Gericht: Yoga ist Gymnastik, nicht Religion

Eltern wollen ihren Sohn vom Yoga im Kindergarten dispensieren lassen, weil sie darin eine hinduistische Religionslektion sehen. Zu Unrecht, befand das Gericht.

«In religiöser Hinsicht neutral»: Öffentliches Morgenyoga in Brüssel. (Archivbild)

«In religiöser Hinsicht neutral»: Öffentliches Morgenyoga in Brüssel. (Archivbild) Bild: Reuters

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Im Kindergarten der Ortschaft D. wärmen sich die Kinder jeweils mit einem Bewegungs- und Rhythmusspiel auf. Sie sprechen über ein aktuelles Thema, zum Beispiel den Herbst, und machen dann Spiele mit Figuren wie Frosch, Katze, Baum, Sonne oder Mond. Dazu ahmen sie den Wind oder das Hacken von Holz nach. Am Ende der Lektion entspannen sich die Kinder mit geschlossenen Augen auf der Matte liegend, während die Lehrerin zu leiser Musik eine kleine Traum­geschichte erzählt.

Diese Lektion läuft unter dem Titel Yoga. Den Eltern eines Kindergärtlers geht dies zu weit. Sie ersuchten die Schulpflege um eine Dispensation ihres Sohnes vom Yoga oder um eine Umteilung in einen anderen Kindergarten. Ihr Argument: Yoga komme aus dem Hinduismus und habe die Auflösung der Seele im göttlichen Brahman zum Ziel. Öffentliche Schulen jedoch seien den Grundwerten des demokratischen Staatswesens verpflichtet und hätten sich gemäss Kantonsverfassung konfessionell und politisch neutral zu verhalten.

Die Schulpflege wies sowohl das Dis­pensations- als auch das Umteilungsgesuch ab, da der Yoga-Unterricht im Kindergarten in religiöser Hinsicht neutral ausgerichtet sei und ausschliesslich zur Förderung der Gesundheit, Beweglichkeit und Haltung diene. Die Eltern rekurrierten beim Bezirksrat, unterlagen aber erneut. Darauf führten sie Beschwerde am Verwaltungsgericht wegen Verletzung der Glaubens- und Gewissensfreiheit.

Religiös belastet wie ein Kruzifix

Die Eltern argumentierten erneut, Yoga sei in Indien vor dem Hintergrund des Hinduismus und teilweise des Bud­dhismus entstanden. Yoga sei ursprünglich ein Weg zur Selbstvervollkommnung und solle eine Vereinigung mit diversen Gottheiten ermöglichen. Solange eine Lehrperson eine Körperübung als Yoga bezeichne, könne sie per se konfessionell nicht neutral sein. Als Beispiel nannten sie das Kruzifix im Schulzimmer, dessen Anwesenheit ebenfalls aussagekräftig genug sei, um als störend empfunden zu werden.

Nach Ansicht des Verwaltungsgerichts genügt die kulturhistorische Herkunft von Yoga aus Indien nicht, damit sich der Besuch einer Lektion als unzumutbar erweist. Grosse Teile unserer Zivilisation, die auch den Schulunterricht prägen, liessen sich auf religiöse Ursprünge zurückführen. Zum Beispiel die Anfänge des europäischen Theaters im antiken Griechenland. Die Vorführungen wurden damals zu Ehren griechischer Götter abgehalten; erst später verloren die Inszenierungen ihre rituelle Bedeutung.

Entscheidend ist gemäss dem Gericht nicht eine kulturhistorische oder etymologische Betrachtungsweise, sondern einzig die Frage: Welchen Sinn misst die Allgemeinheit heute Handlungen, Symbolen oder Begriffen zu. Der Wochentag Donnerstag zum Beispiel ist nach dem germanischen Donnergott Donar benannt, weckt aber nicht mehr die geringsten religiösen Gefühle.

Kommerzieller Breitensport

Die breite Öffentlichkeit assoziiere Yoga heute mit Gymnastik- und Entspannungsübungen – und nicht mit rituellen Handlungen, heisst es im Urteil. Yoga werde denn auch in zahlreichen Sport- und Fitnesszentren in unterschiedlichster Form angeboten. Mit der Entwicklung zu einem Breitensport und der damit verbundenen Kommerzialisierung habe Yoga seine ursprünglich kultische Bedeutung verloren. Auch die geschilderten Übungen mit dem Rollenspiel, den Gymnastik- und Entspannungsübungen lassen laut Gericht keinerlei religiösen Bezug erkennen. Die Eltern können das kürzlich publizierte Urteil nun noch ans Bundesgericht weiterziehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.10.2012, 09:39 Uhr

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