Zweifelhafte Imame betreuen Häftlinge in der Pöschwies

In Regensdorf kümmern sich Imame um muslimische Gefangene: Einer davon hat Beziehungen zu Salafisten, ein zweiter zur türkischen Religionsbehörde Diyanet.

Hier lehren Geistliche mit heiklen Ansichten: Fussballfeld und Gefängnis Pöschwies in Regensdorf. Foto: Thomas Egli

Hier lehren Geistliche mit heiklen Ansichten: Fussballfeld und Gefängnis Pöschwies in Regensdorf. Foto: Thomas Egli

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Der traditionelle Zürcher Imam-Empfang war dieses Jahr besonders gediegen: Er fand am 28. Juni mit Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) erstmals im Muraltengut statt. Für die Imame sprach der Bosnier Sakib Halilovic, Imam in der Vollzugsanstalt Pöschwies und Mitglied im Vorstand der Vereinigung der islamischen Organisationen in Zürich (Vioz). Diese habe heute in allen Zürcher Gefängnissen Imam-Seelsorger. Sie versuchten, das Gefängnisleben ihrer Mitgläubigen zu erleichtern und ihnen zu helfen, «nicht in das Spinnennetz des Radikalismus und Terrorismus zu geraten». Für Halilovic sind das die «zwei Übel, welche wie die Pest die erhabenen moralischen und zivilisatorischen Schönheiten des Islam vernichten».

Nur: Entsprechen Halilovics Kollegen im Pöschwies-Imam-Team diesem hehren Profil? Der dienstälteste, seit 1995 in Regendorf tätige Imam ist der Mazedonier Nebi Rexhepi. Absolvent der saudischen Universität Medina, ist er mit dem wahabitischen Staats-Islam vertraut. Im Nebenamt leitet er ein Reisebüro, das Pilgerreisen zu den heiligen Stätten Medina und Mekka organisiert. Hauptamtlich ist Rexhepi Imam der albanischen Moschee in Zürich-Altstetten. In der Union Albanischer Imame der Schweiz gehört er zu jenen Geistlichen, die besonders häufig Seminare mit salafistischen Predigern aus Mazedonien und Kosovo organisieren.

2013 lud Rexhepi den berüchtigten, in Medina ausgebildeten Salafisten-Imam Shefqet Krasniqi aus Pristina in seine Zürcher Moschee ein, wo dieser über den Aufstieg des Islam nach der Befreiung des kommunistischen Kosovo predigte. Im gleichen Jahr trat Rexhepi mit Krasniqi und dem radikalen Imam Mazllam Mazllami von Prizren in Wetzikon auf. Wenig später wurden Krasniqi und Mazllami zusammen mit anderen Imamen im Kosovo wegen Aufruhr und religiöser Hasspredigt verhaftet. Die Justiz warf ihnen vor, sie hätten Terroristen des «Islamischen Staates» im Nahen Osten unterstützt. Krasniqi soll den ersten in Syrien umgebrachten Jihadisten aus dem Kosovo gesegnet haben.

Nebi Rexhepi, der in den Ferien weilt und deshalb nicht Stellung beziehen will, hat auch den albanischen Youtube-Imam Irfan Salihu eingeladen. In der Moschee an der Zürcher Rautistrasse wetterte dieser: «Frauen, die kein Kopftuch tragen, begehen eine grössere Sünde als Männer, die Schnaps saufen.» Inzwischen wurde er als Imam von Prizren entlassen, weil er unverheiratete sexuell aktive Frauen als Huren beschimpfte, die Männer «wie ausgefahrene Reifen, wie gebrauchte Taschentücher» wegwerfen sollten. Zu Gast an der Rautistrasse war auch der mazedonische Imam Omer Berisha aus Linz. Auf seiner Homepage macht er sich für einen salafistischen Islam in Europa stark mit öffentlichen Gebetsrufen, fünfmaligem Gebet an Schulen, gesetzlichen muslimischen Feiertagen und Konversionen zum Islam.

Im Dienste Erdogans

Zum Pöschwies-Imam-Team gehört seit 2015 auch der Türke Bilal Yildiz, ein Imam der türkischen Religionsbehörde Diyanet, respektive deren hiesiger «Türkisch-Islamischen Stiftung für die Schweiz» (Tiss). Er wirkt als Geistlicher der Diyanet-Moschee an der Schwamendingerstrasse 102. In der gleichen Moschee arbeitete er eine Zeit lang mit Imam Engin Yilmaz zusammen, der unlängst als Erdogan-Spitzel Schlagzeilen machte: Yilmaz, damals Mitglied der Generalversammlung von Tiss und Stellvertretender Botschaftsrat für religiöse Angelegenheiten in Bern, hatte zuhanden Ankaras einen Bericht über die hiesige Gülen-Bewegung verfasst. Auf Anfrage sagt Yildiz, er kenne Yilmaz kaum, dieser sei inzwischen aus Moschee und Stiftung ausgeschieden.

Über eine Statutenänderung wurde Tiss bereits 2013 noch viel näher an die von Erdogan instrumentalisierte Religionsbehörde Diyanet gebunden. Yildiz versichert indes, Politik sei für Diyanet-Imame tabu: «Wir sind nicht in die Schweiz gekommen, um Politik zu machen, sondern um Menschen vor Jihadismus und Terrorismus zu warnen.» Er habe nur ein kleines Pensum als Imam an der Strafanstalt Pöschwies. Offenbar hat er daneben auch eines am Asylzentrum Juch. Der Islamwissenschaftler hat in der Türkei, in Syrien und in Bern studiert und will dort eine Ausbildung zum Gefängnisseelsorger machen.

Bis 2014 wirkte auch Fatih Dursun als Imam in Regensdorf. Einst Mitglied der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus, ist er heute Zürcher Sektionspräsident der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD). Die Lobby-Organisation Erdogans hat sich seit dem Putsch stark radikalisiert. Ein Bild auf Facebook zeigt Dursun an einem Podium neben dem Schweizer UETD-Chef Murat Sahin, der nach dem Putsch Gülen-Anhänger massiv verbal bedrohte. Fatih Dursuns Vater Alattin Dursun war in der Vollzugsanstalt Pöschwies der Pionier-Imam, dort tätig von 1989 bis 2013. Er amtierte früher als Präsident von Mili Görus Schweiz, jener türkisch-islamistischen Bewegung, die wegen antisemitischer und antidemokratischer Tendenzen in vielen Ländern umstritten ist.

Jihadismus-Kurse sistiert

Islamexpertin Saida Keller-Messahli hat im April Gefängnisdirektor Andreas Naegeli und Thomas Manhart, Chef des Amtes für Justizvollzug, auf die fragwürdigen Imame in Pöschwies aufmerksam gemacht. Diese würden von der Vioz weiss gewaschen und den staatlichen Institutionen untergejubelt. Aus ihrer Sicht müsste die Zusammenarbeit mit Vioz sistiert und die Imame durch Sozialarbeiter oder Psychologen ersetzt werden. Eine Antwort erhielt Keller-Messahli nicht. Stattdessen erfuhr sie, dass das Zürcher Amt für Justizvollzug sein Personal aus den Jihadismuskursen des Schweizer Ausbildungszentrums für das Strafvollzugspersonal (SAZ) zurückgezogen hat. Keller-Messahli hat diese stark beachteten Kurse «Jihadismus – erkennen, verstehen, handeln» mitgeleitet.

Zur Begründung dieses Schrittes erklärt Jessica Maise, Sprecherin des Amtes für Justizvollzug, Keller-Messahli vermittle in den Kursen eine Haltung, die den Grundprinzipen der Justizdirektion widerspreche. Diese vertrete die Haltung der Integration und interreligiösen Zusammenarbeit und erfülle den verfassungsmässigen Auftrag der Religionsfreiheit und Gleichstellung. Bereits 1987 habe das Bundesgericht entschieden, dass Imame in den Strafanstalten zuzulassen seien. Auch das SAZ orte Handlungsbedarf bei der Aufarbeitung der Kursinhalte und habe deshalb die bisher angebotenen Kurse sisitiert. Maise versichert, alle aktuellen Imame der Pöschwies hätten in eine Personensicherheitsüberprüfung durch die Kantonspolizei eingewilligt. Diese habe vor kurzem allen Unbedenklichkeit bescheinigt.Für Isabelle Noth allerdings, Professorin für Seelsorge, Religionspsychologie und Religionspädagogik an der Universität Bern, ist es unhaltbar, Gefängnisimame mit salafistischen Beziehungen oder von Erdogans Gnaden zu beschäftigen. Ihrer Meinung nach müssten zudem die Namen der Gefängnis-Imame öffentlich bekannt sein. Diese macht das Amt für Justizvollzug auf seiner Homepage nicht publik. Die Vioz, sagt deren Sekretär Muris Begovic, prüfe derzeit eine öffentliche Liste der Gefängnis-Imame.

Bern bildet Seelsorger aus

Noth ist für die gesamtschweizerische Ausbildung von Gefängnisseelsorgern zuständig und hat unlängst ein Assessment auch für Imame entwickelt. Sie weiss um das Malaise bei den Gefängnis-Imamen. Die meisten seien einfach Vorbeter und keine ausgebildeten Seelsorger. Entsprechend sähen sie ihre Aufgabe in der Belehrung und weniger in der seelsorgerischen Begleitung. Seit Jahren gebe es eine Auseinandersetzung um deren Ausbildung und Zertifizierung. Gerade hat die Universität Bern ihre Angebote zur Ausbildung von Gefängnisseelsorgern auch für Muslime geöffnet, vorausgesetzt sie haben ein abgeschlossenes islamisches Theologiestudium.

Einer der ersten muslimischen Absolventen der Ausbildung wird der bosnische Theologe Sakib Halilovic sein. Im Zuge des Konflikts mit Keller-Messahli hat das Amt für Justizvollzug dessen Pensum als Pöschwies-Imam von fast 20 auf 100 Prozent erhöht. Doch weitere Hilfe von Bern scheinen die Zürcher nicht zu wünschen. Letztes Jahr hatte Isabelle Noth SP-Justizdirektorin Jacqueline Fehr fachliche Unterstützung im Bereich der Seelsorge mit Migrationskontext angeboten. Abgesehen von einem Mail einer Mitarbeiterin an Noths Assistenten blieb das Angebot ohne Echo.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.07.2017, 22:17 Uhr

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