Freikirche verliert im Streit mit Fotografen

ICF wollte die Veröffentlichung von Bildern ihrer Anhänger verhindern – obwohl sie die Erlaubnis gab, die Fotos aufzunehmen. Nun kam es zu einer überraschenden Wende vor Gericht.

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Der bekannte welsche Fotograf Christian Lutz hat ein Jahr lang die Gottesdienste und Veranstaltungen der grossen Zürcher Freikirche ICF mit der Kamera und dem Segen der Kirchenleitung begleitet und das optische Porträt im Fotoband «In Jesus' Name» publiziert. Was ICF ursprünglich als PR-Geschenk des Himmels interpretierte, entpuppte sich hinterher als kritische Würdigung eines engagierten Fotografen: Weil sich ICF schwertat mit dem Fotoband, motivierte die Freikirche 21 abgebildete Gläubige dazu, mit einer vorsorglichen Massnahme den Verkauf des Buches verbieten zu lassen. Christian Lutz war empört und sprach von Zensur.

Am 27. November 2012 erliess das Bezirksgericht Zürich die Massnahme. Aus Angst vor einem langen, teuren Verfahren akzeptierte der Verlag das Verdikt und zog das Buch zurück. Lutz war konsterniert, er sah die künstlerische Freiheit und die Publikationsrechte in Gefahr. Die Kläger der ICF stellten sich auf den Standpunkt, der Fotograf hätte ihnen die Bilder vor der Veröffentlichung vorlegen sollen. Für Lutz bestand aber die Gefahr, dass die ICF-Anhänger ihm schliesslich diktiert hätten, welche Bilder sie veröffentlicht sehen wollten.

Abgedeckte Gesichter

Lutz stellte einen Teil der Bilder aus dem Fotoband in einem Lausanner Museum aus, deckte aber die Gesichter mit einem schwarzen Balken ab. ICF sah darin eine Provokation, die zeige, dass Lutz den Gerichtsentscheid nicht ernst nehme. Sie verlangten auf dem Rechtsweg von ihm, er dürfe keine Bilder mehr veröffentlichen, auf denen ICF-Anhänger erkennbar seien.

Danach wollten sie sogar, dass der Fotograf sämtliche inkriminierten Bilder lösche und eine Strafanzeige gegen ihn erhoben werde. Als sie erkannten, dass diese Forderungen rechtlich schwer durchsetzbar gewesen wären, reduzierten sie das Unterlassungsbegehren. Nun sollte das Gericht dem Fotografen verbieten, Fotos der Kläger ohne deren Einwilligung zu publizieren. Doch auch dies ging Lutz viel zu weit.

Am Dienstag fand nun die Verhandlung darüber vor dem Bezirksgericht Zürich statt, die mit einer faustdicken Überraschung endete. Der Anwalt der ICF-Kläger hielt sich kurz und sagte, es dürfe nicht sein, dass Lutz weitere Bilder aus dem reichen Fundus von mehreren Tausend Fotos veröffentliche. Mit der Klageerweiterung müsse verhindert werden, dass weitere Missbräuche passierten.

Begehren zu ungenau

Die Forderung sei viel zu unbestimmt, um durchsetzbar zu sein, argumentierte die Anwältin von Christian Lutz und wies auf ein Bundesgerichtsurteil hin, wonach Unterlassungsklagen genau umschrieben sein müssten. Das Begehren der ICF-Anhänger würde auf eine private Vorzensur hinauslaufen, die die verfassungsmässig garantierte Freiheit der Medien und Kunst blockierte. Der Staat würde Zensur ausüben, wenn er das Begehren guthiesse.

Nach der Verhandlung setzte das Richtergremium eine Instruktionssitzung an, die unter Ausschluss der Medien und Zuschauer stattfand. Das Gericht wollte die Parteien zu einem Vergleich motivieren, doch für Christian Lutz stand die künstlerische Freiheit auf dem Spiel, ein Kompromiss kam für ihn nicht infrage, wie er hinterher sagte.

Überraschende Änderung

Nun signalisierten die Richter, dass die Kläger der ICF rechtlich einen schweren Stand hätten, und legten ihnen den Rückzug der Klage nahe. Ihr Anwalt willigte überraschenderweise ein. Das Verdikt ist allerdings noch nicht rechtskräftig, die Kläger haben ein Widerrufsrecht.

Christian Lutz war über diesen «Sieg» nur bedingt glücklich. Er hätte gern ein Urteil gehabt, das sein Verhalten gewürdigt und als Leitlinie für die Arbeit von Fotografen gedient hätte.

Erstellt: 23.09.2014, 16:04 Uhr

Christian Lutz wurde 1973 in Genf geboren. Er spezialisiert sich auf die soziologische Beobachtung von Menschengruppen, im Fall der Lausanner Ausstellung sind das Mitglieder der Freikirche ICF, Politiker und Protagonisten von Nigerias Ölindustrie.

Die Ausstellung im Musée de l'Elysée in Lausanne dauert bis zum 1. September. www.elysee.ch (Bild: Christian Lutz)

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