Gemeinsam im Glück, gemeinsam am Boden

Was wird aus Sulzer, was aus Winterthur nach einer Fusion mit einem US-Partner? Ein Blick in die Vergangenheit lohnt sich.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wegen der möglichen Fusion mit dem amerikanischen Konzern Dresser-Rand steht Sulzer zurzeit im Fokus der Öffentlichkeit. Die Geschichte des Unternehmens und jene seiner Heimatstadt sind eng miteinander verwoben:

1834 zählte die Stadt Winterthur rund 13'000 Einwohner. Die heutigen Stadtteile Veltheim, Töss, Oberwinterthur und Seen waren noch verschlafene Bauerndörfer. Aber die Stadt war im Umbruch. Die Industrialisierung hatte sie spätestens seit der Gründung der Spinnerei Hard 1802 erfasst und sollte ihr Gesicht radikal verändern.

1834 gründete Johann Jacob Sulzer das Unternehmen «Gebrüder Sulzer, Giesserei in Winterthur». Das erste Firmengebäude an der Zürcherstrasse, ausserhalb der Stadttore, entstand. Die Firma produzierte Heizungen und Dampfkessel, später Dampfmaschinen, Pumpen, Dampfschiffe, Bohrmaschinen. Das Unternehmen wuchs rasant. 1836 beschäftigte es 12 Gesellen, 1860 bereits 500 Mitarbeiter. 1906 arbeiteten über 3500 Personen am Hauptsitz in Winterthur und rund 1000 in einer Filiale in Ludwigshafen.

Das Wachstum des Unternehmens erforderte eine ständige Erweiterung der Produktionsstätten auf dem Gründerareal neben dem Hauptbahnhof sowie in Oberwinterthur. Um Wohnraum für die Angestellten zu schaffen, baute die von Sulzer und anderen Unternehmen gegründete «Gesellschaft zur Erstellung billiger Wohnhäuser» in verschiedenen Stadtteilen grossflächige Arbeitersiedlungen. Die charakteristischen Backsteinreihenhäuser prägen noch heute das Stadtbild.

Symbiose von Stadt und Unternehmen

Bis 1900 war Winterthur zu einem der wichtigsten Industriestandorte der Schweiz herangewachsen. Drei grosse Unternehmen dominierten die lokale Wirtschaft: Sulzer, Rieter und die Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik Winterthur (SLM). Doch Sulzer, ab 1914 als Aktiengesellschaft organisiert, hatte eine Sonderstellung inne, sagt Wirtschaftshistoriker Adrian Knoepfli: «Um 1900 ging kaum etwas in Winterthur ohne Sulzer. Das Unternehmen war nicht nur eine Wirtschaftsmacht, sondern mischte auch sehr aktiv in der Politik mit. Von der Gemeindeebene bis auf die nationale Ebene stellten die Familie und die Firma Sulzer bis in die jüngere Vergangenheit zahlreiche Parlamentarier.»

Die Maschinen und Motoren aus der Produktion von Sulzer waren Weltspitze. «Sulzer war der absolute Stolz von Winterthur», sagt Knoepfli. «Das Unternehmen trug den Namen der Stadt in die Welt hinaus.» Doch die Dominanz der Industriegiganten hatte auch Schattenseiten. «Winterthur war in hohem Mass abhängig von Sulzer und der Maschinen- und Metallindustrie.» Das sollte sich Ende des 20. Jahrhunderts rächen.

Immer höher

Nach überwundenen Krisen im Zuge der Wirtschaftsdepression der 30er-Jahre und des Zweiten Weltkriegs wuchs Sulzer erst einmal ungebremst weiter – und das auch im ganz wörtlichen Sinn. 1966 wurde das Sulzer-Hochhaus fertiggestellt. Mit 92 Metern war es lange Zeit das höchste Gebäude der Schweiz und das inoffizielle Wahrzeichen der Stadt Winterthur. Die Auslandaktivitäten der Firma wurden stark ausgebaut und eine Konzernstruktur etabliert.

1969 übernahm Sulzer die Zürcher Maschinenfabrik Escher Wyss AG. Dadurch stieg die Mitarbeiterzahl auf den Rekordwert von über 30'000. 1972 erreichte auch die Einwohnerzahl von Winterthur einen neuen Höchststand von rund 95'000 – ein Wert, der erst im Jahr 2004 wieder erreicht werden sollte.

Harte Landung

Für Sulzer wie auch für Winterthur folgt eine Zeit der Stagnation und Schrumpfung. Das weltweite wirtschaftliche Umfeld ändert sich in den 70er-Jahren nachhaltig; Industriegüter aus Schweizer Produktion sind einem immer härteren Wettbewerb ausgesetzt. Das Unternehmen versucht dem Wandel mit Umstrukturierungen, dem Verkauf von unrentablen Unternehmenszweigen, dem Ausbau von zukunftsträchtigen Bereichen und Werksstilllegungen zu begegnen.

Die Folgen für die Stadt Winterthur sind hart und augenfällig: Durch die Aufgabe der Produktionsstätten auf dem Sulzer-Areal beim Hauptbahnhof entsteht Ende der 80er-Jahre eine riesige Industriebrache. 1993 geschieht dasselbe auf dem Areal der früheren Giesserei in Oberwinterthur. Die Arbeitslosigkeit steigt, Winterthurs Selbstbewusstsein sinkt. «Es war ein schmerzhafter Prozess, der aber auch Chancen für Neues bot», sagt Wirtschaftshistoriker Knoepfli.

Neuerfindung im 21. Jahrhundert

Das Neue beginnt sowohl für die Stadt wie auch für das Unternehmen im neuen Jahrtausend. Winterthur wird von der Arbeiter- zur Studentenstadt. Die grossen Industriebrachen werden zu Einkaufszentren, Bildungsinstitutionen, Standorten für junge Start-ups und die Kreativindustrie. Das Sulzer-Areal wird zum kulturellen Zentrum und zum Ausflugsziel von Architekturinteressierten. Winterthur wird wieder zum Anziehungspunkt und 2009 mit über 100'000 Einwohnern offiziell zur Grossstadt.

Sulzer schliesst 2003 eine langjährige Strukturbereinigung ab. Man konzentriert sich seither auf wenige Kernbereiche, von denen die Herstellung von Pumpen – unter anderem zur Förderung von Erdöl, Gas und Wasser – der wichtigste ist. Gewinn und Profitabilität des Unternehmens steigen wieder. Die Bedeutung als lokaler Arbeitgeber ist zwar nicht mehr mit der früheren vergleichbar: Von den weltweit rund 15'000 Angestellten arbeiten nur gut 1000 in der Schweiz und knapp 600 in Winterthur. Ein gewichtiger Steuerzahler bleibt Sulzer allemal.

Der Fusionsentscheid dürfte die Zukunft des Konzerns entscheidend prägen. Die Auswirkungen wird auch die Stadt Winterthur zu spüren bekommen.

Erstellt: 18.09.2014, 16:09 Uhr

Artikel zum Thema

Die grosse Überraschung in Winterthur

Stürzt Sulzer Winterthur in eine Krise, oder sichert der Konzern mit einem US-Partner der Stadt die Jobs der Zukunft? Klar ist: Vor Ort hat das Spekulieren mit dem gestrigen Bekenntnis angefangen – Horrorszenario inklusive. Mehr...

Sulzer verhandelt mit US-Konzern über eine Fusion

Dresser-Rand gilt als Übernahmekandidat. Interessiert sein soll auch Siemens – der frühere Arbeitgeber des Sulzer-Präsidenten. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Ausstellungseröffnung: «Schatten»!

Mit einer Auswahl von fast 140 Werken zeigt die Ausstellung «Schatten» in der Hermitage 500 Jahre Kunstgeschichte.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Monsunregen: Nach heftigen Regenfällen müssen die Menschen im Kurigram-Distrikt in Bangladesh auf Booten ausharren, lediglich die Hausdächer ragen aus dem Hochwasser. (17. Juli 2019)
(Bild: Zakir Hossain Chowdhury/Barcroft Media/Getty) Mehr...