen und Haltestellen überprüft. Und die Frage gestellt: Quietscht es?

So fährt es sich mit der neuen Limmattalbahn. Video: Sarah Fluck

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Es ist das bestimmt seit langem meistfotografierte Tram Zürichs. Obwohl es ein ganz gewöhnliches Zweier-Tram ist. Ungewöhnlich ist aber die Umgebung. Heute Morgen, kurz nach acht Uhr, ist das erste Tram seit 1956 auf Schlieremer Boden gefahren.

Die Schienen glänzen kupfrig, das Gras dazwischen ist von frischem Grün, und Daniel Issler ist ein bisschen nervös. Er ist der Geschäftsführer der Limmattalbahn, hat dieses Projekt nun neun Jahre lange betreut und wird jetzt dann gleich erfahren, wie es sich anfühlt, wenn es wirklich Fahrt aufnimmt.

Unterwegs mit höchstens 18 km/h: Tramchaffeur, Verkehrsteilnehmer und Fussgänger müssen sich noch an das Tram gewöhnen. Foto: Tom Egli

Es ruckelt, als ob es sich auf die neuen Schienen einstellen müsste, dann geht es langsam voran. Man werde die drei Kilometer lange Strecke vom Farbhof ins Schlieremer Zentrum mit höchstens 18 km/h fahren, hiess es beim Briefing vor den Medien. Denn der Tramchauffeur, aber auch die Verkehrsteilnehmer und Fussgänger unterwegs müssen sich erst an dieses neue Gefährt gewöhnen. «Achtung, ein Tram kommt!» Das ist eine neue Erscheinung auf der Zürcherstrasse in Schlieren.

Auch werden die Schienen erstmals befahren, die Weichen erstmals ernsthaft geprüft, da könnte ja noch eine Kinderkrankheit zum Vorschein kommen. Erstmals werden die Anwohnerinnen und Anwohner auch erfahren, ob sie künftig nachts von quietschenden Trams geweckt werden.

Die Stimmung bessert sich

Mit von der Partie sind bei dieser Testfahrt auch zwei Limmattalbahn-Vorkämpfer der ersten Stunde. Zwei, die jetzt besonders erleichtert sind, standen sie doch in der eigenen Partei und im eigenen Bezirk im Gegenwind: Willy Haderer (Unterengstringen) und Hans Egloff (Aesch), beide Mitglieder der SVP.

Sie erinnern sich nun während der Fahrt vom Farbhof nach Schlieren an harte politische Diskussionen und Rückschläge. «Das macht diesen Moment besonders schön», sagt Nationalrat Egloff, der den Verwaltungsrat der Limmattalbahn präsidiert. Vor allem, da er spüre, wie die Stimmung im Limmattal sich wandle. «Ich nehme viel mehr Wohlwollen wahr als noch vor zwei Jahren und richtige Vorfreude.»

Eine neue Erscheinung: Die Limmattalbahn in Schlieren. Foto: Tom Egli

Willy Haderer, bis 2015 Mitglied des Kantonsrats und langjähriger Gemeindepräsident von Unterengstringen, gilt gar als Vater der Limmattalbahn, hat er doch das Projekt, das bis zum Schluss im Bezirk Dietikon stark umstritten war, als Präsident der Zürcher Planungsgruppe Limmattal bereits im letzten Jahrhundert aufgegleist.

Er erinnert sich noch an Diskussionen um Hochbahnen und Tiefbahnen, an Streckenvarianten, ob Bus oder Tram. Er sei zufrieden, dass es so gekommen ist, wie es gekommen ist. «Die grösste Erleichterung war, als der Richtplaneintrag zustande kam», sagt er.

Stop and Go

Bei jeder Haltestelle – es sind sieben – wird gestoppt, und Mitarbeitende des Gleisbaus messen den Abstand zwischen Perronkante und Trittbrett: Maximal 7,5 Zentimeter horizontal und 5 Zentimeter Höhenunterschied sind zulässig, damit Personen, die im Rollstuhl sitzen, einigermassen bequem einsteigen können.

Maximal 7,5 Zentimeter Abstand horizontal und 5 Zentimeter Höhenunterschied dürfen es sein. Foto: Tom Egli

Währenddessen sitzen die übrigen Fahrgäste zur Probe auf die Wartebänke – «sehr hoch», finden die einen und lassen die Beine baumeln. «Gerade richtig», finden andere. «Da kann man mühelos wieder aufstehen.» Dann heisst es: «Alles einsteigen und festhalten, die Fahrt geht weiter.»

Aargau stach Zürich aus

ZVV-Direktor Franz Kagerbauer fährt natürlich auch mit. Er ist schliesslich der eigentliche Hausherr, wird doch die Limmattalbahn künftig unter dem Dach des Zürcher Verkehrsverbunds fahren. Allerdings von Aargauern betrieben.

Die damalige Bremgarten-Dietikon-Bahn, heute Aargau Verkehr AVA, hat nämlich die Mitbewerber VBZ und SZU in einem Kopf-an-Kopf-Rennen ausgestochen und den Zuschlag für den Betrieb der Limmattalbahn bekommen.

Allerdings haben die VBZ doch noch ein Wörtchen mitzureden: Für die Strecke zwischen Farbhof und Schlieren haben sie nämlich die Konzession. Die AVA kommt also erst bei der zweiten, allerdings längeren Etappe zum Zug: vom Bahnhof Altstetten nach Farbhof und von Schlieren über Dietikon nach Killwangen-Spreitenbach. Sie soll Ende 2022 in Betrieb gehen.

Erste Fahrt eines Trams durch Schlieren seit mehr als sechzig Jahren. Foto: Tom Egli

Und wie sieht die Limmattalbahn aus? Gelb, wie einst das «Lisbethli», die Limmattaler Strassenbahn, die von 1900 bis 1930 vom Letzigrund nach Dietikon und Weiningen führte? Der Entscheid sei noch nicht gefallen, eine erste Variante gerade erst verworfen worden, sagt Kagerbauer. «Aber gelb ganz sicher nicht.»

So viel verrät er: Die Wagen der Limmattalbahn werden in Blau und Grün gehalten sein und gross den Schriftzug ZVV aufweisen – etwas kleiner den des Betreibers AVA.

Einweihung mit Volksfest

Noch etwa vierzig Minuten fährt das Tram in die neu gestaltete Haltestelle Schlieren Zentrum ein und sorgt für einiges Aufsehen und etwas Verwirrung.

Handys werden gezückt, und wer auf den Bus wartet, prüft die elektronische Anzeige. Fährt das Tram jetzt schon? Nein, offiziell erst ab dem 2. September. Am Samstag, 31. August, aber ist die Limmattalbahn als Zweier-Tram zwischen 10 und 18 Uhr bereits in Fahrt, als eine der Hauptattraktionen des grossen Schlierenfests. Auch «Lisbethli» wird dort sein.

Noch nicht ganz fertig: Die Endstation Geissweid. Foto: Tom Egli

Endstation Wendeschlaufe Geissweid. Alles aussteigen. Zufriedene Gesichter bei den Gleisbauern. Die Schienen haben nicht geholpert, die Weichen haben funktioniert, die Haltestellen sind in Ordnung.

Und pure Freude bei Gesamtprojektleiter Daniel Issler, der im Übrigen bereits vor zehn Tagen verkünden konnte, dass das Budget von 195 Millionen Franken voraussichtlich um rund 10 Prozent unterschritten werde.

Und noch etwas: Das Tram hat auf der ganzen Fahrt kein einziges Mal gequietscht.

Erstellt: 19.08.2019, 12:21 Uhr

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