Gratis-Abo für Rentner?

In Basel will die SP Senioren mit speziellen Angeboten dazu bringen, ihren Führerausweis abzugeben. Der Zürcher SP gefällt die Idee – skeptisch ist hingegen die Pro Senectute.

Tram statt Auto: Senioren sollen ein Jahr lang gratis den ÖV benutzen können, wenn sie freiwillig ihren Führerschein abgeben.

Tram statt Auto: Senioren sollen ein Jahr lang gratis den ÖV benutzen können, wenn sie freiwillig ihren Führerschein abgeben. Bild: Keystone

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Die Fahrtüchtigkeit von Senioren ist ein Dauerthema, wenn es um die Sicherheit auf den Schweizer Strassen geht. Wie eine Erhebung von «10 vor 10» ergab, stieg die Zahl der Ausweisentzüge wegen Gebrechen oder Krankheit stark an: Von 2555 im Jahr 2008 bis 4759 im letzten Jahr.

Auch im Kanton Zürich ist dieser Anstieg in der Gesamtsumme von Ausweisentzügen ersichtlich. Waren es 2008 noch 484 Ausweisentzüge bei Personen über 70, zählte das Bundesamt für Strassen (Astra) 2013 insgesamt 704 Entzüge.

Fast die Hälfte der Haushalte ohne Auto

Die SP in Basel hat nun einen Vorstoss eingereicht, mit dem Personen ab 70 dazu motiviert werden sollen, ihren Ausweis freiwillig abzugeben. Dafür sollen sie ein Jahr lang gratis ein Abo für den gesamten Tarifverbund Nordwestschweiz erhalten, wie die «Basler Zeitung» berichtet.

Der Vorstoss kann auf die Tatsache gestützt werden, dass in der Stadt Basel gemäss einer Umfrage von Mikrozensus aus dem Jahr 2010 rund die Hälfte der Haushalte bereits jetzt schon ohne Auto auskommt.

Auch in der Stadt Zürich ist fast jeder zweite Haushalt ohne ein Auto. Im ganzen Kanton Zürich besitzt rund ein Viertel der Haushalte kein Auto.

Auch in Zürich eine Überlegung wert

Ist deshalb ein solcher Vorstoss auch bei der Zürcher SP ein Thema? Daniel Frei, Präsident der Zürcher SP, findet: «Der Anstoss ist durchaus eine Überlegung wert, gerade in der Stadt Zürich.» Konkret ist bei der SP Zürich aber nichts geplant. Man müsse sicher die Details, wie beispielsweise die anfallenden Kosten, genauer prüfen, bevor man ebenfalls einen gleichen Vorstoss einreichen würde, sagt Frei.

Auch SP-Kantonsrat Felix Hoesch von der Kommission für Energie, Verkehr und Umwelt bestätigt, dass diese Idee noch nicht diskutiert worden sei, er sie aber aufnehmen werde.

Einerseits könnte der Basler Vorstoss die Verkehrssicherheit erhöhen und einen Beitrag für den Umweltschutz leisten, andererseits stehen dem recht hohe Kosten gegenüber. Weiter stelle sich die Frage, ob es sinnvoll ist, auch fahrtaugliche Rentner zur Abgabe ihres Fahrausweises zu bewegen und so ihre Bewegungsfreiheit einzuschränken.

Pro Senectute bietet Verkehrskurse an

Die Idee vom kostenlosen ÖV-Abo hält Werner Schärer, Direktor von der Pro Senectute Schweiz, für überlegenswert, sie sei aber nicht auf alle Senioren ab Alter 70 pauschal anwendbar. Mobilität sei auch im Alter ein wichtiges Gut. Ein Auto, vor allem auch in ländlichen Gebieten, bedeute oft Unabhängigkeit und Lebensfreude und ermögliche Senioren, eine gewisse Selbstständigkeit zu erhalten.

Einer Forcierung des Wechsels von Auto zu ÖV steht Werner Schärer kritisch gegenüber: «Grundsätzlich sind wir gegen «Zwänge» und «Bevormundung» von Senioren. Wir plädieren auf Selbstverantwortung und gezielte Aufklärungsarbeit.»

Pro Senectute bietet deshalb seit Jahren «Verkehrskurse» an. «Die kantonalen Pro-Senectute-Organisationen, welche solche Kurse anbieten, klagen nicht über mangelndes Interesse», sagt Schärer.

Der 82-jährige Rentner Ernst Wenger aus Glattfelden hält wenig von diesem Angebot. «Da ich ausserhalb der Stadt wohne, bin ich auf ein Auto angewiesen, um meine Einkäufe tätigen zu können.» Er selbst hat den obligatorischen Fahreignungstest gerade eben wieder erfolgreich absolviert. Als eine Schikane betrachtet er diesen nicht.

Das kostenlose ÖV-Abo hält Ernst Wenger für einen zu geringen Anreiz: «Die Kosten eines Abonnements sind nebensächlich, da ja ohnehin die Unterhaltskosten für das Auto wegfallen würden.» Die Probleme, welche die fehlende Mobilität mit sich bringt, würden überwiegen, findet der Pensionär.

Via sicura kommt Senioren entgegen

Die Mobilität von betagten Menschen möglichst lange erhalten möchte auch das zweite Massnahmenpaket des Bundes, Via sicura. Ab 2015 sollen auch Personen, welche die medizinischen Anforderungen nicht mehr ganz erfüllen, auf definierten Strecken weiter fahren dürfen. «Der Führerausweis kann namentlich örtlich, zeitlich, auf bestimmte Strassentypen beschränkt werden», steht in der Verordnung des Bundes.

Das könnte zum Beispiel so aussehen, dass eine Person nachts nicht mehr auf die Autobahn darf, jedoch weiterhin von der Wohnung bis zum Dorfladen fahren kann.

Einige wenige Kantone erteilen schon heute in absoluten Ausnahmefällen Fahrbewilligungen. Die entsprechenden Rayons würden auf dem Fahrausweis mit einem Code vermerkt, ähnlich wie das obligatorische Tragen einer Brille.

Erstellt: 22.07.2014, 20:22 Uhr

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Pro Senectute Schweiz

Pro Senectute setzt sich seit bald 100 Jahren für ältere Menschen ein. Pro Senectute ist die grösste Fach- und Dienstleistungsorganisation der Schweiz und berät Seniorinnen und Senioren kostenlos in über 130 Beratungsstellen schweizweit.

Mit vielfältigen Dienstleistungen und spezifischen Angeboten unterstützen 1000 Mitarbeitende und 15'000 Freiwillige die ältere Bevölkerung in allen Belangen rund um das Alter.

Über eine halbe Million Menschen im Pensionsalter sowie deren Angehörige nutzen die Angebote.

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