Handfeste Vorteile statt hohler Appell

Darum erübrigt sich eine Moralpredigt für Einkaufstouristen.

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Dieses Wochenende war auf Schweizer Strassen wieder viel los. Die einen waren auf der Suche nach der Sonne, die anderen nach Tiefstpreisen. Unter Rechtfertigungsdruck kamen nur die Schnäppchenjäger, die über die deutsche Grenze fuhren, um den Kofferraum mit günstigen Windeln zu füllen. Da heben die gesunden Lokalshopper den ethisch korrekten Zeigefinger, während das heimische Gewerbe ans Pflichtgefühl ­appelliert und vor dem wirtschaftlichen Schaden warnt. Fazit: Schweizer Einkaufstouristen leben zwar günstig, werden aber mit Verachtung gestraft.

Zu Unrecht. Denn den Verzicht auf die Preis­vorteile jenseits der Grenze muss man sich leisten ­können. Für eine Mittelstandsfamilie, herausgefordert durch steigende Krankenkassenprämien, Kinderbetreuungsgelder und Wohnungsmiete, ist dies der Spielraum, um Geld für anderes zu sparen. Es ist arrogant, ihr vorzuwerfen, diesen Spielraum auszunutzen.

Besonders hohl klingt der Vorwurf fehlender ­Solidarität mit der Schweizer Wirtschaft. In einer Zeit, in der jede Branche, jeder Politiker den eigenen Vorteil im Blick hat, sollen die normalen Verbraucher ans Ganze denken? Natürlich hat der ­Einkaufstourismus Kosten: Der Verkehr schadet der Umwelt, das Shoppen im Ausland kostet Arbeitsplätze. Doch bei der ­Lösung dieser Fragen tritt Bern immer wieder auf die Bremse. Insbesondere haben das Parlament und ­Interessenvertreter der Importwirtschaft die Revision des Kartellgesetzes verhindert und damit die Hoffnung auf günstigere Konsumartikel zunichtegemacht.

Die Frage ist also weniger, wann die Schnäppchenjäger ein Einsehen haben, sondern: Wann haben es die Politiker? Es reicht auch nicht, wenn sie die vor kurzem eingereichte parlamentarische Initiative gegen überhöhte Importpreise abnicken. Denn dann erst beginnt die Knochenarbeit, das Kartellgesetz so zu ändern, dass Parallelimporte wirklich erleichtert werden. Werden sie dann der Versuchung widerstehen, ihren Eigen­interessen zu folgen, statt tragfähige Lösungen zu verabschieden? Eine Moralpredigt für Einkaufstouristen erübrigt sich, denn sie reagieren nicht auf hohle ­Appelle, sondern auf handfeste Vorteile.

Erstellt: 06.04.2015, 23:31 Uhr

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