Frau Gajic trägt den falschen Namen

In Baden stellte sich selbst die SVP hinter die Kandidatur von Rada Gajic als Ersatzrichterin. Doch mit dem «-ic» im Namen verlor sie die Wahl.

Nicht entmutigt: Rada Gajic auf der Limmatbrücke in Baden.

Nicht entmutigt: Rada Gajic auf der Limmatbrücke in Baden. Bild: Dominique Meienberg

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Anders lässt es sich nicht erklären: Rada Gajic wurde am Wochenende wegen ihres Namens nicht als Ersatzrichterin gewählt. Als Betriebswirtschafterin und Sozialarbeiterin war sie für das Amt bestens geeignet. Was die SVP-Bezirkspräsidentin Annerose Morach bestätigt: «Sie ist eine top ausgewiesene Frau.» Zudem hätten die Grünen, für welche Gajic kandidierte, Anrecht auf den Sitz gehabt.

So standen SVP und SP, FDP, CVP und die BDP hinter ihr. Gewählt aber wurde der Grünliberale Bezirkspräsident Jean-Pierre Leutwyler. Und zwar überdeutlich: mit dreimal so vielen Stimmen wie Gajic. «Ein krasses Resultat», sagt Morach. Und: «Die Ablehnung hat wohl mit ihrem Migrationshintergrund zu tun.»

Rada Gajic sitzt im Badener Café Himmel und trinkt Rivella blau. Die 48-Jährige sagt: «Ich ging anfänglich wie alle von einer stillen Wahl aus. Für eine Urnenwahl hätte ich mich nicht zur Verfügung gestellt.» Denn die Nichtwahl kam für sie nicht überraschend: «Zu oft habe ich im beruflichen Umfeld erfahren, dass man Menschen mit Migrationshintergrund keine Verantwortung übertragen will.» Umso mehr danke sie jenen, die sie gewählt haben.

Sie wissen, wen sie nicht wollen

Rada Gajic hat die Fachstelle Integration der Stadt Baden aufgebaut und sie während fünf Jahren geleitet. Sie hat ihren Job so gut gemacht, dass eines ihrer Projekte vom Bund ausgezeichnet wurde. Zurzeit baut sie ein eigenes Beratungsbüro für Migrationsfragen und sozialpädagogische Familienberatung auf. Als Ersatzrichterin, die einspringt, wenn der Bezirksrichter verhindert ist, hätte sie ihre interkulturelle Kompetenz bestens einbringen können.

Normalerweise interessiert sich das Stimmvolk wenig für solche Wahlen. Entsprechend niedrig ist die Wahlbeteiligung, entsprechend hoch der Leerstimmenanteil. Nicht so dieses Mal: Die Wahlbeteiligung lag bei dreissig Prozent, der Leerstimmenanteil nur bei zehn. Viele Stimmberechtigte wussten offensichtlich genau , wen sie nicht wollen. So sagt auch der gewählte Leutwyler: «Ich habe nicht gedacht, dass ich gewählt werde. Und dann mit einem so grossen Abstand.» Erklären kann er sich das Resultat nicht. «Das hat wohl vorab mit dem Erfolg meiner Partei zu tun.»

Keine Wut, sondern Ohnmacht

Rada Gajic ist in einer Kleinstadt im heutigen Bosnien-Herzegowina aufgewachsen. Sie ist vor 24 Jahren in die Schweiz gekommen, ist seit 2003 Schweizerin, spricht gewandt und perfekt Hochdeutsch. Sie sagt: «Ich will gegen niemanden hetzen.» Sie tut es auch nicht. Sie argumentiert sachlich, führt für ihre Aussagen Studien und Zahlen an. «Es ist kein Vorurteil, wenn ich sage, dass wir bei politischen Ämtern und verantwortungsvollen Stellen stark benachteiligt sind.» Dass ihr allein wegen ihres Namens nicht vertraut werde, schmerze sie, sagt sie ruhig.

Hat sie keine Wut im Bauch? «Nein, ich fühle eher Ohnmacht.» Das beunruhige sie. «Es entspricht nicht meinem Naturell. Ich bin eine engagierte, aktive Frau.» Was die alleinerziehende Mutter am meisten geschmerzt hat, ist die Reaktion ihres 20-jährigen Sohns auf ihre Niederlage. «Er schämte sich. Und er war wütend, dass ich mich auf dieses Risiko eingelassen habe.» Sie hätte doch wissen müssen, dass man sie wegen ihrer Herkunft nicht akzeptieren werde.

«Ich habe dieses Resultat erwartet»

Rada Gajic war am Sonntagnachmittag mit drei Parteikollegen auf dem Heimweg vom Marsch auf das AKW Mühleberg, als sie die Nachricht ihrer Nichtwahl erreichte. «Alle wurden ganz still und wussten nicht, was sie sagen sollten.» Worauf sie meinte: «Ich habe dieses Resultat erwartet.» Sie habe den Ausgang von Abstimmungen, bei denen es um Personen mit Migrationshintergrund oder um Ausländerfragen ging, stets realistisch eingeschätzt. Bei uns ist das nicht so, höre sie immer wieder von ihren Schweizer Bekannten und Freunden. «Es kommt nicht zur Sprache, aber es liegt in der Luft, wenn ich zum Beispiel am Bankschalter meinen Namen sage.» Wenn sie sich für ein Betreuungsmandat bewirbt.

Sie spricht nicht von Rassismus. Und nickt auch nicht, wenn andere das Wort im Mund führen. Wovor sie aber Angst hat, ist die Reaktion, welche solche Erfahrungen bei Jungen auslösen können: «Aggression und Wut. Dann besteht die Gefahr, dass sie sich so benehmen, wie man es von ihnen behauptet.» Wenn darauf hingewiesen wird, dass Leute aus ihrem Ursprungsland überdurchschnittlich oft kriminell würden, entgegnet sie, dass diese dafür unterdurchschnittlich oft zu Ämtern oder Berufen zugelassen werden, in denen sie Verantwortung tragen können und wollen.

Resignieren wird sie nicht

Tatsächlich ist Rada Gajic kein Einzelfall. Bei den Zürcher Kantonsratswahlen vor einem Jahr wurden Kandidierende mit Namen, welche auf eine türkische, serbische, bosnische oder kroatische Herkunft schliessen liessen, fast durchs Band und quer durch alle Parteien hindurch massiv gestrichen. Jugendliche mit einem «-ic» im Namen sind bei der Lehrstellensuche klar benachteiligt, und Stellensuchende mit ausländisch klingenden Namen müssen laut Fachleuten im Schnitt fünfmal mehr Bewerbungen schreiben als ihre Landsleute mit nicht fremdländischen Namen.

Wenn die Ungerechtigkeit von Einzelpersonen ausginge, könnte man sich leichter wehren, sagt Rada Gajic. «Aber es geht um die Gesellschaft.» Also resignieren? «Aber nein, sich nicht davon abhalten lassen, sich zum Fenster hinaus zu lehnen!» Auch wenn man dabei riskiere, eine Ohrfeige einzufangen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.03.2012, 07:50 Uhr

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