Freilassung frühestens 2044

Das Obergericht hat einen 41-jährigen Albaner wegen Mordes und weiterer Delikte zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt.

Die Tötung seines einstmals engen Freundes war an Brutalität kaum zu überbieten. Das Obergericht verhängt eine lebenslängliche Strafe.

Die Tötung seines einstmals engen Freundes war an Brutalität kaum zu überbieten. Das Obergericht verhängt eine lebenslängliche Strafe. Bild: Ennio Leanza/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie waren früher eng befreundet, die beiden Albaner. Was sie trennte, war ein Darlehen in der Höhe von 30'000 Euro, welches der eine dem anderen einst gewährt hatte und welches der andere dem einen schuldig geblieben war. Anfang Januar 2009 beschloss der 32-jährige Kreditgeber, sowohl dem Warten als auch dem 35-jährigen Landsmann ein Ende zu setzen.

Von Italien her reiste er mit seiner nichts ahnenden Geliebten nach Bonstetten, rief seinen Landsmann an und kündigte an, mit ihm über «ihre Dinge» zu sprechen. Der 35-Jährige, der aus Angst vor seinem ehemaligen Freund jeden Kontakt so weit wie möglich vermieden hatte, willigte ein. Was konnte ihm schon passieren, wenn der 32-Jährige seine Geliebte mit dabei hatte?

Heimtückisch und hinterhältig

Er wusste nicht, dass der Mann ihn laut Obergericht «heimtückisch und hinterhältig in eine Falle» lockte und mit «ex­tremer Gefühlskälte und dem Fehlen jeglicher Gefühlsregung» ein Problem buchstäblich aus der Welt schaffte, als handle es sich um eine lästige administrative Pendenz.

Zu dritt fuhr man in der Umgebung von Bonstetten ziellos herum. Dass die offenen Schulden ein Thema waren, ist offensichtlich, denn die beiden Männer gerieten in Streit. Auf etwa halber Höhe der Aumülistrasse in Bonstetten hielt er im dortigen Wald an, liess das Fenster auf dem Beifahrersitz herunter, schoss dem neben ihm sitzenden 35-Jährigen in die linke Schläfe, zerrte den Sterbenden aus dem Auto ins Freie und warf ihn kopfüber in das Tobel, wo der 35-Jährige teilweise in einem Bachbett zu liegen kam. Seiner auf dem Rücksitz sitzenden, total geschockten Freundin hielt er die Waffe an den Hals und forderte sie auf, im Wagen sitzen zu bleiben.

So schrecklich die Tötung war, so komfortabel schien die Beweislage für die Justiz. Man hatte nicht nur eine Tatzeugin, die alles im Detail gesehen hatte, sondern die auch bereit war, gegen ihren Freund auszusagen. So verwundert es nicht, dass das Bezirksgericht Affoltern am Albis mit dieser Kronzeugin auf seiner Seite den Albaner zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe mit anschliessender Verwahrung verurteilte.

«Es war ein abscheuliches Verbrechen, es war eine eigentliche Hinrichtung. Der Mann handelte mit extremer Gefühlskälte.»Gerichtspräsident Daniel Bussmann

Ganz so einfach war es dann nicht. Die Zeugin habe ihren Freund falsch beschuldigt, monierte der Verteidiger. Sie belaste ihren Freund, schicke ihm aber Liebesbriefe ins Gefängnis. Das mache sie völlig unglaubwürdig. Es gab zudem einen noch weit heikleren Aspekt: Die Leicheninspektion erfolgte am 8. Januar um 18.30 Uhr von der in das steile Tobel abgeseilten Rechtsmedizinerin. Der Todeszeitpunkt wurde auf 12 bis 20 Stunden vorher festgesetzt, frühestens also auf den 7. Januar um 22.30 Uhr. Bloss: Um 22.30 Uhr war das Handy des 32-Jährigen bereits wieder auf italienischem Boden eingeloggt. Laut der Aussage der Freundin erfolgte der Kopfschuss am 7. Januar um 17.40 Uhr, also 25 Stunden vor der Leicheninspektion.

Die Bestimmung des Todeszeitpunktes ist von verschiedenen Faktoren abhängig und hat mit den von TV-Krimis bekannten, extrem präzisen Angaben nichts zu tun. Das Obergericht bestellte deshalb ein Ergänzungsgutachten und hörte gestern Mittwoch die Rechtsmediziner dazu an. Das entscheidende Fazit der komplexen Diskussion: Der 35-Jährige könnte auch 30 Stunden vor Auffinden gestorben sein.

Noch einen Mord verübt

Der Rest war Routine: «Es war ein abscheuliches Verbrechen, es war eine eigentliche Hinrichtung. Der Mann handelte mit extremer Gefühlskälte», sagte Gerichtspräsident Daniel Bussmann, worauf das Gericht den Beschuldigten verurteilte.

Zunächst geht der Albaner aber zurück nach Italien, wo er wegen eines anderen Mordes eine Freiheitsstrafe von 22 Jahren absitzen muss. Wenn er dann anschliessend in der Schweiz seine lebenslängliche Strafe antritt, könnte er nach 15 Jahren erstmals Antrag auf bedingte Entlassung stellen. Das wäre für ihn, der seit 2009 ununterbrochen inhaftiert ist, frühestens im Jahr 2044.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2018, 22:30 Uhr

Artikel zum Thema

78-Jährige trifft der harte Buchstabe des Gesetzes

Die Seniorin wollte sich nach einem kleinen Unfall korrekt verhalten. Doch es kam alles anders. Mehr...

Zürcher Polizisten bandelten 1000-mal mit Prostituierten an

Um Sexarbeitende zu kontrollieren, kontaktiert sie die Stadtpolizei verdeckt. Neue Zahlen zeigen: Männer arbeiten häufiger illegal. Mehr...

«Wir wissen letztlich nicht, was passiert ist»

Trotz enormem Aufwand bleibt ungeklärt, wer Schuld hat am tödlichen Sturz eines ungarischen Bauarbeiters. Das Obergericht spricht eine 28-Jährige frei. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Nachhaltig investieren lohnt sich

Bei Privatanlegerinnen und -anlegern ist nachhaltiges Investieren noch wenig verbreitet. Dabei bringt es einen doppelten Gewinn.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Umgekippt: Der 128 Meter hohe Radio- und Telefonmast «La Barillette» der Swisscom liegt in Cheserex am Boden, nachdem 8 Kilogramm Sprengstoff zwei seiner Standfüsse zerstört haben. (24.Mai 2018)
(Bild: Valentin Flauraud/Laurent Gillieron/Laurent Darbe) Mehr...