Häusliche Gewalt: Ein Dutzend Fälle am Tag

«Wer schlägt, der geht»: Das gilt seit zehn Jahren. Jetzt zieht die Zürcher Polizei Bilanz: 90 Prozent der Opfer von häuslicher Gewalt sind weiblich. Und 93 Prozent der Täter männlich.

Gewalt in der Familie oder Partnerschaft: Die Kapo Zürich will die Bevölkerung sensibilisieren.

Gewalt in der Familie oder Partnerschaft: Die Kapo Zürich will die Bevölkerung sensibilisieren. Bild: Maurizio Gambarini/Keystone

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Am 1. April 2007 trat im Kanton Zürich das Gewaltschutzgesetz (GSG) in Kraft, das insbesondere in Fällen von häuslicher Gewalt greifen soll. Seit zehn Jahren können die Polizisten damit Kontakt- und Rayonverbote für Gewalttätige aussprechen. Mit dieser Schutzmassnahme, die vorerst für 14 Tage gilt und ohne Strafanzeige möglich ist, soll das Opfer geschützt und die Situation zwischen den Betroffenen beruhigt werden.

Heute wird also nicht mehr wie früher das Opfer aus seinem Umfeld gerissen und in eine sichere Institution gebracht. Sondern es gilt das Motto: «Wer schlägt, der geht.» Das sagte Reinhard Brunner, Chef der Präventionsabteilung der Zürcher Kantonspolizei, heute Mittwoch vor den Medien. Gleichzeitig ist ein kantonales Bedrohungsmanagement aufgebaut worden. In diesem Netzwerk arbeiten verschiedene Behörden, Opferhilfestellen und weitere Institutionen eng zusammen. Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit wurde laut Brunner stetig verstärkt und optimiert.

Wirkungsvolle Massnahmen

Eine Studie des kriminologischen Instituts der Universität Zürich zeigt «eine positive Wirkung der Massnahmen», wie Rahel Ott von der Kapo-Interventionsstelle gegen Häusliche Gewalt sagte. So gaben neun von zehn befragten Opfern ein Jahr nach dem Vorfall an, dass sich ihre Situation dank der angeordneten Massnahme verbessert habe. Ebenso viele sagten denn auch, dass sie die Polizei in einem ähnlichen Fall wieder alarmieren würden. «Drei Viertel meinten gar ‹auf jeden Fall›.»

Aufschlussreich ist gemäss Studie auch, weshalb die Opfer die Polizei alarmiert haben: Die Bestrafung des Täters steht demnach nicht im Vordergrund - lediglich 18 Prozent gaben dies als Grund an. Deutlich häufiger wünschten sich die Opfer ein Ende der Gewalt (69 Prozent), Schutz (65 Prozent), eine Problemlösung (41 Prozent) und den Schutz von Kindern und anderen Personen (24 Prozent).

Allerdings zeigte sich in der Studie auch, dass sich viele gar nicht erst an die Polizei wenden. Die meisten von ihnen, die auf eine Alarmierung verzichten, haben Angst vor dem Täter, schämen sich oder glauben, die Situation selber in den Griff zu kriegen. «Das wollen wir ändern», sagte Brunner. Mit der Kampagne «Stopp Häusliche Gewalt» will die Kantonspolizei Betroffene ermutigen, sich so früh wie möglich zu melden. «So kann rechtzeitig geholfen werden, und es können schwerwiegende Gewalttaten verhindert werden», heisst es in einer Mitteilung der Polizei.

Meist in bestehenden Partnerschaften

Gewalt in partnerschaftlichen und familiären Beziehungen kommt gemäss Brunner «in allen Altersstufen, Kulturen und sozialen Schichten» vor. Pro Tag rücken die Zürcher Polizeien über ein Dutzend Mal wegen häuslicher Gewalt und Familienstreitigkeiten aus: 2016 wurden insgesamt 5037 Vorfälle registriert. Bei jedem fünften davon wurden Schutzmassnahmen angeordnet.

Gemäss der Studie sind 90 Prozent der Opfer weiblich, 93 Prozent der Täter sind männlich. Schutzmassnahmen werden vor allem in bestehenden Partnerschaften (53 Prozent) oder nach deren Ende (31 Prozent) verhängt. In jedem zehnten Fall wird Gewalt in einer Eltern-Kind-Beziehung angewandt - wobei die Gewalt etwas häufiger vom Kind als von den Eltern ausgeht. Konflikte unter Geschwistern, in der Verwandtschaft oder in Wohngemeinschaften machen den Rest der Fälle aus (6 Prozent). (sda)

Erstellt: 29.03.2017, 14:43 Uhr

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