Geri Müller – der einsame Stadtammann

Der Badener Stadtrat funktioniert zwar, aber versöhnt ist er nicht.

Ein «bewegtes Jahr»: Geri Müller blickte beim Jahresend-Essen auf 2014 zurück.

Ein «bewegtes Jahr»: Geri Müller blickte beim Jahresend-Essen auf 2014 zurück.

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Man würde es gern als sinnbildlich bezeichnen: Stadtammann Geri Müller traf gestern allein und als Erster zum Jahresend-Mittagessen mit den Medien ein. Später dann kamen gemeinsam die restlichen Mitglieder der Badener Exekutive hinzu. Doch neigt man in solchen Situationen zur Überinterpretation. Tatsache ist, dass Müller mit dem Velo direkt von der Stadtratssitzung ins Restaurant im Stadtcasino kam. Die anderen zu Fuss.

Vor fünf Wochen hatte der Badener Stadtrat nach einem Mediationsprozess zum Courant normal zurückgewechselt. Ist damit Gerigate ad acta gelegt? Das Jahresend-Essen mit den Medien hat in Baden Tradition. Da spricht man darüber, was Baden im vergangenen Jahr bewegte und was auf Baden zukommt. So war es auch gestern. Geri Müller hielt einen Rückblick auf ein «bewegtes Jahr». Bei den Finanzen sieht es in Baden weniger rosig aus als auch schon, weil grosse Investitionen anstehen. Er sprach von den Bädern, dem Schulhausplatz, von Fusionen. Doch im Raum stand fast greifbar die Frage, wie es um die Stimmung im Stadtrat und in der Verwaltung steht. Und während man feinstes Lamm verspeiste, sprach man miteinander um den heissen Brei herum.

«Noch nicht verdaut»

Müller streifte das Thema in seiner offiziellen Ansprache zwar: «Es ist noch nicht gegessen und noch nicht verdaut», sagt er. Und der Stadtrat stelle sich den schwierigen Situationen und entscheide «einzelfallweise», auch wenn er sich gern voll auf Sachpolitik konzentrieren würde. Schwierige Situationen sind wohl solche: wenn die Ortsbürgerversammlung nicht mehr vom Stadtammann geleitet werden will. Wenn lokale Wirtschaftsverbände ein Treffen mit dem Stadtrat platzen lassen, weil sie nicht mit dem Stadtammann sprechen wollen. Wenn der Stadtammann bei der prestigeträchtigen Einweihung des Kongresszentrums Trafo vom Investor ausgeladen wird.

Dass nach der Teilentmachtung die Rückkehr ins Amt nicht einfach werde, war Stadtrat und Stadtammann klar. So übernahm vor gut einem Monat Müllers Parteikollegin Ruth Müri das Ressort Standortmarketing, das bis anhin dem Ammann oblag. Mittlerweile hat Müller weitere Mandate abgegeben: So etwa das Verwaltungsratsmandat im Stadt­casino Baden – «in gegenseitigem Einvernehmen». Auch hat er kurz nach der Rückkehr in die Ressorts angekündigt, dass er nicht mehr für den Nationalrat kandidieren werde, weil er sich voll auf sein Amt als Stadtammann konzentrieren werde. Sein Doppelmandat wurde immer wieder thematisiert und kritisiert. Trotzdem sieht er sich im Einwohnerrat immer wieder starken Misstrauensvoten von bürgerlicher Seite ausgesetzt. Er schade der Reputation Badens. Wobei die Nackt-Selfies kaum mehr Thema sind. Man nimmt ihm übel, dass er an seinem Amt festhält. So sagte ein ehemaliger CVP-Stadtrat unverblümt: «Wenn er sitzen bleibt, muss man den Druck aufrechterhalten, bis er sich entscheidet zu gehen.»

Konnte sich wenigstens der Stadtrat zusammenraufen? Als Geri Müller gestern Mittag kurz die Turbulenzen ansprach, die seine Eskapade Baden bescherte, starrten seine Kolleginnen und Kollegen vor sich hin. Dem Umgang untereinander fehlte das Unbeschwerte, das sich bei solchen Gelegenheiten normalerweise einstellt. Keine lockeren Sprüche, keine Sticheleien. Man begegnete sich korrekt, aber nicht kollegial. Die Mediation hat vielleicht einen Weg aufgezeigt, wie das Gremium funktionieren kann. Versöhnt ist es nicht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.12.2014, 02:39 Uhr

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