«Fünf Franken Miete für die Sexboxen sind zu wenig»

Die Zürcher haben dem Strichplatz überraschend knapp zugestimmt. Ein Warnsignal für die Stadtregierung, die ein teures Projekt vorgeschlagen hat, ohne die Prostituierten mit in die Verantwortung zu nehmen.

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Während der Strassenstrich am Zürcher Sihlquai immer elender, dreckiger und brutaler wurde, rang die Stadtverwaltung jahrelang um eine Lösung. Zuerst versuchte man es mit mehr Polizeikontrollen und strengeren Auflagen bei den Arbeitsbewilligungen für die Prostituierten. Doch diese Hürden waren zu wenig hoch, um die unhaltbaren Zustände wirkungsvoll zu bekämpfen.

Deshalb beschloss der Stadtrat, einen neuen Schritt zu wagen und Sexboxen in Altstetten zu erstellen. Nach dem Vorbild europäischer Städte sollten die Prostituierten in einem geschützten Rahmen die Freier auf dem Strassenstrich bedienen. Die Zustimmung bei den Parteien war gross, ausser dem Nein der SVP und der EVP sowie der Stimmenthaltung der Alternativen kam von allen ein Ja.

7000 Altstetter sind dagegen

Die breite Ja-Front auf der politischen Ebene und die unzähligen negativen Berichte vom Strassenstrich am Sihlquai liessen ein deutliches Ja der Zürcher Stimmbevölkerung erwarten. Umso überraschender ist, dass nicht einmal 53 Prozent die Sexboxen wollen. Für das knappe Ergebnis sind nicht nur die 7000 Nein-Stimmen aus Altstetten verantwortlich. Ausser dem Kreis 6 mit knapp 61 Prozent Zustimmung und dem Kreis 12 mit 58 Prozent Ablehnung waren viele Entscheidungen in den Wahlkreisen relativ knapp.

Das liegt wohl nicht nur daran, dass die Erfahrungen mit Sexboxen in anderen Städten unterschiedlich erfolgreich sind. Während im niederländischen Utrecht der Strichplatz seit über 20 Jahren gut funktioniert, musste er in Dortmund wieder geschlossen werden. Dort tummelten sich nach der Einführung der erweiterten Personenfreizügigkeit nicht nur Prostituierte aus dem Osten Europas, sondern auch deren Zuhälter. Sie traten als brutale Banden auf, die den sicheren Rahmen der Sexboxen mit Gewalt und Kriminalität sprengten.

Die Befürchtungen, solches drohe in Zürich auch, erklärt das knappe Ergebnis nicht alleine. Denn das Vertrauen in die Polizei und die Gerichte ist gross. Ein weiterer Grund dürfte sein, dass die Stadt nicht deutlich gesagt hat, wie es mit dem Strassenstrich weitergeht, wenn die Sexboxen aufgestellt werden. Denn noch immer liegt kein neuer Strichplan vor, der genau festlegt, wo die Prostituierten stehen dürfen. Der geltende Plan lässt den Strassenstrich bis heute in über einem Dutzend Zonen zu. Dass die Brunau als zweiter Standort auf jeden Fall beibehalten wird, machte die Sache für die Stimmbürger auch nicht leichter.

Polizeikosten nicht aufgelistet

Ausschlaggebend für das knappe Ergebnis sind aber die Kosten. Mit 2,4 Millionen Franken alleine für den Bau sind die Sexboxen kein Schnäppchen. Hinzu kommen jährliche Aufwendungen von über 500'000 Franken. Darin eingerechnet sind zwar Sicherheits- und Unterhaltskosten. Doch der Aufwand der Polizei ist nicht berücksichtigt.

Damit gibt Zürich mehr für Strassenprostitution aus als jede andere Stadt in der Schweiz. Das wollen offenbar nur 52,6 Prozent der Stimmbevölkerung. Wenn nun die Anwohner das Projekt bis vor Bundesgericht bekämpfen und es allenfalls zu einer zweiten Abstimmung kommt, könnte die Stimmung kippen.

Wird der Strichplatz dereinst tatsächlich gebaut, sollte deshalb nicht nur an die Ausgaben gedacht werden. Funktioniert der Depotweg wie geplant und bringt den Frauen ein Plus an Sicherheit, so ist das viel wert. Deshalb leuchtet es nicht ein, dass die Standplätze fast umsonst «vermietet» werden. Denn die Prostituierten bezahlen pro Jahr nur eine Gebühr von 60 Franken für die «erhöhte Nutzung des öffentlichen Raums». Auch wenn ihr Gewerbe hart ist: Eine monatliche Gebühr von fünf Franken dürften nicht nur Gewerbetreibende als ungerechtfertigt tief einstufen.

Erstellt: 11.03.2012, 18:38 Uhr

Simon Eppenberger, Leiter Ressort Zürich.

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