«Gewisse Velofahrer müssten einen Kurs besuchen»

Mit den steigenden Temperaturen steigt auch die Zahl der Velounfälle. Saisonfahrer haben einige Wissenslücken, was sicheres Radfahren betrifft. Welche das sind, weiss Kurt Egli von Pro Velo.

Ohne Routine wenig Sicherheit: Saisonfahrer auf dem Velo sind für andere Verkehrsteilnehmer oft unberechenbar.

Ohne Routine wenig Sicherheit: Saisonfahrer auf dem Velo sind für andere Verkehrsteilnehmer oft unberechenbar. Bild: Keystone

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Die Zahl der Velounfälle in Zürich hat bereits zugenommen. Waren es letztes Jahr zwischen Januar und März 32 Unfälle, sind es bisher bereits 44 – wobei der März noch nicht einmal vollständig ausgewertet ist. Der Grund für die Zunahme ist wetterbedingt. Sind saisonale Radfahrer einfach unfähig?
Sie sind sicher ungeübter als Alltagsvelofahrer. Zudem steigen bei wärmeren Temperaturen auch Partygänger wieder vermehrt aufs Velo. Viele verunfallen, weil sie in angetrunkenem Zustand versuchen, den Heimweg zu meistern. Betrunkene machen daher einen erheblichen Teil der Verunfallten aus – und man kann nicht mehr tun, als vom Velofahren unter Alkoholeinfluss abzuraten.

Es sind aber längst nicht alle betrunken, die im Frühling mit dem Velo verunfallen. Was macht das saisonale Radfahren so gefährlich?
Viele saisonale Fahrer sind nicht häufig oder gar täglich mit dem Velo unterwegs. Es sind keine Profis im Verkehr. Ihnen fehlt die Selbstsicherheit gebende Routine. Ungeübte tendieren zu einem Fahrstil, der sie selbst in Gefahr bringt.

Wie meinen Sie das?
Sie halten Grundregeln wie den Sicherheitsabstand von einem Meter zum Strassenrand nicht ein. Dabei ist gerade das enorm wichtig für eine bessere Übersicht an Kreuzungen, oder um Kollisionen mit sich öffnenden Autotüren zu vermeiden. Auch das richtige Einspuren ist vielen Saisonfahrern nicht bekannt. Sie geben unklare oder gar keine Handzeichen und riskieren so, dass ihr Manöver von den Autofahrern nicht oder zu spät erkannt wird. Ein Spurwechsel erfordert eine gewisse Geschicklichkeit und es müssen komplexe Abläufe eingehalten werden, die man beherrschen muss. Äusserst gefährdet sind Velofahrende, die nicht wissen, dass man beim Warten an Kreuzungen oder beim Befahren von Kreiseln den toten Winkel von Motorfahrzeugen unbedingt meiden muss.

Also sollten alle Saisonfahrer einen Velokurs absolvieren?
Wenn jemand sich unsicher fühlt oder immer wieder kritische Situationen erlebt, dann würde ich einen Kurs empfehlen. Wir konnten bisher allen erwachsenen Kursbesuchern Sicherheitstipps vermitteln, die sie bisher noch nicht kannten. Dieses Wissen fördert die Selbstsicherheit im Verkehr und damit die Sicherheit generell. Im Prinzip kann jedoch jeder Erwachsene mit einem strassentauglichen Velo auf die Strasse. Es braucht keine Prüfung und keinen Führerausweis dazu. Ich halte aber auch nichts von einem Obligatorium von Fahrradkursen. Das wäre völlig übertrieben, viel zu teuer und würde zudem auch all jene betreffen, die sich bereits sicher und regelkonform im Strassenverkehr bewegen. Bei gewissen Leuten, die ich auf der Strasse beobachte, wünsche ich mir aber schon, sie würden einen Kurs besuchen. Bei E-Bikes stellen wir zum Glück eine steigende Nachfrage nach Kursen fest.

Wer nutzt solche Velokurse für Erwachsene?
Es sind vielfach Eltern, die ihre Kinder in den Kurs begleiten. Sie haben jahrelang nur das Auto genutzt und wollen nun mit dem Nachwuchs wieder aufs Velo umsatteln. Oder sie kommen vom Land, wo sie nur mit dem Auto unterwegs waren, und merken, dass man in der Stadt mit dem Fahrrad besser und schneller unterwegs ist. Einige von ihnen sind sogar noch nie mit einem Velo gefahren.

Und wie erleben Sie Ihre erwachsenen Fahrschüler?
Ich stelle fest, dass viele von ihnen ein Halbwissen übers Velofahren mitbringen. Sie wissen beispielsweise nicht, wie sie sich im Kreiselverkehr richtig verhalten sollen. Diese Unsicherheit ist auch für alle anderen Verkehrsteilnehmer ein Problem: Automobilisten können nicht erkennen, wie sich die Fahrradfahrer verhalten werden. Wir bringen ihnen in unseren Kursen das korrekte Fahren bei, damit sie im Verkehr den ihnen zustehenden Platz einnehmen. Durch eine klare Fahrweise, saubere Zeichengabe und Blickkontakt werden sie für andere Verkehrsteilnehmer berechenbar und damit zum Verkehrspartner auf Augenhöhe.

Wir haben bisher über den Veloverkehr in Zürich geredet. Sie leben in Winterthur. Nehmen die Velounfälle dort im Frühling auch zu?
Es liegen mir keine Zahlen vor, aber es ist anzunehmen. Bei uns ist die Situation allerdings etwas anders als in Zürich. Das liegt vor allem an der Veloinfrastruktur, die in den letzten Jahren stark ausgebaut wurde und daher einiges besser ist als in Zürich.

Worin unterscheiden sich die Infrastrukturen von jenen in Zürich?
Den Velofahrern stehen mehr durchgängige Velostreifen und -wege zur Verfügung als in Zürich. Von Velos viel befahrene Kreuzungen sind sicherheitstechnisch oft top ausgerüstet. So gibt es ausgeweitete Radstreifen vor den Lichtsignalen. Der Volksmund spricht von «Velosack» und meint jenen Bereich der Fahrbahn, auf dem sich die Velofahrer vor den Autos aufstellen können, bis die Ampel Grün anzeigt. Das verhindert, dass sich Fahrradfahrer im toten Winkel von Lastwagen aufstellen und dann von rechts abbiegenden Fahrzeugen übersehen werden. Bei einigen Lichtsignalen ist eine separate Ampel für Velofahrer eingerichtet, die ihnen die Fahrbahn vor den Autos freigibt. Zudem sind an vielen Lichtsignalen sogenannte Trixi-Spiegel angebracht, die den Lastwagenfahrern einen Überblick über den sonst nicht einsehbaren Seitenbereich – den toten Winkel – des Fahrzeugs ermöglicht. Die Kombination dieser Massnahmen hat dazu beigetragen, dass es an Winterthurs Lichtsignalanlagen praktisch keine Totwinkel-Unfälle mehr gibt. Leider kommt das aber noch im Kreiselverkehr vor, weil viele Velofahrer sich dieser Gefahr nicht bewusst sind und sich falsch verhalten.

Lassen sich die Unfälle nur aufgrund der Infrastrukturen minimieren?
Die Summe der guten ausgebauten Radwege und der diversen Sicherheitsmassnahmen haben jedenfalls zur Folge, dass viel mehr Leute aufs Fahrrad steigen, weil das subjektive Gefahrenempfinden bei gut ausgebauter Veloinfrastruktur niedriger ist. Und wenn mehr Velofahrer unterwegs sind, wird die Sicherheit generell verbessert, weil alle Verkehrsteilnehmer sich an die Präsenz der Radfahrer gewöhnen und mit ihnen rechnen.

Erstellt: 17.04.2014, 12:27 Uhr

«Saisonalen Fahrern fehlt die Selbstsicherheit gebende Routine»: Kurt Egli ist Projektleiter der Velokurse von Pro Velo Schweiz und Vorstandsmitglied von Pro Velo Schweiz.
(Bild: zvg)

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