Fluglotse muss wegen Fast-Kollision vor den Richter

Ein Skyguide-Mitarbeiter hat zwei Flugzeugen gleichzeitig den Start erlaubt. Weil sie sich gefährlich nahe kamen, muss er sich vor Gericht verantworten – eine Premiere in der Schweiz.

Drei Videosimulationen zeigen den Ablauf des Beinahezusammenstosses zwischen zwei A320 der Swiss im März 2011. Am oberen Bildrand ist der Funkverkehr der Piloten und des Fluglotsen eingeblendet.
Video: SUST. (Bearbeitung: Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

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Viel hat am 15. März 2011 nicht gefehlt, und es wäre auf dem Flughafen Zürich zur Katastrophe gekommen. Ein Fluglotse hatte gleichzeitig zwei Swiss-Maschinen auf sich kreuzenden Pisten die Startfreigabe erteilt. Noch während die Piloten des Fluges SWR1326 nach Moskau auf die Piste 16 rollten, erlaubte er ihnen den Abflug. Die Maschine transportierte 135 Menschen. Keine Minute später gab der heute 32-Jährige einem Airbus A320 mit dem Rufzeichen SWR202W nach Madrid und 127 Personen an Bord auf der Piste 28 den Start frei. Nach 42 Sekunden, bei Tempo 300, erblickten dessen Piloten die andere Maschine, die sich von rechts näherte. Sie brachen den Start sofort ab. Rund zwei Sekunden später befahl ihnen auch der Lotse, den Abflug zu stoppen.

Am kommenden 16. Dezember muss sich der Lotse nun vor dem Bezriksgericht Bülach rechtfertigen. Wie der Anklageschrift zu entnehmen ist, war die A320 im Moment des Startabbruchs noch zirka 550 Meter vom Pistenkreuz entfernt. Die Besatzung der Maschine auf der Piste 16 hatte nichts bemerkt und ihren Start fortgesetzt.

Für die Staatsanwaltschaft steht fest, dass sich der Lotse der fahrlässigen Störung des öffentlichen Verkehrs schuldig gemacht hat. Durch die zeitnahen Startfreigaben sei es zu einer gefährlichen Annäherung der Flugzeuge gekommen. Hätten beide Maschinen ihren Start fortgesetzt, hätten die Luftwirbel und Abgasstrahle der einen Maschine die zweite ausser Kontrolle geraten lassen können, was wohl zu Verletzten oder Toten geführt hätte. Weiter heisst es: «Hätte das Flugzeug SWR202W den Startlauf fünf Sekunden früher eingeleitet und den Start nicht abgebrochen, wäre es gar zu einer Kollision gekommen.»

Nicht die erste Fehlleistung

Der Staatsanwalt kommt zum Schluss, dass es dem Beschuldigten bei pflichtgemässer Aufmerksamkeit möglich gewesen wäre, die Gefährdung vorauszusehen. Die Anklage fordert eine bedingte Geldstrafe von 18'000 Franken.

Der Flugverkehrsleiter war bereits am 31. Juli 2008 an einem schweren Vorfall am Flughafen Zürich beteiligt. Er erteilte damals auf der Piste 16 einer Maschine die Landeerlaubnis und kurz danach einem Flugzeug auf der Piste 28 die Startfreigabe. Der Mann sass auch am 11. August 2012 am Radar, als es über Waldshut beinahe zu einer Kollision zwischen einem Langstreckenjet und einem Segelflugzeug kam, das sich in einem für ihn gesperrten Luftraum befand und ohne Transponder unterwegs war.

Seit 2002 hat die Schweizerische Unfalluntersuchungsstelle (Sust) 114 Vorfälle durchleuchtet, bei denen sich Flugzeuge gefährlich nahe kamen. Zahlreiche davon waren auch Gegenstand von juristischen Ermittlungen. Vor Gericht stand deswegen aber noch kein Lotse. Laut dem zuständigen Ankläger, Thomas Leins, bringt die Staatsanwaltschaft jene Fälle zur Anklage, bei welchen der Täter nicht geständig ist und die Staatsanwaltschaft den Tatbestand der fahrlässigen Störung des öffentlichen Verkehrs als erfüllt erachtet. Dieser umfasse auch eine Gefährdung von Leib und Leben, die aber genügend konkret sein müsse. In juristischer Hinsicht sei dies nicht bei allen gefährlichen Annäherungen gegeben. «Ich bin der Meinung, dass dies im vorliegenden Fall aber so ist.»

Meldewesen in Frage gestellt

Die Flugsicherung Skyguide fürchtet nun, dass die Anklage Schule machen könnte. «Aus fachlicher Sicht ist es für uns unverständlich, dass dieser Fall vor Gericht kommt», sagt Skyguide-Sprecher Roger Gaberell. Interne Untersuchungen und der Bericht der Sust hätten ergeben, dass der Lotse weder mutwillig noch grobfahrlässig die Gefahrensituation herbeigeführt habe. Seit 2007 kennt die Schweizer Luftfahrt das straflose Meldewesen: Der sogenannten «just culture» liegt die Idee zu Grunde, dass Piloten und Lotsen Beobachtungen sowie Fehler melden sollen und dabei einen der Situation angemessenen rechtlichen Schutz geniessen. Grobfahrlässiges oder vorsätzliches Handeln bleibt davon ausgeschlossen.

Gaberell hält fest: Selbstverständlich müssten die Verantwortlichen juristisch zur Rechenschaft gezogen werden, wenn bei Unfällen Menschen zu Schaden kommen. «Wir können aber auch von Fehlern lernen, die keine derartigen Konsequenzen haben. Piloten oder Lotsen wissen am besten, wo die Arbeitsabläufe und Systeme Mängel aufweisen.» Indem sich ein Flugverkehrsleiter juristisch verantworten müsse, vergebe man sich unter Umständen eine Chance, Arbeitsabläufe nachhaltig sicherer zu machen. «Sollte es zu einer Verurteilung kommen, fürchten wir um diese wichtige Fehlerkultur.»

Für Daniel Knecht, Leiter der Geschäftsstelle der Sust, ist unklar, welche Auswirkungen die Anklage auf das Meldewesen haben wird. «Für unsere Untersuchungen ist die Selbstdeklaration ein sehr wichtiges Element. Sie dient der Erhöhung der Sicherheit.»

Vor den Untersuchungsleitern legen die Beteiligten die Karten für gewöhnlich offen auf den Tisch. Die Einvernahmeprotokolle dürfen vor Gericht auch nicht benutzt werden. Die Staatsanwaltschaft muss die betreffenden Personen nochmals befragen. Die Abschlussberichte können allerdings als Beweismittel im Verfahren einfliessen.

Ein solches Meldesystem kennt auch die Swiss. Es dient dazu, Risiken frühzeitig zu erkennen. «Wir erhalten unternehmensweit mehrere Tausend Reports pro Monat», sagt Swiss-Sprecherin Sonja Ptassek.

Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) erhofft sich vom straflosen Meldewesen einen wesentlichen Beitrag zur Sicherheit. «Die Strafverfolgungsbehörden müssen bestrebt sein, durch ihre Untersuchung die Meldekultur in der Luftfahrt möglichst nicht zu beeinträchtigen», sagt Bazl-Sprecher Urs Holderegger. Die Behörden sollten zudem bei Untersuchungen gegen Flugverkehrsleiter und Piloten berücksichtigen, dass bei Ausübung dieser Berufe Unachtsamkeiten und Fehler vorkommen.

Erstmals nach Überlingen

Letztmals vor den Richtern verantworten mussten sich Skyguide-Mitarbeiter wegen der Tragödie von Überlingen. Allerdings handelte es sich dabei tatsächlich um eine Kollision. Am 1. Juli 2002 war es kurz nach 21.30 Uhr nördlich der süddeutschen Stadt zu einem Zusammenstoss zweier Flugzeuge gekommen. 71 Personen, davon 45 Kinder verloren dabei ihr Leben. Das Bezirksgericht Bülach verurteilte vier Skyguide-Mitarbeiter wegen fahrlässiger Tötung. Der diensthabende Lotse wurde vom Vater eines der verunfallten Kinder getötet.

Erstellt: 27.11.2014, 20:19 Uhr

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Nachgefragt

«Die Zahl der schweren Vorfälle spricht eine klare Sprache»

Laut Mario Winiger, Präsident der Lotsengewerkschaft,
ist das System Flughafen Zürich nicht mehr mit
der nötigen Fehlertoleranz beherrschbar.


Welche Auswirkungen hat die Anklage gegen den Lotsen auf die Tätigkeit seiner Kollegen?

Auf die tägliche Arbeit hat sie momentan keine Auswirkung. Ich spüre aber eine aufkommende Unsicherheit. Eine Ver­urteilung würde die Sicherheitskultur der Schweizer Aviatik gefährden. Wer einen sicherheitsrelevanten Beruf ausübt, sollte nur bei grobfahrlässigem Handeln rechtlich belangt werden können. Sonst muss das straffreie Melde­wesen gefördert werden.

Sie plädieren also für die Straffreiheit von Akteuren der Aviatik?

Nein. Sollte ein Kollege grobfahrlässig oder vorsätzlich handeln, dann muss er angemessen bestraft werden. Wir akzeptieren selbstverständlich, dass bei schwerwiegenden Verfehlungen das Strafrecht greift.

Mit der Anklage könnte die Justiz ein Exempel statuieren, damit die Lotsen ihre Arbeit aufmerksamer machen. Das würde sich ebenfalls positiv auf die Sicherheit auswirken.

Mit der Anklage des Flugverkehrsleiters wird die Sicherheit am Flughafen Zürich nicht verbessert. Die dortigen Probleme wurzeln hauptsächlich in lärmpolitischen Kompromissen. Sie machen die Flugsicherung zu einem hochkomplexen System mit zu geringer Fehlertoleranz für die Menschen, die damit arbeiten müssen. Vorfälle wie dieser sind das Resultat von wirtschaftlichen Interessen und einer zu restriktiven Lärmpolitik, die das System zeitweilig überfordert. Solange die Verfahren nicht vereinfacht werden, könnte dasselbe morgen einem anderen Kollegen passieren.

Ist das System oder sind die Lotsen überfordert?

Der Lotse ist nicht überfordert, doch das System Flughafen Zürich ist nachweislich nicht mehr mit der nötigen Fehlertoleranz beherrschbar. Der regelmässige Betrieb auf sich kreuzenden Pisten ist einzigartig in Europa.

Verständlich, dass Sie Ihren Kollegen in Schutz nehmen. Fakt ist aber, dass es bei Fastkollisionen geblieben ist. Die Lotsen kommen im Alltag offenbar mit den Bedingungen klar.

Die Zahl der schweren Vorfälle im Zusammenhang mit den sich kreuzenden Pisten und Flugwegen spricht eine deutliche Sprache. Das taten auch die Unfallexperten in ihren jüngsten Schluss­berichten kund.

Mit Mario Winiger sprach Pia Wertheimer

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