Grossherzigkeit liegt im Detail

Teure staatliche Unterstützung für Sozialfälle sorgte in letzter Zeit mehrfach für Aufsehen. Wie hoch dürfen diese Ausgaben denn sein?

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Was darf die staatliche Betreuung verwahrloster ­Menschen kosten? Diese Frage diskutiert die Schweiz nicht erst, seit der Fall «Carlos» publik wurde, aber seither besonders leidenschaftlich. Der Fall der sieben­köpfigen eritreischen Flüchtlingsfamilie, den der Tagesanzeiger.ch/Newsnet heute im Detail nachzeichnet, verleiht der Frage neue Brisanz.

Betroffen ist nicht der reiche Kanton Zürich, sondern ein Dorf weitab auf dem Land. Eine halbe Million Franken für Sozialhilfe, individuelle Betreuung und Kinderheime sind dort richtig viel Geld, nicht nur ein Rundungsfehler in der Jahresrechnung.

Wenn solche Beträge die Runde machen, ist der erste Gedanke: Das darf doch nicht wahr sein! Eltern versagen bei der Erziehung ihrer Kinder, sind wirtschaftlich gescheitert und lehnen es womöglich ab, sich in unsere Gesellschaft einzufügen, unsere ­Normen und Sitten anzuerkennen. Und dafür soll der Staat die Zeche zahlen, also wir alle?

Man überschlägt im Kopf seine Steuerrechnung, vergleicht das Ergebnis mit den Betreuungsbeträgen in der Zeitung und ärgert sich. Das Verständnis wäre noch vorhanden, wenn mit der staatlichen Obhut in irgendeiner Art auch noch eine Bestrafung verbunden wäre. Aber sowohl im Fall «Carlos» als auch bei der eritreischen Mutter mit ihren sechs Kindern ist nach ­aussen nichts als Betreuung, Fürsorge, Therapie zu ­erkennen. Böse gesagt: Verhätschelung.

Nun zeigt sich aber genau bei der «schrecklich teuren Familie», welch fundamentalen Unterschied es macht, ob sich der Fall in der Anonymität eines kantonalen Sozial- und Justizsystems abspielt oder eben in einer Gemeinde, in der jede jeden kennt. «Carlos» konnte nur über den Umweg der Medien wahrgenommen werden. Empörung und die eher theoretische Einsicht, dass ein solcher Spezialfall eben spezielle Massnahmen nötig macht, wogten hin und her.

Die Leute im Dorf dagegen kennen die Familie persönlich, leiden unmittelbar unter ihrer Verwahr­losung und spüren Kosten womöglich schmerzlich auf dem eigenen Lohnkonto. Bisher reagierten sie ­erstaunlich gelassen, menschlich und grossherzig.

Erstellt: 05.09.2014, 23:26 Uhr

Edgar Schuler, Ressortleiter Zürich, über die «schrecklich teure Familie».

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