Golfkonflikt am Zürichsee

Die Migros möchte oberhalb von Wädenswil einen Golfplatz bauen, für Spieler ohne Klubmitgliedschaft. Dagegen wehren sich Bauern und Umweltschützer – mit den Argumenten, die andernorts schon erfolgreich waren.

Ein Golfer unterwegs zur Driving Range, die erweitert werden soll. Foto: Reto Oeschger

Ein Golfer unterwegs zur Driving Range, die erweitert werden soll. Foto: Reto Oeschger

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Für die Migros ist es eine neue Erfahrung. Sie ist sich gewohnt, vom Volk getragen zu werden. Seit den Anfängen unter Gottlieb Duttweiler hat die Genossenschaft stets ein gutes Gespür dafür gehabt, was die Leute wollen. Mit ihrer neusten Popularisierungs­mission hingegen kommt sie im Kanton Zürich nicht recht voran, weil sich just das Volk dagegen wehrt.

«Golf für alle» lautet die Parole der Migros. Sie will den Elitesport zum Volkssport machen, indem sie öffent­liche Golfplätze baut. Im Kanton Zürich gebe es über 10'000 Golfer, die sich keine teure Mitgliedschaft in einem der privaten Klubs leisten könnten, aber nur gerade drei Anlagen, auf denen sie ohne Einschränkungen spielen dürften.

In Niedershasli gescheitert

Der einzige öffentliche Golfplatz, den die Migros hier bisher realisieren konnte, ist jener in Otelfingen im Zürcher Unterland. Ein zweites Projekt im nahen Niederhasli scheiterte vor zwei Jahren an der Gemeindeversammlung. Nun steht der nächste Prüfstein an, diesmal am linken Zürichseeufer. Dort geht gerade ein weiterer Golfkonflikt in die heisse Phase.

Es geht um 70 Hektaren landwirtschaftlichen Bodens in der Beichlen oberhalb von Wädenswil, einer sanft gewellten Moränenlandschaft, die für Golfer wie ein Paradies anmuten muss. Die Migros betreibt dort seit ein paar Jahren eine Drving Range, die sie nun um einen Golfplatz mit 18 Löchern erweitern will. Die Vorzeichen stehen diesmal gut. Den grössten Teil der Fläche hat sie ver­traglich zugesichert bekommen, der ­Wädenswiler Stadtrat steht hinter dem Projekt, und auch der nötige Eintrag im regionalen Richtplan steht. Allerdings hat die zuständige Planungsgruppe beschlossen, diesen Eintrag ­freiwillig einem Referendum zu unterstellen. Deshalb kommt es am 30. November in sämtliche Gemeinden des ­Bezirks Horgen zur Abstimmung.

Ein Zehntel von allem Agrarland

Den Kampf gegen den Golfplatz lanciert hat am vergangenen Wochenende eine Interessengemeinschaft (IG), hinter der eine nicht alltägliche Allianz steht. Dabei sind der Zürcher Bauernverband, die Naturschützer von Pro Natura, die Grünen und die Sozialdemokraten. Ihre gemeinsame Sorge: Die Golfer beanspruchen mit ihrem Sport viel Land, das dann anderen fehlt. Zum Vergleich: Auf 70 Hektaren liessen sich fast hundert Fussballplätze unterbringen.

Die Bauern kämpfen dagegen, dass diese Fläche der Landwirtschaft verloren geht. «Wir leben vom Boden», sagt IG-Präsident Peter Bossert, der in der Nähe einen Hof hat. «Man muss das Kulturland erhalten, gerade in dicht besiedelten ­Gebieten wie hier – auch als Erholungsraum.» Durch den Golfplatz würde Wädenswil auf einen Schlag um fast zehn Prozent seiner landwirtschaftlichen Fläche gebracht. Darunter leide die regionale Produktion von Nahrungsmitteln, die der Migros angeblich so wichtig sei. Zudem befürchtet Bossert einen verschärften Verdrängungskampf unter den Bauern. Jene, die zugunsten des Migros-Projekts auf gepachtetes Land verzichten, würden finanziell so grosszügig ­entschädigt, dass sie ihre Berufskollegen im Wettbieten um andere Nutzflächen problemlos ausstechen könnten.

Anders argumentiert Gody Pfister, ein Bauer, der sich mit der Migros auf einen Landhandel geeingt hat: Die kleinen Schweizer Landwirtschaftsbetriebe seien mit jenen in der EU nicht konkurrenzfähig, der Golfplatz sei eine Chance. Ähnlich äusserte sich auch schon der Zürcher Regierungsrat. Die inländische Agrarproduktion nehme zwangsläufig ab, Golfplätze dagegen seien ein Standortfaktor für den Wirtschaftskanton Zürich. In Rahmen der Richtplanung und des Ringens um die Umsetzung der Kulturlandinitiative hat sich die Regierung jeweils mit Erfolg dafür eingesetzt, dass der Bau von Golfplätzen möglich bleibt.

Ökologisch sinnvoll?

Die linken und grünen Gegner des Wädenswiler Golfplatzes finden, man müsse das Naherholungsgebiet für alle Nutzer offen halten. Heute herrsche ein Gleichgewicht zwischen Schützen, Hündelern, Modellfliegern und Golfern. Letztere würden künftig dominieren, die anderen ausgegrenzt hinter Zäunen stehen – das zeige der Golfplatz in Otelfingen. Die Migros hält dagegen, sie werte mit ihrer Anlage das Gebiet auf. Ein Drittel davon sei für ökologische Ausgleichsflächen reserviert. Laut dem Migros-Nachhaltigskeitsexperten Johann Züblin, der Golfplätze analysiert hat, nimmt dort die Biodiversität zu. Wichtige Tier- und Pflan­zenarten hätten sich vermehrt oder seien neu zugewandert. Pro Natura bestreitet dies.

In der Vergangenheit hatten es Golfplatzprojekte im Kanton Zürich schwer. Nur jedes zehnte schaffte es überhaupt bis zur Abstimmungsreife. Und an dieser letzten Hürde scheiterten in jüngster Zeit nacheinander die Bauvorhaben in Mönch­altorf, im Säuliamt und in Niederhasli. Die Konfliktlinien waren überall die gleichen wie jetzt wieder in Wädenswil.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2014, 20:33 Uhr

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