Grossmutter und Grossvater haben keinen Anspruch auf die Enkel

Wenn Eltern nicht für ihre Kinder sorgen können, kommen nicht automatisch die Grosseltern zum Zug.

Zeichnung: Ruedi Widmer

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Es ist für viele Menschen das Selbstverständlichste: Können sich Eltern aus irgendeinem Grund nicht um ihre Kinder kümmern, so springen die Grosseltern ein. Die Realität scheint dieser Meinung auch recht zu geben. Hunderte Enkel leben zumindest zeitweise bei den Gross­eltern. Umso grösser ist das Unverständnis, dass die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) im Fall Flaach ein Heim den Grosseltern vorzog – obwohl diese bereit gewesen wären, sich um die Kinder zu kümmern, als die Eltern inhaftiert wurden.

Doch so einfach, wie die alltäglichen Erfahrungen suggerieren, ist die Sache nicht. Zunächst ist da die Rechtslage, und die ist nach den Worten von Chris­toph Häfeli «glasklar». Häfeli, Jurist, Sozialarbeiter, emeritierter Professor und Kesb-Berater, ist einer der besten Kenner der Materie. Er sagt: «Grosseltern haben keinen Anspruch auf ihre Enkel – aber umgekehrt auch keine Verpflichtungen im rechtlichen Sinn.» Das gelte im Übrigen auch für andere Verwandte, beispielsweise Tanten und Onkel, Geschwister oder Götti und Gotte.

Auf der anderen Seite haben die Kesb – anders als früher die Vormundschaftsbehörde – das Subsidiaritätsprinzip zu befolgen. Das heisst, dass der Staat nur einspringt, wenn es nicht anders geht. Oberstes Ziel ist es, dass die Kinder zu ihren Eltern zurückkehren können. Dann wird die Unterbringung bei Verwandten geprüft und schliesslich die Platzierung in einem Heim oder einer fremden Pflegefamilie. «Steht ein Obhutsentzug zur Diskussion, überprüfen die Kesb immer, ob Angehörige die Kinder übernehmen können», sagt Ruedi Winet, Präsident der Zürcher Kesb-Präsidien-Vereinigung. «Es kommt immer wieder vor, dass Grosseltern die Obhut übernehmen.» Verlässliche Zahlen liegen aber keine vor.

Konflikte können sich zuspitzen

Rechtlich gilt eine Unterbringung bei den Grosseltern als Pflegeplatzierung. Das ist vor allem deshalb wichtig, weil es für die Praxis bedeutet, dass die Kesb in der Pflicht sind, eine solche Platzierung genauso streng zu prüfen wie eine Unterbringung in einem Heim oder einer Pflegefamilie.

Und diese strenge Prüfung ist nach Ansicht von Fachleuten auch richtig, gerade bei Obhutsentzügen, also wenn die Kinder per Kesb-Beschluss von ihren Eltern getrennt werden. Entscheidend sei, sagt Irène Inderbitzin vom Verein Kinderanwaltschaft Schweiz, das Kindesinteresse: «Dieses muss im Zentrum stehen.» Hätten Grosseltern oder andere Verwandte quasi den Vorrang, könne man diesem Anspruch nicht mehr gerecht werden, sagt sie.

Zumal es – anders als Laien oft glauben – keineswegs immer unproblematisch ist, Grosseltern als Pflegeeltern zu bestimmen. «Die jahrzehntelange Erfahrung zeigt: Es gibt gute Gründe, Kinder nicht bei den Grosseltern zu platzieren», sagt Christoph Häfeli. «In der Mehrzahl der Fälle führt das zu einer sehr grossen Belastung und zu Konflikten.» Ruedi Winet stimmt zu: «Wir haben es ja bei den Kesb nicht mit unproblematischen Familiensituationen zu tun, sondern solchen, die ohnehin sehr schwierig sind. Die Gefahr ist gross, dass die Kinder aufgerieben werden in einem Konflikt zwischen Eltern und Grosseltern.»

Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass das Gesetz den Pflegeeltern relativ wenig Entscheidungsbefugnis einräumt. Zwar bestimmen sie über alltägliche Dinge wie die Bettzeit und den Menüplan. Dennoch bleibt das Sorgerecht bei den leiblichen Eltern; alle wegweisenden Entscheidungen fällen sie. «Das Konfliktpotenzial ist riesig», sagt Häfeli. «Ich kenne Fälle, da wird über den Haarschnitt gestritten.»

Die schwache Position der Pflegeeltern fällt umso mehr ins Gewicht, wenn das Pflegekind besondere Unterstützung, etwa eine Therapie, braucht. Das komme oft vor, heisst es in einem «Ratgeber für Verwandtenpflegeeltern» der Universität Bremen: «Kinder, die in Pflege gegeben werden, haben oft viele belastende Erfahrungen gemacht. Sie sind deswegen oft fordernder und anstrengender als andere Kinder.» Nur: Über Fördermassnahmen entscheiden die Eltern – und stellen sich diese quer, kann das die pflegenden Grosseltern heillos überfordern. Nicht selten fordern die leiblichen Eltern früher oder später ihr Kind zurück.

Ein weiterer Grund, warum es absolut zentral ist, Pflegeverhältnisse in der Verwandtschaft genau zu überprüfen: Studien zeigen, dass gewisse Familienprobleme, etwa Gewalt und Misshandlungen, über mehrere Generationen existieren.

Schwieriger Rollenwechsel

Aber selbst wenn das Einvernehmen zwischen Eltern und Grosseltern gut sein sollte, birgt eine solche Pflegeplatzierung Risiken. Christoph Häfeli sagt: «Wir beobachten in vielen Fällen, dass sich die Grosseltern überfordern.» Etliche kommen mit dem Rollenwechsel nicht zurecht, wenn sie plötzlich Grenzen setzen und Forderungen stellen müssen. Zumal es, so warnt der Bremer Ratgeber, nicht selten vorkommt, dass die Kinder irgendwann den Pflegeeltern die Schuld daran geben, dass sie nicht mehr bei ihren Eltern leben dürfen.

Manchmal fehlt den pflegenden Gross­eltern auch genau das, was Eltern in funktionierenden Familien haben: der Rückhalt der Grosseltern. Und nicht nur ihnen. Wer die Enkel in Pflege nimmt, muss sich auch bewusst sein, dass er diese faktisch um ihre Grosseltern bringt – und damit möglicherweise auch um einen Rückzugsort, wo sie abschalten und loslassen können.

Nicht zu unterschätzen ist schliesslich der Effekt, der sich zwangsläufig einstellt, wenn Kinder über längere Zeit bei Verwandten untergebracht sind: Es wird immer schwieriger, sie zurück zu den Eltern zu platzieren. «Bereits nach einem Jahr kann sich das Kind so stark an die Pflegeeltern binden, dass es durch eine Trennung in seiner Entwicklung gestört würde», warnt der Ratgeber der Uni Bremen. Mit anderen Worten: Wer ein Kind in Pflege nimmt, muss damit rechnen, dass es bleibt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.02.2016, 23:34 Uhr

Freiwillige Pflege

Was gilt, wenn Grosseltern die Obhut übernehmen

Wer im Zivilgesetzbuch nach Rechten und Pflichten von Grosseltern sucht, findet: nichts. Sinngemäss gelten die Regeln für Pflegefamilien. Im Folgenden die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was gilt es zu beachten, wenn Eltern ihre Kinder freiwillig in die Obhut der Grosseltern geben?
Rechtlich gesehen gilt das als Pflegeplatzierung, sobald die Kinder mehr als einen Monat gegen Entgelt oder mehr als drei Monate unentgeltlich in der Obhut der Grosseltern bleiben. Eine solche Platzierung ist bewilligungspflichtig; in der Regel erteilen die Kesb eine solche Bewilligung ohne weiteres, sofern die Verhältnisse unproblematisch sind. In der Praxis sind den Behörden nicht alle verwandtschaftlichen Pflegeverhältnisse bekannt.

Welche Rechte haben Eltern, wenn sie ihr Kind in Pflege geben?
Sprechen keine wichtigen Gründe, etwa eine psychische Erkrankung, dagegen, bleibt das Sorgerecht bei den Eltern. Alle wichtigen Entscheide fällen also sie. Zudem haben sie das Recht, ihre Kinder zu besuchen.

Wie viele Kinder leben in der Schweiz bei Grosseltern oder anderen Verwandten?
Dazu gibt es keine verlässlichen Zahlen. Insgesamt leben rund 14'500 Kinder in Pflegefamilien, davon etwa 70 Prozent im sozialen Umfeld der Eltern. Die meisten Pflegeplatzierungen erfolgen freiwillig, nur jede siebte Fremdplatzierung wird von den Kesb angeordnet.

Können Eltern verlangen, dass die Kinder z. B. im Todesfall zu den Grosseltern kommen?
Manche Kesb nehmen eine Art Sorgerechtstestament entgegen, das aber nicht bindend ist. Die Kesb klären immer ab, welche Lösung für das Kind am besten ist. Müssen Kinder zu Lebzeiten der Eltern fremdplatziert werden, müssen die Kesb alle Beteiligten anhören.

Haben Grosseltern ein Recht darauf, ihre Enkel regelmässig zu sehen?
Nein, es gibt weder Grosselternrechte noch -pflichten. Wenn Eltern keinen Kontakt zu den Grosseltern zulassen, so haben diese meist geringe Chancen, rechtlich vorzugehen.

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