Giftschlangen versetzten Bewohner in Angst

Kürzlich wurde in einem Stefanini-Haus eine Handgranate entdeckt. Vor Jahren hielt ein anderes Haus die Mieter wochenlang in Atem.

Im schmalen Haus mit den Balkonen wurden einst 35 lebende Schlangen gefunden, darunter 24 giftige. Foto: Dominique Meienberg

Im schmalen Haus mit den Balkonen wurden einst 35 lebende Schlangen gefunden, darunter 24 giftige. Foto: Dominique Meienberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Handgranate diente als Briefbeschwerer»: Die Meldung sorgte kürzlich für Aufsehen. Die Winterthurer Stadtpolizei stellte in einem Altstadthaus eine intakte Handgranate sicher. Wie der «Landbote» herausfand, lag sie auf dem Besprechungstisch im Büro von Bruno Stefanini. Der Immobilienunternehmer und Kunstsammler, der im Dezember im Alter von 94 Jahren verstorben ist, besitzt in der Winterthurer Altstadt viele, teils sanierungsbedürftige Liegenschaften. Eines dieser Häuser befindet sich an der Stadthausstrasse 91 – und hat eine besondere Geschichte.

Im Juni 1995 sorgte ein Fund der unheimlichen Art für Schlagzeilen. Die Wohnung im vierten Stock des alten Wohnhauses mietete damals ein 35-jähriger Mann, in der Stadt unter dem Namen «King» bekannt. «Sein Leben galt den Giftschlangen. Sie bedeuteten ihm alles, er sprach und spielte mit ihnen, wenn er abends nach dem Bier in die Kleinwohnung zurückkam», berichtete der TA damals über den Winterthurer.

Seit Jahren hielt «King» in seiner Wohnung bis zu 50 zum Teil hochgiftige Schlangen sowie 30 Vogelspinnen. Im Estrich züchtete er Ratten und Mäuse als Futtertiere. Der 35-Jährige wollte seine Schlangensammlung der Öffentlichkeit zugänglich machen, fand jedoch dafür keine Unterstützung.

Zettel an den Türen

Ende Mai 1995 dann die tragische Wende: Der alleinstehende Mann nahm sich das Leben. Zuvor hatte er allerdings noch mehrere Terrarien zerstört, die Giftschlangen freigelassen und die Wohnungsfenster geöffnet. Die übrigen Mieterinnen und Mieter erfuhren erst Tage später vom Vorfall.

Die Stadtpolizei hatte an ihren Türen Zettel angebracht. Der Bewohner im vierten Stock sei verschieden, man habe einige Terrarien beschädigt vorgefunden, dadurch seien «einige Schlangen, auch giftige», entwichen. Spezialisten hätten die Tiere eingefangen, aber es könne «nicht mit absoluter Sicherheit gesagt werden, dass sich keine Schlangen entfernen konnten.»

«Das war eine unglaubliche Geschichte», sagt Roger Keller, damals TA-Redaktor und heute Sprecher von Finanzdirektor Ernst Stocker. Er berichtete damals als Erster über den ungewöhnlichen Vorfall. Ein Nachbar erzählte ihm, er habe nach der Lektüre des Polizeihandzettels «auf der Türschwelle rechtsumkehrt gemacht». Er wusste, dass «King» in seinen Terrarien mehrere Klapperschlangen, eine Gabunviper, zwei Kobras und eine grüne Mamba gehalten hatte.

Das Schlangenzimmer stellte Behörden und Polizei vor ungewohnte Probleme. «Wir hatten Schiss und warteten, bis die ­Spezialisten kamen», räumte der zuständige Bezirksanwalt gegenüber Journalist Keller ein. ­Spezialisten rückten an – mit geladenen Schusswaffen und Greifzangen. Er habe die Klapperschlangen vom vierten Stock bis auf die Strasse hinunter gehört, erzählte der Bezirksanwalt. «Das hat unglaublich getönt.»

Die Inhaberin des Ladens habe sich tagelang nicht mehr aufs eigene WC getraut.

Den Spezialisten der Veterinärpolizei gelang es schliesslich, 35 lebende Schlangen, darunter 24 Giftschlangen, einzufangen. Vier Tiere, darunter zwei Kobras, fand er tot vor. Der Reptilienspezialist sprach von einer «gefährlichen Extremsituation». Dass weitere Giftschlangen durch das Fenster oder den Ablauf ins Freie gelangt sein könnten, wollte auch nach der Räumung der Wohnung niemand ausschliessen.

Das sanitäre System ist aber «massiv durchgespült» worden, sodass keine Tiere überlebt haben sollten, wie die Behörden betonten. Die Nachbarn lebten allerdings noch wochenlang weiter mit einem mulmigen Gefühl, wie ein Anwohner sagt. Die Inhaberin des Ladens im angebauten Nachbarhaus habe sich tagelang nicht mehr aufs eigene WC getraut.

Die Befürchtungen waren nicht unberechtigt. Acht Tage nach der Räumung wurde im Zimmer des Verstorbenen eine weitere Giftschlange gefunden. Diesmal schlug die Polizei sofort Alarm und forderte die Mieter auf, «auswärts zu nächtigen». Bei einer weiteren gründlichen Durchsuchung des Hauses und der Nachbargebäude wurde darauf aber kein Tier mehr gefunden. «Nach menschlichem Ermessen», sagte der Bezirksanwalt damals, sollte jetzt keine Schlange mehr in den Häusern sein. «Alle sagen, es bestehe keine Gefahr mehr, dennoch geben alle zu, dass sie nicht in diesem Haus wohnen möchten», klagte damals ein Bewohner.

«Ein Riesendrama»

«Es war wirklich ein Riesendrama, die Geschichte verbreitete sich damals wie ein Lauffeuer in der Altstadt», sagt der frühere Nachbar, der «King» als seltsamen Kauz erlebt hat. Was ihm besonders in Erinnerung geblieben ist: Polizei und Feuerwehr wollten erst gar nicht herausrücken mit der Wahrheit. «Aus Angst, Panik auszulösen.» Eine weitere Anwohnerin an der Stadthausstrasse erinnert sich, «King» habe kurz vor seinem Tod zwei Schlangen in ein Privathaus von Stefanini gebracht, angeblich aus Rache, weil der ihn aus seiner Wohnung habe werfen wollen.

Im Verlauf der Zeit legte sich die Angst, irgendwann kam die Entwarnung, und der Fall geriet in Vergessenheit. Bei der zuständigen Immobilienfirma Terresta von Stefanini waren die damaligen Vorkommnisse an der Stadthausstrasse 91 «bisher keinem der heute Verantwortlichen bekannt», sagt Stefan Angele, Leiter Immobilienbewirtschaftung. Auch lägen keine Liegenschaftsunterlagen aus dieser Zeit mehr vor. Heute ist im Erdgeschoss des Hauses ein Coiffeursalon eingemietet. In den Stockwerken darüber befinden sich insgesamt fünf einfache Mietwohnungen. Konkrete Renovationspläne bestehen laut Angele zurzeit nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.04.2019, 20:41 Uhr

Artikel zum Thema

Häuser, die tun, als stünden sie in Zürich

Die grossen Neubauquartiere in der Agglomeration Zürich sind fast ununterscheidbar von jenen in der Stadt. Aber es gibt ein paar überraschende Unterschiede. Mehr...

Areal Neugasse: Stadtrat muss mit den SBB neu verhandeln

Der Zürcher Gemeinderat will, dass auf dem attraktiv gelegenen Areal im Kreis 5 mehr gemeinnützige Wohnungen entstehen. Mehr...

Stadt Zürich sucht Mieter für 10’000-Franken-WG

Die Stadt hat ein denkmalgeschütztes Bauernhaus renoviert. Jetzt sucht sie nach Leuten, die die 13 Zimmer mit Leben füllen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Studentinnen suchen nach schnellem Sex
/sales/publireportagen/Schweizer-Studentinnen-auf-der-Suche-nach-schnellem-Sex/story/24704622

Die Schweizer Studentinnen haben längst herausgefunden, wie man an scharfen Sex für zwischendurch kommt. Viele von ihnen suchen auf TheCasualLounge.ch unverbindlichen Sex.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Er braucht ein gutes Gleichgewicht: Ein Gaucho reitet in Uruguay ein Rodeo-Pferd. (17. April 2019)
(Bild: Andres Stapff) Mehr...