Hauptsache Lesen – auch wenn es ein «Bravo»-Heft ist

Mit Erzählnächten, Lesetagebuch und Autoren versuchen Zürcher Schulen, Kinder ans Lesen heranzuführen. Doch der Verbandspräsident sieht Verbesserungspotenzial.

Mit regelmässigen Bibliotheksbesuchen wird an Zürcher Schulen die Lesekompetenz gefördert.

Mit regelmässigen Bibliotheksbesuchen wird an Zürcher Schulen die Lesekompetenz gefördert. Bild: Laurent Gilleron/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mitte November fläzen sich Schülerinnen und Schüler im Klassenzimmer abends auf Kissen. Das Licht ist gedimmt. «Sofie rennt, dann knallt es», beginnt der Vorleser seine Geschichte. Die Erzählnacht hat in vielen Zürcher Schulen Tradition – zur Leseförderung.

Lesen gehört zu den Grundkompetenzen auf allen Zürcher Schulstufen. Sobald Erstklässler einige Buchstaben beherrschen, wird es trainiert. Später können zum Beispiel Konfettis auf die Texte gestreut werden, damit Kinder unvollständig sichtbare Texte sinnhaft ergänzend lesen lernen. Klassen verbringen Lektionen in der Schulbibliothek, Kinder machen Buchpräsentationen oder führen ein Lesetagebuch, es gibt Klassenlektüren und Autorenbesuche. Antolin, das webbasierte Programm zur Leseförderung, ist beliebt. Für Christian Hugi, Präsident des Zürcher Lehrerverbandes LVZ, sind auch die in Zürcher Schulen verwendeten Lehrmittel im Bereich Lesen attraktiv aufbereitet. «Wir machen schon länger viel für die Lesekompetenz.»

Für die Demokratie

Die neuesten Ergebnisse der Pisa-Studie machen Hugi dennoch ratlos. Er hat zwar ein gewisses Verständnis dafür, dass die klassische Lektüre im Vergleich zum Lesen auf dem Smartphone weniger attraktiv ist. «Heute muss man gar nicht mehr lesen können, um etwas zu verstehen. Videos zeigen vieles.»

«Heute muss man gar nicht mehr lesen können, um etwas zu verstehen. Videos zeigen vieles.»:Christian Hugi, Präsident Zürcher Lehrerverband.

Dass einer von zehn 15-Jährigen aber nicht unterscheiden kann, ob ein Text nur Fakten oder eine Meinung beinhaltet, dürfe nicht sein. «Da sind wir als Schule in der Verantwortung. In einer Demokratie müssen Kinder sowohl Texte als auch Aussagen kritisch auf ihre Wahrhaftigkeit hinterfragen können.» Interessant wäre für ihn der Bildungsverlauf der getesteten Schüler, um den Knick in der Lesebiografie zu sehen.

Für Sek-ZH-Präsident Daniel Kachel sind die neuesten Zahlen nicht überraschend. «Dass Lesen in der Freizeit auf unserer Stufe ein eher stiefmütterliches Dasein geniesst, ist gesellschaftlich bedingt.» Netflix rund um die Uhr und Gamen seien attraktive Alternativen zum Lesen. Als Sekundarlehrer versucht er deshalb, präventiv auf die Problematik hinzuweisen. Hugi wie auch Kachel sind dennoch bestrebt, die Lesekompetenz weiter zu verbessern. Sie werde bei Gesprächen mit der Bildungsdirektion und der PHZH Thema sein.

Aktive Lernzeit

Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) hat schon nach der Pisa-Studie 2012 eingeräumt, dass Zürcher Schülerinnen und Schüler bei der Lesekompetenz ein Problem hätten. Sie will deshalb künftig vor allem die Leseförderung im Vorschulbereich vorantreiben. Seit dem Schuljahr 2015/2016 läuft im Kanton Zürich zudem auf der Sekundarstufe das Pilotprojekt Alle – «Aktive Lernzeit und Lernerfolge». Die neun Pilotschulen versuchen dabei, die Kompetenzen von leistungsschwächeren Schülerinnen und Schülern in Deutsch und Mathematik mit intensiver genutzter Lernzeit und unterrichtsergänzenden Lernaktivitäten zu verbessern. Ein wichtiger Teil des Projekts ist auch ein kollegiales Unterrichts-Feedback.

Die Pädagogische Hochschule Zürich (PHZH) hat seit der Pisa-Studie 2000 ein Augenmerk aufs Lesen und bietet entsprechende Weiterbildungen an. Hansjakob Schneider, Professor für Deutsch und Deutsch als Zweitsprache, sagt: «Wir nehmen seither die Lesekompetenz sehr ernst und definieren bewusst, wie Lehrkräfte Schülerinnen und Schüler diesbezüglich unterrichten sollen.»

Die PHZH teilt den Bereich in drei Ebenen ein, die spezifisch geschult werden. Auf der ersten wird die basale Fertigkeit des flüssigen Lesens gelernt. Vorlese-Tandems sind dafür seit rund zehn Jahren beliebt. Der Zuhörende meldet dem Vorlesenden Fehler zurück, das Vorlesen wird wiederholt, bis es flüssig ist. Für die kognitive Ebene des Textverständnisses sollen sich Lernende etwa schon vor dem Lesen überlegen, was sie vom Thema wissen und wie der Text gegliedert ist.

Während des Lesens soll Unverständliches angestrichen werden. Zuletzt soll die persönliche Einstellung zum Lesen und zum Lesestoff reflektiert werden. Schneider sagt: «Als Türöffner kann das auch ein ‹Bravo›-Heft sein. Ziel ist, aus einer inneren Motivation heraus zu lesen.»

Erstellt: 03.12.2019, 20:11 Uhr

Artikel zum Thema

Pisa-Test: So schlecht schneiden die Schweizer Schüler ab

Infografik Die Pisa-Resultate sind da, und die Schweiz fällt im internationalen Vergleich zurück – besonders in einem Fach. Mehr...

Schweizer Schüler schneiden in Pisa-Studie differenziert ab

Während sie in Mathematik nach wie vor Spitze sind, lagen sie in Naturwissenschaft über und beim Lesen knapp unter dem OECD-Durchschnitt. Der Lehrerverband sieht Handlungsbedarf. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Dank Hightech sicherer im Schnee unterwegs

Gewinnen Sie mit Bächli Bergsport und Mammut ein Lawinenverschütteten-Suchgerät der neusten Generation.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...