Fremd im eigenen Land

Vor sieben Monaten wurden Marha und Linda von Kilchberg nach Tschetschenien ausgeschafft. Noch immer sind sie dort nicht richtig angekommen.

In einem fremden Land: Marha (13) und Linda (11) auf ihrem Schulweg in Tschetschenien. Foto: PD

In einem fremden Land: Marha (13) und Linda (11) auf ihrem Schulweg in Tschetschenien. Foto: PD

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«Ich habe Heimweh. Ich vermisse die Freunde, die Schule, einfach alles.»
(Marha, 13)

«Wir weinen manchmal. Dann telefonieren wir mit unseren Freunden daheim.»
(Linda, 11)

Daheim. Das ist für Linda und Marha immer noch Kilchberg. Viereinhalb Jahre haben sie nach ihrer Flucht aus Tsche­tschenien dort gelebt und prägende Jahre verbracht. Linda wurde in Kilchberg eingeschult, Marha besuchte die erste bis fünfte Klasse. Ihre Familie M. galt als perfekt integriert. Dennoch musste sie am 9. Juni 2016 das Land verlassen und zurück in ihre ursprüngliche Heimat. Ihr Asylgesuch war abgelehnt worden.

Die Geschichte hatte in den Monaten zuvor hohe Wellen geworfen: Das Dorf machte sich stark für die Familie M., der Verein Hier zu Hause sammelte Unterschriften gegen die geplante Ausschaffung, schrieb Eingaben, die Kirche gewährte den Eltern und ihren vier Kindern zuletzt gar Kirchenasyl. Es half ­alles nichts. Das Staatssekretariat für ­Migration schrieb: «Angesichts der Tatsache, dass es den Kindern gelungen ist, sich rasch in der Schweiz zu integrieren, ist davon auszugehen, dass diese keine Probleme haben, sich auch in Tschetschenien wieder zu integrieren.»

So ist es nicht. Tschetschenien ist den beiden Mädchen fremd.

«Wir lesen deutsche Bücher und diktieren uns gegenseitig daraus. Und dann korrigieren wir es und schauen, wer mehr Fehler gemacht hat.»
(Linda und Marha)

Manchmal sind es auch Details, die zeigen, wie schweizerisch die Schwestern ticken.

Linda und Marha, das schimmert in den Gesprächen per Skype und Whats­app immer wieder durch, sind nach wie vor mehr in Kilchberg integriert als in ihrer neuen Heimat. Man merkt es nicht nur daran, dass sich die beiden miteinander nicht in Tschetschenisch unterhalten, sondern in akzentfreiem Deutsch. Oder dass sich die Schwestern kaum mehr an ihr Leben vor der Zeit in der Schweiz erinnern.

Manchmal sind es auch Details, die zeigen, wie schweizerisch die Schwestern ticken. Wie sie der allgegenwärtige Schmutz stört. Wie sich beide darüber wundern, dass ihre Mitschüler in den Pausen ständig Chips essen – «alle tun das, das ist doch ungesund!». Wie sie über den Krach und die mangelnde ­Disziplin im Klassenzimmer klagen.


Sie müssen jetzt Kopftücher tragen: Marha (l.) und Linda in Tschetschenien. Foto: PD

Sowieso, die Schule. Sie fällt den beiden Mädchen seit dem Umzug schwer. In Tschetschenien ist die Amts- und Schulsprache Russisch, die Kinder lernen sie vom Kindergarten an. Auf Kinder wie Linda und Marha, die erst später zuziehen und die deshalb kein Russisch können, ist das Schulsystem allerdings nicht eingestellt. Nachhilfestunden gibt es keine. Privatunterricht auch nicht. Und auch die Eltern beherrschen die Sprache nicht.

Dass die Mädchen überhaupt in die Schule dürfen, ist dem Einsatz ihres Vaters zu verdanken: Zwar gilt auch in Tschetschenien eine generelle Schulpflicht, dennoch lehnten es zwei Schulen ab, sie aufzunehmen. Eine davon erklärte sich schliesslich bereit, verlangte aber einen Eintrittstest, lehnte dann doch wieder ab, weil alle Klassen schon voll seien und niemand Zeit habe für Kinder, die kein Russisch können. Der Vater insistierte, schliesslich gab die Schule nach. Anders bei seinem ältesten Sohn, dem 15-jährigen Anwar: Ihn ein­zuschulen verweigern die Behörden. Er hängt herum, fährt per Autostopp zu seinem Cousin, verschliesst sich im Übrigen immer mehr.

Linda und Marha, in der Schweiz gute und begeisterte Schülerinnen, sind nun ungenügend. Das und die autoritäre Art der Lehrerinnen und Lehrer nagt an ihrem Selbstbewusstsein. «Wenn wir Fehler machen, werden wir als dumm hingestellt», erzählen sie. Auch das Schulleben macht ihnen zu schaffen: Der Zwang, Uniform und Kopftuch zu tragen und die Lippen zu schminken. Die Videokameras in jedem Klassenzimmer, die es der Direktorin ermöglichen, jederzeit nachzuschauen, was dort läuft. Wofür das? «Keine Ahnung», sagt Linda. Vielleicht, weil es in den Klassen oft sehr laut sei. Vielleicht auch, damit man die Übeltäter leichter erwischt, wenn wieder einmal Tische und Bänke vollgeschmiert sind. Manchmal, sagt Linda, müssen Kinder dann Geld mitbringen. Oder zum Putzdienst antreten.

«In der Schweiz war es einfacher, neue Freunde zu finden. In Tschetschenien machen die Kinder nicht miteinander ab. Man ist die ganze Zeit zu Hause.»
(Linda)

«Mit den Kolleginnen hier kann ich nicht reden, wenn es mir nicht gut geht. Sie werden schnell ungeduldig. Man redet hier nicht über seine Gefühle.»
(Marha)

Freundschaftliche Bande haben die beiden Mädchen in ihrer neuen alten Heimat noch kaum geknüpft. Einzig mit den Verwandten sei es «megaschön». Bei den Grosseltern und den Cousinen können die Mädchen abschalten und sich ablenken. Ausserhalb der Familie sind sie Sonderlinge in ihrem eigenen Land, Fremde mit seltsamen Ansichten. Die beispielsweise nichts dabei finden, mit Buben zu spielen. Das tun tsche­tschenische Mädchen nicht. Oder die sich gern in der Freizeit mit Kolleginnen verabreden würden. Was in Tsche­tschenien absolut unüblich ist.


Dieses Bild schickten die Mädchen von einem Familienspaziergang. Foto: PD

Gelegenheiten, das zu ändern, haben die Mädchen nicht viele. Freiwillige Schulkurse gibt es in dem Land nicht, ebenso wenig wie Sportvereine oder nur schon ein Schwimmbad, wo sich die Schulmädchen treffen können. Wenn überhaupt, dann gehen Freundinnen zusammen in ein Einkaufszentrum. Aber hauptsächlich bleiben Kinder daheim oder bei Verwandten. Von ihrer Flucht in die Schweiz, ihrem Leben dort und ihrer Rückkehr haben die Mädchen in ihren neuen Klassen kaum etwas erzählt. «Es interessiert die anderen nicht so», sagt Linda. Es kommt dann vor, dass die Kolleginnen einfach davonlaufen. Probleme bereden die zwei Schwestern mit den Gspäändli aus der Schweiz. «Die wissen, was uns passiert ist», sagt Marha.

«Ich würde gerne wieder einmal Velo fahren. Aber das tun Mädchen in Tschetschenien nicht.»
(Linda)

«Wenn man kein Kopftuch trägt, ist das unanständig.»
(Marha)

Tschetschenien ist ein muslimisches Land, doch die Staatsreligion ist eine ganz eigene Form des Islam, vermischt mit sowjetischen und teilweise sogar christlichen Versatzstücken. An Neujahr beispielsweise tanzen Schulkinder um einen Tannenbaum und erhalten Geschenke. Das Kopftuch, das die ­Mädchen in der Schule tragen müssen, erinnert an die Heldenbilder von Bäuerinnen in der kommunistischen Sowjetunion. Freier Tag ist der Sonntag, nicht der Freitag.

Frauen sind rigiden Konventionen unterworfen. Hosen sind für sie ebenso tabu wie unbedeckte Haare. Dennoch ist es üblich, mindestens Lippenstift und Puder zu tragen. Sport gilt als unschicklich, selbst in der Schule. Wenn die Jungs Turnen haben, sitzen die Mädchen in der Garderobe und spielen Schach. Oder gamen. Nicht einmal in den Pausen ­zwischen den Lektionen dürfen sie sich draussen austoben.

Für Linda und Marha, die in Kilchberg mit dem Vater Velotouren gemacht haben, die im Schulsport waren und im Sommer in jeder freien Minute am See, ist das schwer auszuhalten. Die Bewegung fehlt ihnen offensichtlich. Während der Skype-Anrufe hampeln die zwei unruhig herum. Linda versteckt immer wieder ihr Gesicht hinter den Händen.

«Angst habe ich nicht. Ich versuche, nicht daran zu denken.»
(Marha)

Wie es den beiden Mädchen wirklich geht, ist schwer zu sagen.

Wie es den beiden Mädchen wirklich geht, wie es hinter der Fassade aussieht, ist schwer zu sagen. Die Ausschaffung und die Unsicherheit haben die Kinder traumatisiert. Spurlos, das ist klar, geht so etwas nicht an einem vorbei. Marha wird sehr ernst und sehr ruhig, als das Gespräch darauf kommt. Linda verdrückt sich still und leise. Marha sagt: «Ich lenke mich ab. Wenn ich zu viel Zeit habe, grüble ich.»

Meli Bürgin, Marhas beste Freundin aus Kilchberg, hat die Zeit hautnah miterlebt. Marha und Linda übernachteten damals ein paar Mal bei den Bürgins. Jedes ungewohnte Geräusch machte ihnen in jener Zeit Angst. Schlug draussen eine Autotür zu, erstarrten die beiden. Vor Polizeiautos fürchteten sie sich. «Abends weinten sie oft», erinnert sich Meli Bürgin. «Und nachts wachte Linda manchmal weinend auf.» Auch in den ersten Wochen in Tschetschenien sei es Marha besonders abends schlecht gegangen: «Sie rief häufig an, weil sie nicht schlafen konnte.» Inzwischen, sagt Bürgin, habe sie sich etwas eingewöhnt. «Aber sie weint oft am Telefon, vor allem, wenn ich von Kilchberg erzähle.» Meli Bürgin hat sich deshalb angewöhnt, gewisse Themen zu meiden: «Ich will sie nicht traurig machen.»

Nach wie vor hoffen Marha und Linda, irgendwann in die Schweiz zurückkehren zu können. Sie haben ein Gesuch um eine Aufenthaltsbewilligung gestellt, über welches die Zürcher Sicherheitsdirektion zu entscheiden hat. Groll hegen die Schwestern keinen. Sie sagen: «Es ist nicht schön, dass sie uns weggeschickt haben. Aber wir möchten halt wieder dorthin zurück, wo wir uns wohlgefüht haben. Wir haben uns in Kilchberg einfach wohlgefühlt.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.01.2017, 23:24 Uhr

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