Gut bauen heisst nicht verbauen

Ortsbilderschutz: Dörfer können durchaus wachsen, ohne dabei ihre Authentizität zu verlieren. Die Politiker müssen nur wollen.

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Neulich auf Velotour durch die Zürcher Landschaft: Wir ärgern uns über die Dörfer, die weder Fisch noch Vogel sind. In denen Alt und Neu, Riegelhäuser und biedere Einfamilienhäuschen wie Kraut und Rüben zusammengewürfelt stehen. Viele Siedlungen auf dem Lande haben ihre Authentizität, ihren Charakter und damit ihren Charme verloren. Dies zeigt sich auch bei der Aktualisierung des Bundesinventars der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung (Isos): Allein in den Zürcher Regionen Oberland, Unterland und Limmattal wurden 6 von 30 schützenswerten Ortsbildern aus dem Inventar gekippt, weil sie unschön und übermässig verbaut wurden.

Kulturland- und Zweitwohnungsinitiative zeigen deutlich: Die Mehrheit der Leute, gerade aus den städtischen Regionen, wollen keinen Einheitsbrei auf dem Lande, sind gegen Zersiedlung. Gleichzeitig sind es die Städter auf Stadtflucht, die diese Dörfer verbauen. Doch werden diese in den Dörfern oft nur allzu gerne aufgenommen, bringen sie doch Steuern und manchmal auch Schulkinder und damit Leben ins Dorf. «Wir wollen nicht das Heididorf der Städter sein», sagt ein Gemeindepolitiker. Doch muss denn Bauen immer Verbauen heissen?

Manuel Peer, der beim Kanton Aargau Gemeinden bei der Siedlungsentwicklung berät, ist dezidiert der Meinung: «Auch ländliche Gemeinden mit intakten Dorfkernen können wachsen, ohne dass sie ihren spezifischen Charakter verlieren.» Dazu müsse allerdings die Politik willens sein, dem Druck der Investoren standzuhalten und auf guter Architektur zu bestehen, auch wenn diese aufwendiger sei und vielleicht etwas weniger Rendite abwerfe.

Nicht schön, sondern typisch

So befinden in vielen kleinen Gemeinden heute noch der Lehrer und der Metzger darüber, ob eine Überbauung bewilligt wird oder nicht. Fachleute werden nicht beigezogen. Deshalb halten sich die Neubauten wohl an die vorgeschriebenen Giebelhöhen und Abstände, doch sie reagieren nicht auf die gewachsenen Strukturen und integrieren sich dadurch schlecht.

Das Isos will explizit nicht das Bauen verhindern. Bereits in den Prämissen ist festgehalten, dass man nicht die Ortsentwicklung stoppen, sondern eine nachhaltige Planung fördern wolle. So werden nicht nur Schmuckkästchen-Dörfchen aufgenommen. Es gibt auch die Kategorie «verstädtertes Dorf» oder «Spezialfall», was oft einstige Industriegebiete bezeichnet, die für die Region prägend waren. Es geht nicht um das Schöne, sondern um das Typische und damit um die Identität eines Ortes.

Nur scheint es, dass eine Aufnahme ins Ortsbilder-Inventar auf lokaler Ebene zu wenig Durchsetzungskraft hat. Einerseits, weil der Bund die Verantwortung dafür an die Kantone delegiert und diese den Auftrag oft als unverbindliche Empfehlung interpretieren. Zum andern, weil ein Eintrag kaum konkrete Auswirkungen hat. Es gibt keine zusätzlichen Vorschriften und auch kein Geld vom Bund.

Erstaunlich ist, dass die Gemeinden, die aus dem Inventar gestrichen wurden, das mit einem Achselzucken hinnehmen. Eigentlich ein Affront gegenüber dem Fachwissen, Geld und sicher auch Herzblut, welches die Isos-Mitarbeitenden für das Inventar hergeben. Das Isos müsste es schaffen, zu einem Label wie etwa «Energiestadt» zu werden, das sich die Gemeinden stolz ans Gemeindehaus nageln und entsprechend ernst nehmen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.07.2014, 07:19 Uhr

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