Geheime Kommandozentrale unter der Erde

In der Nähe von Winterthur liegt 300 Meter tief in einem Berghang eine Bunkeranlage der Schweizer Armee. Jetzt will eine Stiftung das bis vor kurzem streng geheime Bauwerk aus dem Kalten Krieg fürs Publikum öffnen.

Die Villa Arbenz. Video: Tina Fassbind

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Der Eingang ist unscheinbar: Eine Holzscheune am Waldrand bei Dorf im Weinland. Doch der Schopf dient nur als Tarnung: In ihm befindet sich die Tür zu einem imposanten Stollensystem. Dieses führt mehr als 300 Meter tief in den Berghang hinein, vorbei an Betonpanzertüren, Druckschleusen und Dekontaminationsduschen. Am Ende des langen Gangs befindet man sich rund 50 Meter unter der Erde. Dort mündet der Stollen in mehrere, teils mehrstöckige Kavernen mit Maschinenräumen, Büros, Schlafsälen, Küche und Sanitäreinrichtungen – ein eigentliches Haus im Fels, umhüllt von massivem Beton, um Wasser und Feuchtigkeit abzuhalten.

Auf Atomschlag ausgerichtet

Die gepanzerte Höhle am Rande des beschaulichen Dorfs stammt aus den Jahren 1961/62. Es ist der Kommandoposten der ehemaligen Grenzbrigade 6, auch «Villa Arbenz» genannt. Peter Arbenz, früher Delegierter für das Flüchtlingswesen und Winterthurer FDP-Stadtrat, war von 1989-94 der letzte Kommandant der inzwischen aufgelösten Grenzbrigade 6. «Es ist die wichtigste Kommandoanlage für die Verteidigung des Kantons Zürich aus der Zeit des Kalten Krieges, die gesamte Kampfinfrastruktur wurde von dort aus geführt», sagt der Historiker Felix Nöthiger, Präsident der militärhistorischen Stiftung des Kantons Zürich. Von dem unterirdischen Bau aus hätte die Armeeführung im Ernstfall die Verteidigung von weiten Teilen der Ostschweiz befehligt.

Im Kanton Zürich gehört das Felsenwerk bei Dorf zu den grössten und am besten unterhaltenen unterirdischen Anlagen aus dieser Zeit. Sie verfügt über eine eigene Stromerzeugung, ist an die Kanalisation angeschlossen und war punkto Lüftung, Entfeuchtung und Kommunikationstechnik für damalige Verhältnisse auf dem neuesten Stand. Der Führungsbunker bietet Platz für 100 Mann und wurde derart massiv gebaut, dass er einer Fünf-Megatonnen-Atombombe sowie Chemiewaffenangriffen standhalten sollte. In der Betonhöhle hätte die Truppe im Ernstfall während längerer Zeit ausharren können.

Steiler Notausgang in den Wald

Der Zugangsstollen ist aus taktischen Gründen verwinkelt. Dadurch sollte bei einer Explosion möglichst wenig Druck nach hinten in die Kavernen gelangen. «Jeder Winkel bricht die Explosionsenergie um 50 Prozent», sagt Felix Köfer vom Armeelogistikcenter Hinwil, der für den Unterhalt der Anlage zuständig ist und selber früher dort Dienst leistete. Speziell ist der Notausgang zuhinterst im Untertage-Labyrinth: ein 120 Meter langer steiler Schacht, der mitten in den Wald hinausführt. Der Standort Dorf wurde laut Köfer auch deshalb gewählt, weil er von der geografischen Lage her Vorteile bietet: Abgelegen, nahe der Landesgrenze, geschützt durch mehrere Hügel.

Rings um den Kommandoposten grub die Armee zahlreiche kleinere atomsichere Unterstände in die Erde, von denen aus die Truppe im Ernstfall das Nervenzentrum verteidigt hätte. Seit Mitte der 90er-Jahre wird die Anlage nicht mehr benötigt. Das VBS behielt sie aber vorerst als stille Reserve im sogenannten Kernbestand und sorgte dafür, dass sie funktionstüchtig blieb. Letztes Jahr entliess das VBS den Kommandoposten aus der eigenen Nutzung, seither steht er zum Verkauf. «Er wird nicht mehr benötigt und entspricht auch nicht mehr dem neuen Armeekonzept», sagt Köfer. Auch die Kommunikationstechnik befindet sich nicht mehr auf dem neuesten Stand. Der Unterhalt verschlingt viel Geld, und das VBS muss aus Spargründen überzählige Infrastrukturen veräussern.

Arbenz: «Kein Festungskoller»

«‹Villa› war natürlich ein sehr euphemistischer Ausdruck», sagt Peter Arbenz, der frühere Kommandant, dem der Bunker seinen Spitznamen verdankt. Die unterirdische Anlage sei zwar «eindrücklich, aber sehr spartanisch». Arbenz verweist auf die feuchten und kalten Zugangsstollen und die engen Raumverhältnisse. Immerhin hätten während Übungen und bei Vollbesetzung 60 bis 80 Offiziere und Soldaten dort tage- und nächtelang ohne Tageslicht gearbeitet.

Dabei standen gerade Mal sechs Toiletten plus ein Pissoir zur Verfügung. Dennoch stellte Arbenz praktisch nie Anzeichen von Festungskoller fest: «Aber wir waren ja glücklicherweise nicht im Krieg.» Beeindruckend sei die Dienstleistungsbereitschaft seiner Stabsoffiziere im Bunker gewesen: «Kurz vor dem Einrücken waren sie noch berufstätig als Juristen, Bankdirektoren oder Ärzte, dann vollzogen sie mit grösster Selbstverständlichkeit und innert Stunden ihren Rollenwechsel, als hätten sie nie etwas anderes gemacht.

Wertvolle Infrastruktur

Vieles im Kommandobunker ist noch im Originalzustand der 60er- und 70er- Jahre erhalten: von den Maschinen, Telefon- und Elektroanlagen über Möbel bis zur Kücheneinrichtung samt Krügen aus Langenthaler Prozellan. In den Büros hängen Karten, Wandtafeln und Plakate zum Verhalten im Fall eines Atomangriffs. Im Einzelzimmer des Kommandanten befinden sich Zahnputzglas und Nachttischlämpchen noch fein säuberlich an ihrem Ort, der hölzerne Stiefelknecht steht noch im Spind. Die Wände der Mannschaftsräume zieren Gemälde von Schlachten der alten Eidgenossen, über den Pritschen hängen die ledernen Effektentäschchen.

Nicht zuletzt wegen der technischen Infrastruktur will die militärhistorische Stiftung das Relikt aus dem Kalten Krieg erhalten. Präsident Nöthiger spricht von einem wichtigen Baudenkmal, das öffentlich zugänglich werden soll. Die Stiftung habe bereits die Umnutzungsbewilligung des Kantons in Aussicht, auch ein Team für den Unterhalt der Brown-Boveri-Dieselmotoren und der Lüftungsaggregate stehe bereit. Geplant sind öffentliche Führungen in Kombination mit einer Besichtigung der Zweit-Weltkrieg-Festung Ebersberg im nahen Berg am Irchel. Diese hat die Stiftung bereits 2006 öffentlich zugänglich gemacht.

Trotz hoher Unterhaltskosten und Konkurrenz durch etliche weitere Festungsmuseen in der Schweiz ist Nöthiger zuversichtlich, dass das geplante Angebot finanziert werden kann und auf Interesse stösst. Eine Stilllegung des Bunkers wäre kaum eine Alternative, wie auch Felix Köfer vom VBS zu bedenken gibt. Würde man Eingang und Notausgang einfach verschliessen, dürfte es nicht lange dauern, bis jemand Wege findet, sie wieder zu öffnen und sich Zugang zum geheimnisvollen Bau verschafft. «Das wäre ein Sicherheitsrisiko», so Köfer. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2013, 06:05 Uhr

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