Gewinner und Verlierer der Glattalbahn

Am Samstag feiern vier Glattalgemeinden die Fertigstellung ihres eigenen Strassenbahnnetzes. Über die Eröffnung der Linie 12 freuen sich aber nicht alle Beteiligten.

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Wenn am Samstag die dritte Linie der Glattalbahn mit einem grossen Festakt eröffnet wird, erhalten Zehntausende in Dübendorf und Wallisellen eine direkte Verbindung zum Airport Shopping. Das flughafeneigene Einkaufszentrum ist auch sonntags geöffnet und bedeutet für die Flughafen Zürich AG eine wichtige Einnahmequelle.

«Die neue Tramlinie ist für uns eine höchst erfreuliche Ergänzung», sagt Sprecherin Jasmin Bodmer auf Anfrage. Da die Linie 12 bis zur Fracht fährt, profitieren laut den Verkehrsbetrieben Glattal (VBG) auch Angestellte im Frachtbereich, Flugzeugvernarrte (wegen «freier Sicht auf die Westpiste») und Inlineskater, da dort die Skaterroute um den Flughafen beginnt. Der Flughafen dürfte von der Glattalbahn am meisten profitieren.

Jährlich 2000 neue Arbeitsplätze

Daneben zählen die Gemeinden Dübendorf, Wallisellen, Opfikon-Glattbrugg und Kloten zu den grössten Gewinnern. Glaubt man den Prognosen der VBG, springt eine 16-fache Rendite heraus. Den Baukosten von 555 Millionen Franken stehen angeblich private Investitionen von 9 Milliarden gegenüber. Gerechnet wurde mit jenen Investitionen, die im 400-Meter-Radius um eine der 21 Haltestellen getätigt werden. Sie spülen in absehbarer Zeit höchst willkommene Steuergelder in die Gemeinde- und Stadtkassen.

Zusammen mit den vier Gemeinden Rümlang, Bassersdorf, Dietlikon und Wangen-Brüttisellen entsteht der Gemeindeverbund «Glow.das Glattal». Deren Standortförderer Christoph Lang spricht von 2000 neuen Arbeitsplätzen, die in diesen acht Gemeinden jedes Jahr dazukommen. Bis im Jahr 2025 sollen es insgesamt 130'000 Arbeitsplätze sein.

Ein eher kleiner Profiteur ist das Glattzentrum. Der Einkaufstempel in Wallisellen erhält zwar eine eigene Haltestelle, musste dafür aber 220 von 4500 Parkplätzen opfern. Der ÖV-Anteil werde stattdessen von heute 21 auf 25 Prozent ansteigen, wie Zentrumsleiter Marcel Stoffel gegenüber der NZZ prognostizierte. Das Glatt bleibe aber nach wie vor «ein Einkaufszentrum, wo man mit dem Auto hinfährt».

Kleine Betriebe gehören zu den Verlierern

Von der Glattalbahn profitieren längst nicht alle. Die Schreinerei Werchschüür, die sozial Benachteiligte ausbildet, musste ihre Räumlichkeiten aufgeben. Nach fast 20 Jahren am Standort in der Nähe des Bahnhofs Glattbrugg kam Anfang 2008 die Kündigung. Weil gleich vor der Tür eine Glattalbahn-Haltestelle gebaut wurde, wollte der Vermieter mehr Profit aus der Gewerbeliegenschaft holen. Nach monatelanger Suche fand die Werchschüür einen Standort am Stadtrand – weit von der nächsten ÖV-Haltestelle entfernt. So dürfte es mehreren kleinen Firmen ergehen.

Felicitas Huggenberger, Präsidentin des Zürcher Mieterverbands, befürchtet zudem, dass sich zahlreiche alteingesessene Bewohner in Dübendorf und Wallisellen bald die Mieten nicht mehr leisten können. Entlang der neuen Linie 12 sind mehrere neue Wohnungen im Bau. Dies habe eine Aufwertung der Region und damit eine Erhöhung der Mieten zur Folge. «So werden jene Bewohner verdrängt, die sich die erhöhten Mieten nicht mehr leisten können.»

Ähnliche Entwicklung wie beim Bau der S-Bahn

Huggenberger geht davon aus, dass jene Leute, die in Zürich keine Wohnung finden, dort weitersuchen, wo die Anbindung in die Stadt besonders gut ist. Mit der Glattalbahn ist dies in Dübendorf und Wallisellen nun der Fall. Im Moment sind ihr zwar noch keine konkreten Fälle bekannt. «Die Befürchtungen sind aber da, weil wir diese Verschiebungen bereits bei der Einführung der S-Bahn vor 20 Jahren beobachteten.» Damals seien in Uster die Mietpreise überdurchschnittlich stark angestiegen, weil die Stadt plötzlich viel besser an Zürich angebunden war.

Schliesslich kritisiert der Zürcher VCS die Linienführung. Geschäftsführerin Gabi Petri stört sich daran, dass fast nur Bürolandschaften bedient werden. Die Glattalbahn sei völlig an Dübendorf vorbei geplant worden, beklagt sich zudem Tagesanzeiger.ch-Leser Fritz Isenegger in einem Kommentar. Für Standortförderer Christoph Lang gibt es hingegen praktisch nur Gewinner: «Wenn man jemanden als Verlierer bezeichnen könnte, dann Kantone wie Appenzell Ausserrhoden oder Glarus. Jedes Jahr gibt es dort weniger Firmen.» Dank Standortvorteilen wie dem Flughafen und der Glattalbahn ziehen diese laut Lang vermehrt das Glattal vor. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.12.2010, 14:35 Uhr

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