«Finanziell sind wir am Limit»

Rolf Zehnder, der Direktor des Kantonsspitals Winterthur, prognostiziert für seinen Betrieb ein weiteres Wachstum. Die Rechnung geht Ende Jahr nur knapp auf.

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Nach einer Stagnation 2017 hat das Kantonsspital Winterthur (KSW) 2018 wieder mehr Patientinnen und Patienten stationär behandelt. Damit sticht es aus dem Gros der Zürcher Spitäler heraus. Wieso?
Wir haben die notwendigen Spezialisten und Subspezialisten, was für die Medizin der Zukunft entscheidend sein wird. Dies ergibt eine grosse Anziehungskraft für das KSW. Darüber hinaus hat die Region Winterthur kein Überangebot an Spitalbetten, darum ist die Anzahl Spitalaufenthalte pro 1000 Einwohner nirgends im Kanton so tief wie hier. Langfristig gehen wir für unser Spital von einem jährlichen Wachstum um ein bis zwei Prozent aus. Weil die ältere Bevölkerung deutlich zunimmt und sich die Medizintechnik entwickelt.

Dass die Leute immer älter werden und deshalb mehr Medizin benötigen, sticht als Argument nur bedingt. Die höchsten Kosten fallen am Lebensende an, egal ob der Tod mit 60 oder 80 eintritt.
Doch, das Argument stimmt schon. Denn bei älteren Menschen nehmen die degenerativen Erkrankungen zu, zum Beispiel Arthrose oder der graue Star. Zudem wird nun die Generation der Babyboomer alt, das heisst, es wird zahlenmässig mehr Menschen in der letzten Lebensphase geben. Ein weiterer Faktor ist die steigende Überlebensrate bei schweren Krankheiten und nach komplexen Operationen; heute überleben mehr Menschen, sie sind dann aber oftmals chronisch krank. Fazit: Die Nachfrage nach Medizin wird weiter steigen.

Immer mehr Eingriffe können aber ambulant durchgeführt werden, und der Kanton schreibt dies den Spitälern neuerdings ja auch vor.
Das stimmt. Letztes Jahr haben wir rund 500 Patienten ambulant operiert, die 2017 noch stationär im Spital gewesen wären. Allerdings machen wir das nur, wenn es auch sinnvoll ist.

Das Triemli hat finanzielle Probleme, weil sein neues Bettenhaus zu gross ist. Sie bauen auch eines. Wird es weniger Betten haben, als das KSW heute hat?
Das neue KSW wird gleich viele Betten haben. Wir rechnen zwar wie erwähnt mit mehr stationären Patientinnen und Patienten. Wir werden aber die Behandlungsprozesse weiter verbessern und so die Aufenthaltsdauer weiter verkürzen. Aber auch wir müssen unseren Neubau finanziell verdauen. Ab dem Bezug im Jahr 2021 belastet er die Rechnung mit rund 15 Millionen Franken, und das rund 30 Jahre lang. So hoch sind die jährlichen Abschreibungen und Zinsen.

2018 haben Sie einen Gewinn von 16 Millionen erzielt, das würde gerade knapp reichen.
Ja, wir müssen uns zur Decke strecken. Mit unserem Abschluss sind wir jedoch zufrieden, denn verschiedene Faktoren drückten aufs Ergebnis: die Tarifsenkungen im ambulanten Bereich, die ein Loch von 10 Millionen in unsere Rechnung rissen; die Verlagerung von stationär zu ambulant; die um über 4 Millionen teurere Kantonsapotheke; der Teuerungsausgleich fürs Personal und so weiter. Das zeigt: Finanziell sind wir am Limit. Gleichwohl wollen wir für alle da sein, auch für die Kinder und die alten Menschen, deren Behandlung oft nicht kostendeckend vergütet wird.

Wo sehen Sie die Lösung?
Ich bin einverstanden damit, dass der Bundesrat die Tarife in jenen Fachbereichen senkt, in denen sie zu hoch sind. Handkehrum muss er sie aber dort erhöhen, wo sie zu tief sind, etwa in der Kindermedizin. Allein unsere Kinderklinik hat, trotz sehr guter Auslastung und höchstem Engagement der Mitarbeitenden, im ambulanten Bereich ein Defizit von rund 3,5 Millionen Franken. Dieses wurde bisher von anderen Kliniken querfinanziert. Sinken deren Tarife, geht die Rechnung nicht mehr auf.

2018 hat das KSW 7 Prozent mehr ambulante Patienten behandelt, die Erträge blieben wegen der Tarifsenkungen aber konstant. Muss das Personal jetzt schneller arbeiten?
Wir arbeiten kontinuierlich an unseren Abläufen. Es ist also nicht so, dass die Mitarbeitenden genau das Gleiche immer schneller machen müssen. Doch sicher steigt die Belastung.

Haben die Leute reklamiert?
Sie haben es natürlich gespürt. Der grösste Teil der Mitarbeitenden hat es verstanden. Aber auf Dauer halten sie das nur durch, wenn die Tarife auch leistungsgerecht sind.

Vor zwei Jahren hat das Stimmvolk die Umwandlung des KSW von einer öffentlich-rechtlichen Anstalt in eine AG abgelehnt – zu Ihrem Bedauern. Haben Sie die Niederlage verwunden?
Grollen bringt nichts. Wir machen aus den gegebenen Rahmenbedingungen das Beste. Gut ist, dass wir dank der Reform des KSW-Gesetzes seit 2019 selber bauen können, das bringt mehr Flexibilität. Wir müssen nicht mehr durch einen langwierigen politischen Prozess, wenn wir bei der Infrastruktur reagieren wollen. Zeitgerechte, zielgerichtete Entscheidungen sind in der heutigen Spitalwelt entscheidend für eine erfolgreiche Zukunft.

Und was ist nicht gut?
Die Zukunft liegt in Netzwerken. Solche zu knüpfen, ist für uns schwierig. Wir möchten Kooperationen eingehen – mit anderen öffentlichen Spitälern wie auch mit privaten Firmen. Dafür muss man gemeinsame Unternehmenseinheiten bilden können. Weil unsere Prozesse viel zu langsam sind, sind wir kein ­attraktiver Partner.

Nennen Sie ein Beispiel.
Das Spital Thun hat gemeinsam mit der Firma Medbase innert Kürze ein ambulantes Operationszentrum erstellt. Bei uns würde das Jahre dauern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.04.2019, 21:33 Uhr

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