Fliegertod am Irchel

Bei Teufen ZH stürzten 1945 am gleichen Tag zwei französische Jagdflieger ab. Nun soll am Absturzort ans Unglück erinnert werden.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein Spickel Wald, umgrenzt von drei Feldwegen. Baumstrünke, Äste, Gestrüpp, irgendwo im Laub liegt ein umgekippter Hochsitz. An diesem Ort, weit hinten im Junkerental bei Teufen ZH, stürzte am 16. Juli 1945 ein französisches Militärflugzeug vom Typ Aircobra in den Wald. Praktisch zeitgleich prallte nur rund 400 Meter entfernt ein zweites französisches Jagdflugzeug desselben Typs in den waldigen Steilhang des Irchels. Beide Piloten kamen ums Leben.

«Ja, hier ist der Flieger damals runtergekommen», sagt Stefan Rohner, Forstwart aus Teufen. Spuren der damaligen Abstürze seien allerdings keine mehr sichtbar. Weder gebe es eine in den Wald geschlagene Schneise noch Rindennarben an Baumstämmen. «Das ist zu lange her. Die Bäume stehen nicht mehr, zudem wurden im Nachhinein Waldwege gebaut», sagt der 62-Jährige.

Den genauen Absturzort wenige Meter neben dem Feldweg kennt Rohner von Erzählungen älterer Dorfbewohner. Und von einem Hobbyarchäologen, der vor ein paar Jahren in dem Waldspickel mit einem Metalldetektor nach Trümmern suchte. Der Mann wurde fündig und grub diverse Metallteile aus dem Waldboden. Eines der Fundstücke schenkte er Rohner – den Teil einer Patrone aus dem Bordgeschütz.

«Ta Salomé»: Foto in Brieftasche

«Die Maschine des Patrouillenführers, eines Premier Lieutenant, hatte sich tief in den nassen Waldboden gebohrt», schrieb der Journalist Max Korthals (1922-2003) 1997 in einem Beitrag für die NZZ. Er war als junger Soldat am Unglücksort für die Sicherung der Absturzstelle und die Bergung der Opfer mitverantwortlich. «Bei Nacht, Nebel und Nässe barg eine private Baufirma die Trümmer, und der Trichter füllte sich allmählich mit Benzin und Regenwasser. Da sich bei der amerikanischen Aircobra der Führersitz vor dem Motor befand, war der Körper des Piloten der letzte Fund.»

Zum Doppelabsturz gab es damals ausser einem dürren amtlichen Communiqué der Abteilung Presse und Funkspruch kein grosses Aufheben. Korthals: «Es galt noch Geheimhaltung, und Presseleute am Unfallort waren undenkbar, ebenso nachträgliche Recherchen der Medien über Gründe und Verantwortungen.» Ein Erlebnis hatte sich ihm besonders eingeprägt: «In der seltsamerweise trocken gebliebenen Brieftasche des Piloten fand sich zwischen den Dienstpapieren, aus denen hervorging, dass er bis kurz vorher seine Dienste in (dem sonnigen?) Algerien geleistet hatte, das Foto eines schwarzäugigen Mädchens; Rückseite ‹Ta Salomé›.»

Gemäss Akten aus dem Bundesarchiv waren die beiden Flugzeuge in den tief hängenden Wolken kollidiert und danach abgestürzt. Bei den Toten handelte es sich um den 25-jährigen François de Laurens und den 27-jährigen François Delvolvé. «Sie kamen rheinaufwärts und hatten zuvor mit ihrem Tiefflug die Eglisauer aufgeschreckt», notierte Korthals. Der Wolkenplafond lag tief, ihn unterfliegen zu wollen sei äusserst riskant gewesen. Laut dem Aviatikkenner benützten die französischen Piloten auf ihren Flügen oft den Rhein als Navigationshilfe. Seit der Installation der französischen Besatzungsarmee in Süddeutschland im Mai 1945 hätten die Schweizer Behörden dies auch dort toleriert, wo der Rhein kein Grenzfluss ist.

Das Rätsel um die toten Piloten

Offenkundig unterschätzten die Piloten die Flussbiegung bei der Tössegg: «Mit einer Richtungsänderung um 310 Grad befindet sich hier ja, mit Ausnahme des Rheinauer Mäanders, die kräftigste Rheinbiegung zwischen Graubünden und der Nordsee», schrieb Korthals. Er erinnerte an einen ähnlichen Flugzeugabsturz ganz in der Nähe: Rund zwei Kilometer entfernt, am Rhinsberg bei Eglisau, verunglückte 1947 ein weiterer französischer Pilot tödlich. Er befand sich auf dem Flug ins Elsass und orientierte sich ebenfalls am Rheinlauf.

Die Beisetzung der Verunglückten von Teufen fand einige Tage später im Friedhof Nordheim in Zürich statt, wie Korthals festhielt. Auch in einem im Bundesarchiv erhaltenen Brief des Chefs der Fliegertruppen heisst es, französische Offiziere seien damals in die Schweiz geflogen worden, um an der Beisetzung teilzunehmen. In der offiziellen Mitteilung der Armee zum Absturz wird die Überführung der Leichen in den Friedhof Nordheim ebenfalls erwähnt.

Allerdings: Die Gräber der beiden Piloten sucht man dort vergebens. Und es ist unklar, ob ihre sterblichen Überreste wirklich in Zürich begraben oder nicht doch nach Frankreich zurückgebracht wurden. «In den Registern im Archiv des Friedhofs Nordheim finden sich keine Hinweise auf die Beisetzung der beiden Piloten», sagt Bruno Bekowies, stellvertretender Leiter des Zürcher Bestattungs- und Friedhofamts. Womöglich wurde das Begräbnis in den Unterlagen aber auch nicht vermerkt oder die Dokumente sind nicht mehr vorhanden.

Kontroverse um Schadenersatz

Der Doppelabsturz von Teufen beschäftigte die Bundesbehörden noch längere Zeit. Dabei ging es um die Frage, wer die Kosten von 2300 Franken für die Bergung der Wracks übernimmt und ob die Schweiz von Frankreich Schadenersatz fordern sollte. Im Bundesarchiv findet sich ein Schriftwechsel zwischen dem Militärdepartement und dem Politischen Departement.

«Der Kommandant der Flieger- und Flabtruppen, Herr Oberstdivisionär Rihner, habe sich persönlich dieses Falles angenommen und seinerzeit verfügt, es sei von einer Geltendmachung von Schadenersatz gegen Frankreich mit Rücksicht auf die ‹courtoisie internationale› zu verzichten», heisst es in einem Schreiben vom August 1947. Zur Begründung habe Rihner darauf aufmerksam gemacht, er sei von Herrn General Delattre de Tassigny zusammen mit andern schweizerischen Offizieren in äusserst zuvorkommender Weise empfangen worden. Unter diesen Umständen habe er es «nicht für korrekt gehalten», eine Wiedergutmachung für den Absturz der beiden Flugzeuge zu verlangen.

Das kam nicht überall gut an. Das ­Militärdepartement werde gegenüber Herrn Oberstdivisionär Rihner zum Ausdruck bringen, «dass dieses eigenmächtige Vorgehen unstatthaft gewesen sei», heisst es in einem weiteren Brief. Schliesslich zogen das Militär- und das Aussendepartement einen Schlussstrich und segneten das Vorgehen Rihners nachträglich ab. «Wir betrachten diese Sache als erledigt», teilten sie ihm mit.

Eine Wegmarke als Erinnerung

Laut Oliver Müller, Gemeindepräsident von Freienstein-Teufen, prüft der Gemeinderat nun, am Unglücksort am Waldrand einen Hinweis anzubringen. In welcher Form dies geschehen soll, sei noch offen. Vorstellen kann er sich eine Wegmarke, einen Stein mit einem kurzen Hinweis. Auch in der Gemeindechronik auf der Website der Gemeinde soll künftig auf das Unglück hingewiesen werden. «Das gehört zur Geschichte unserer Gemeinde, das dürfte den einen oder anderen interessieren», sagt Müller. Auf dem Rhinsberg bei Eglisau gibt es bereits seit Jahren einen Gedenkstein für den verunglückten Piloten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.12.2017, 19:37 Uhr

Forschung

Als fremde Bomber auf die Schweiz stürzten

Der Doppel-Absturz bei Teufen ZH war nicht der einzige Absturz eines ausländischen Flugzeugs in der Schweiz während der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Laut dem St. Galler Historiker Dani Egger gab es zwischen 1939 und 1945 mindestens 56 Abstürze fremder Flugzeuge in der Schweiz, dazu kamen 185 Landungen oder Notlandungen. Egger befasst sich seit längerem mit dem Thema und betreibt die Website warbird.ch. Bei seinen Absturzzahlen stützt er sich auf den «Bericht des Kommandanten der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen an den Oberbefehlshaber der Armee über den Aktivdienst 1939-1945».

Egger hat 2014 bereits das Buch «Fremde Flugzeuge in der Ostschweiz» herausgegeben. Derzeit arbeitet er an einem neuen Buch, das sämtliche Ereignisse mit fremden Flugzeugen in der Schweiz im Zweiten Weltkrieg dokumentieren soll. «Es gibt bisher kaum Literatur darüber», sagt der Historiker. Für sein Buchprojekt hat er eine Fülle von Informationen und Fotos zusammengetragen. Die Militärfotos zum Unglück der beiden Jagdflieger in Teufen stammen aus seinem Privatarchiv. Das Buch soll im nächsten Herbst erscheinen. (mth)

Artikel zum Thema

Grauzonen der Geschichte

Eine neue Studie geht von «nur» 4000 jüdischen Flüchtlingen aus, die während des Zweiten Weltkriegs an der Schweizer Grenze abgewiesen wurden. Mehr...

«Das ist eine Biertischrechnung. Da mache ich nicht mit»

Interview Nur 4000 Juden sollen während des Zweiten Weltkriegs an der Schweizer Grenze abgewiesen worden sein, sagt eine neue Studie. Damit greift sie den Bergier-Bericht an. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Neue Perspektiven der Schweiz erleben

Die Air Zermatt AG und der Autovermieter Hertz sorgen für eine sichere und erlebnisorientierte Mobilität, die neue Perspektiven eröffnet.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Vatikan: Bischöfe während der Heiligsprechung des Papstes Paul VI und des 1980 ermordeten Erzbischofs Oscar Romero aus San Salvador.(14. Oktober 2018)
(Bild: Alessandro Bianch) Mehr...