Frauenpower – und das in der FDP

Morgen gehts um die Nachfolge von Ursula Gut (FDP) im Regierungsrat. Fraktionschef Thomas Vogel dürfte gegen Carmen Walker Späh und Beatrix Frey-Eigenmann einen schweren Stand haben.

Politisch profiliert: Die Baujuristin Carmen Walker Späh stellt sich morgen den FDP-Delegierten. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Politisch profiliert: Die Baujuristin Carmen Walker Späh stellt sich morgen den FDP-Delegierten. Foto: Peter Schneider (Keystone)

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Ausgerechnet die Partei, die in der Kantonsratsfraktion als Einzige eine Frauenmehrheit stellt, hat ein Frauenproblem. Bei der FDP nämlich ist am Donnerstagabend im Uetlihof die zentrale Frage, ob eine Frau die bisherige Finanzdirektorin ersetzen soll – oder obs auch ein Mann sein darf. Ob die FDP mit dem Männerduo Heiniger/Vogel oder mit einem gemischten Doppel in die Regierungsratswahlen vom April 2015 zieht.

Die Frage ist bei der FDP pikanterweise drängender als bei den linken Parteien. Bei der SP hat Daniel Jositsch kleinlaut aufgegeben, die Grünen haben mit Martin Graf einen Mann, und sogar bei der AL wäre ein Mann nicht tabu. Bei der FDP allerdings herrscht die Meinung vor, die Partei könne es sich nicht leisten, den Herrenclub Regierungsrat weiter zu verstärken – zumal der bürgerliche Partner SVP ebenfalls mit zwei Männern um die 60 antritt: Markus Kägi und Ernst Stocker.

Diese Kandidaten stellen sich morgen den FDP-Delegierten:

Thomas Heiniger: Seit sieben Jahren Gesundheitsdirektor, Rechtsanwalt mit Doktortitel, vorher Stadtpräsident von Adliswil, Marathonläufer, locker, eloquent und selbstbewusst, im Streit mit der Stadt Zürich um Triemli und Herzchirurgie aber pickelhart. Seine Nomination ist Formsache, ein Wahl­resultat auf den vordersten Plätzen wahrscheinlich.

Beatrix Frey-Eigenmann: Der politische Zwilling von Ursula Gut, einfach 13 Jahre jünger: Finanzvorsteherin einer Goldküstengemeinde, hat an der HSG Staatswissenschaften und Internationale Beziehungen studiert und ist heute im idealen Beruf für eine Regierungsrätin: Sie ist Partnerin der Firma Federas, die vom Gemeindeschreiberverband gegründet wurde, und berät Gemeinden und öffentliche Organisationen in Strategiefragen. Früher war sie beim Bund für das Projekt Energie 2000 zuständig. Heute ist sie Kantonsrätin und Verwaltungsratspräsidentin des Spitals Männedorf. Im Kantonsrat war sie bisher unauffällig.

Thomas Vogel: Er wäre der logische neue FDP-Regierungsrat – wenn er nicht ein Mann wäre. Als Fraktionspräsident im Kantonsrat zieht er seit 2008 die Fäden und hat parteiintern das beste Netzwerk. Auch punkto Führungserfahrung ist Vogel den beiden Frauen voraus: Als Jurist sitzt er seit 13 Jahren in der Gerichtsleitung des Bezirksgerichts Zürich, wo er für das Personal (400 Personen), für Sicherheit, Logistik und Kommunikation zuständig ist. Vogel ist zudem ein guter Redner.

Carmen Walker Späh: Sie ist politisch die profilierteste der drei Neuen. Als Baujuristin mit eigener Rechtsanwaltskanzlei ist sie die Mutter vieler Kinder: Waidhalden-/Rosengartentunnel, Richtplan, Umweltschutz statt Vorschriften. Sie ist eine der qualifiziertesten bürgerlichen Stimmen gegen die linken Rezepte zur Reduktion des Individualverkehrs in Zürich. Zudem ist sie die Präsidentin von 2500 Schweizer FDP-Frauen. Allerdings wird sie bei Wahlen immer wieder übergangen: als Nationalrätin, Zürcher FDP-Präsidentin, Vizepräsidentin der FDP Schweiz und als Stadtratskandidatin. 2012 unterlag sie intern dem unbekannten Marco Camin.

Der wahrscheinlich mehrheitsfähige Ruf nach einer Frau ist das Pech von Thomas Vogel. Doch er ist der Jüngste der drei und darf mit guten Chancen darauf hoffen, in vier Jahren Thomas Heiniger beerben zu können.

Walker Späh und das Mitleid

Und wer schaffts von den beiden Frauen? Monatelang galt Beatrix Frey-Eigenmann als Favoritin. Drei Effekte in Kombination könnten ihr aber zum Verhängnis werden. Der Bezirk Meilen hat derart penetrant und selbstverständlich seinen Anspruch auf einen Regierungssitz gefordert, dass sich sogar in der FDP ein Anti-Goldküsten-Reflex einstellen könnte. Zweitens wird Carmen Walker Späh von einem Mitleideffekt profitieren. Für sie ist es die letzte Chance in ihrer Karriere, doch noch zu einem wichtigen politischen Amt zu kommen. Gerade bei den Delegierten zählen Walker Spähs beeindruckende Stehauf-Qualitäten, ihr Fleiss und ihr fast grenzenloser Einsatz für die Partei. Zudem dürften alle Stadtzürcher Delegierten nach dem Fall Camin nur schon aus schlechtem Gewissen hinter der ewig Verschmähten stehen.

Der dritte Effekt wird für besondere Spannung sorgen. Wenn dank der Mitleid- und Anti-Goldküsten-Effekte Walker Späh im ersten Wahlgang vor Frey-Eigenmann liegt, wäre die grosse Favoritin bereits am Anfang weg. Der gemögige Thomas Vogel nämlich könnte, wenn sich die Frauenstimmen aufteilen, im ersten Wahlgang durchaus eine der beiden schlagen. In einem zweiten Wahlgang würde Walker Späh wohl auch Thomas Vogel schlagen. Erreicht jedoch Frey-Eigenmann den zweiten Wahlgang, dürften die anderen kaum eine Chance haben.

Parallele zu Jacqueline Fehr

Die Kandidatenkür der FDP hat eine erstaunliche Gemeinsamkeit mit dem SP-Showdown vom letzten Samstag. Auch da stand mit Jacqueline Fehr eine sehr profilierte, aber mehrfach gescheiterte Kandidatin kurz vor dem Ende ihrer Karriere einer pragmatischen Exekutivpolitikerin gegenüber. Und Fehr siegte haushoch. Einen wesentlichen Unterschied aber gibts: Die FDP hat ihren zweiten Sitz eher auf sicher als die SP mit Jacqueline Fehr. Wer am Donnerstag bei der FDP auch immer nominiert wird, hat beste Chancen, tatsächlich Regierungsrätin zu werden – dank dem bürgerlichen «Top 5»-Päckli.

Erstellt: 30.09.2014, 23:27 Uhr

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