Grosse Ansprüche an kleine Parteien

Das Schicksal von Martin Graf zeigt, dass der antiautoritäre Geist der Wähler nicht alle Magistraten gleich trifft.

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Über Jahrzehnte wurde im Kanton Zürich jeder Regierungsrat, der zur Wiederwahl antrat, bestätigt. Dann kam der Doppelschlag: 2011 wurde CVP-Magistrat Hans Hollenstein vom Grünen Martin Graf verdrängt. Am vergangenen Sonntag wurde Graf seinerseits abgewählt – der Sitz ging zurück zur CVP.

Martin Graf wurde seine Amtsführung zum Verhängnis. Das zeigt, dass nicht nur Lehrer oder Pfarrer unter der Erosion ihrer Autorität leiden. Auch Magistraten sind davon betroffen. Ein Regierungsrat, der erneut kandidierte, war früher so gut wie gewählt. Die Autorität des Amts war so stark, dass die Details der Amtsführung gar nicht interessierten.

Der Wähler hat Ansprüche

Diese Zeiten der Akklamationsdemokratie sind vorbei, und das ist gut so. Der Wähler hat Ansprüche an das politische Personal, und er achtet darauf, ob seine Erwartungen erfüllt werden. Ist das nicht der Fall, entzieht er den Regierenden die Gunst.

Der antiautoritäre Geist der Wähler trifft aber nicht alle Magistraten gleich. Er trifft vor allem die Vertreter von Kleinparteien: Ein grüner Regierungsrat, der im bürgerlichen Kanton Zürich bestätigt werden will, schafft dies nur, wenn er ausserhalb seines Lagers punkten kann. Er muss bürgerliche Wähler überzeugen, dass er die Wiederwahl verdient. Das ist nicht einfach, weil ausserhalb des eigenen Biotops die Loyalitäten und Sympathien flüchtig sind.

Grosspartei-Magistraten können sich mehr erlauben

Darum hatte die Affäre Carlos für Martin Graf so fatale Folgen: Er hat bürgerliche Wähler gegen sich aufgebracht – das kostete ihn die entscheidenden Stimmen. Wäre die Affäre in die Zuständigkeit eines SVP- oder FDP-Regierungsrats gefallen, hätte sie kaum zur Abwahl geführt. Vertreter von Grossparteien können sich mehr Fehler erlauben, weil sie eine grosse, loyale und vor allem nachsichtige Hausmacht besitzen.

Die Fälle Hollenstein und Graf zeigen, dass die Ansprüche an die Vertreter von Kleinparteien höher sind als jene an Grosspartei-Magistraten. Wollen sich «Kleine» behaupten, müssen sie besonders gut sein. Das mag unfair sein, sollte aber gleichzeitig die ­Wähler motivieren, solchen Kandidaten eine Chance zu geben.

Erstellt: 15.04.2015, 23:10 Uhr

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